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    Rush - Alles für den Sieg
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Rush - Alles für den Sieg
    Von Carsten Baumgardt

    Kurz vor der Jahrtausendwende träumte Action-Ikone Sylvester Stallone von „seinem großen Motorsportfilm“: Jahrelang tigerte er vielbeobachtet durch die Boxengassen der Formel 1, der unbestrittenen Königsklasse dieses Spektakel-Sports, und schürte hohe Erwartungen, die er gemeinsam mit seinem Regisseur Renny Harlin in dem absurden PS-Rohrkrepierer „Driven“ brutal enttäuschte. Erst zwölf Jahre später gibt es nun den Film, der Stallone und vielen Rennsportfans vielleicht vorschwebte: All das, was beim Formel-Fantasie-Film „Driven“ gegen die Wand gefahren wurde, gelingt Regisseur Ron Howard („Apollo 13“, „A Beautiful Mind“) in dem auf wahren Begebenheiten beruhenden Formel-1-Drama „Rush - Alles für den Sieg“ herausragend. In Zusammenarbeit mit dem renommierten und für seine Akribie bekannten „Die Queen“-Drehbuchautor Peter Morgan („Frost/Nixon“, „Hereafter“) legt er ein realistisches, handwerklich perfektes und nuancenreiches Charakterdrama über das erbitterte Duell zwischen den Toppiloten Niki Lauda und James Hunt um die Weltmeisterschaft 1976  vor: ein begeisternder Sportfilm und nahezu perfekte Unterhaltung.

    Zwei völlig gegensätzliche Persönlichkeiten, ein Ziel: der Formel-1-Weltmeistertitel. Zu Beginn der 1970er Jahre drängen der Österreicher Niki Lauda (Daniel Brühl) und der Engländer James Hunt (Chris Hemsworth) als junge, hochbegabte Fahrertalente in den professionellen Motorsport. Schon während ihrer Lehrjahre in den unteren Klassen geraten die beiden immer wieder aneinander und als sie 1973 in der Formel 1 erneut aufeinandertreffen, verbindet sie längst eine extreme gegenseitige Abneigung. Der kühl-arrogante Analytiker Lauda prallt mit seiner nüchternen Art auf den exzessiv lebenden Playboy Hunt, der raucht, säuft und dennoch brillant gut Rennwagen fährt. Während Laudas Ehe mit Marlene Knaus (Alexandra Maria Lara)  skandallos leise verläuft, verliert Hunt seine Model-Gattin Suzy Miller (Olivia Wilde) an den Schauspieler Richard Burton. Der Höhepunkt des sportlichen Privatduells ist 1976 erreicht, als beide Fahrer in einem Top-Auto sitzen und auf Augenhöhe um den Weltmeistertitel kämpfen: Lauda im Ferrari gegen Hunt im McLaren. Als Titelverteidiger Lauda in der WM-Wertung nach der Hälfte der Saison scheinbar uneinholbar in Führung liegt, verunglückt der Ferrari-Fahrer beim Rennen auf dem Nürburgring schwer und erleidet lebensgefährliche Verletzungen - sein Wagen zerschellt an einer Leitplanke und geht in Flammen auf…

    Heiße Duelle gab es in der Geschichte der 1950 ins Leben gerufenen legendären Rennserie Formel 1 zuhauf: Giuseppe Farina gegen Juan Manuel Fangio, Stirling Moss gegen Mike Hawthorn, Ayrton Senna gegen Alain Prost, Michael Schumacher gegen Jacques Villeneuve (oder auch Damon Hill) und noch viele andere - die größte Rivalität herrschte jedoch wohl zwischen Niki Lauda und James Hunt, deren Privatduell in der Saison 1976 einen unfassbaren Höhepunkt erreichte und an Dramatik in jeder Beziehung nicht zu überbieten war. Kein Wunder, dass Regisseur Ron Howard und Autor Peter Morgan genau diese beiden Fahrer und genau dieses Jahr für ihren Formel-1-Film herausgepickt haben – das ist der perfekte Stoff für ein emotional aufgetanktes Testosteron-Drama. Und so führt „Rush“ zurück in eine Zeit, in der die Formel-1-Fahrer noch offen ihre Macho-Attitüde ausleben durften und der gefährliche Sport nur für besonders Wagemutige und Vollbekloppte reserviert war. Allein zehn Formel-1-Piloten starben in den 70er Jahren bei der Verrichtung ihres Berufs, in der Zeit danach waren es „nur“ noch vier, seit Ayrton Sennas Tod 1994 zum Glück bisher gar keiner mehr. Der Nervenkitzel ständiger Lebensgefahr ist in „Rush“ deutlich spürbar und Niki Laudas verheerender Feuerunfall in der Flammenhölle der Nordschleife des Nürburgrings wird in Ron Howards realitätsnaher Inszenierung zur Horrorszene.

    Der so versierte wie vielseitige Regiehandwerker Howard („Kopfgeld“, „Frost/Nixon“) hält sich eng an die historischen Fakten und fügt sie perfekt in seinen Spannungsbogen ein – so etwa auch das Umdenken in Sicherheitsfragen, das nach Laudas Unfall einsetzt. In erster Linie ist „Rush“ ein präzises Charakterdrama, aber der Hintergrund des Formel-1-Zirkus wird vor allem sportlich bis ins Detail akkurat und authentisch gezeichnet, nur wenige Einzelheiten wurden aus dramaturgischen Gründen geändert. Obwohl die geschilderten Ereignisse zumindest für Kenner der Motorsport-Szene bis ins Letzte bekannt sind, ist Spannung dabei stets garantiert. Das ist Howards inszenatorischer Raffinesse zu verdanken, der hier wie schon bei seinem Raumfahrt-Epos „Apollo 13“ an den entscheidenden Stellen ein Maximum an Emotionalität herausholt. Der ehemalige Kinderstar erweist sich erneut als gewiefter Unterhaltungsdienstleister mit einem feinen Gespür für die Publikumsinteressen. So kümmert er sich zu Beginn erst einmal um eine sorgfältige Figurenzeichnung, während er die Zahlen, Daten und Fakten zu den jeweiligen Rennserien zunächst auf das notwendige Minimum reduziert - erst am Siedepunkt des Duells zwischen Lauda und Hunt in der Saison 1976 bringt er über flott montierte Kollagen auch WM-Punktestände zur Orientierung und Spannungsförderung ins Spiel.

    Auch was die technische Seite des Metiers angeht, kann dem Oldtimer Howard keiner etwas vormachen und er findet stets die passenden Mittel. Gekonnt lässt er die rau-freizügige Atmosphäre der 70er Jahre aufleben, wobei er sich am Stil der Zeit orientiert, während er bei einigen Massenszenen gezielt, aber unaufdringlich computergenerierte Bilder einsetzt, wodurch die 38-Millionen-Dollar-Produktion deutlich teurer aussieht, als sie war. Bei den rasanten Rennszenen wiederum setzen der Regisseur und sein Kameramann Anthony Dod Mantle („Slumdog Millionär“, „Dredd“) auf viele Handkameraeinstellungen, die das Gefühl von erlebter Geschwindigkeit noch verstärken. So ist zwar nicht immer der Überblick über das gesamte Geschehen gewährleistet wie beim Formel-1-Schauen im Fernsehen, aber hier sind die Rennen schließlich in eine erzählerische Dramaturgie eingepasst und besitzen ohnehin eine ganz andere Dynamik. Vielleicht mögen die Rennszenen für sich genommen nicht ganz so brillant oder bahnbrechend sein wie in „Grand Prix“, „Le Mans“ oder auch in „Tage des Donners“, aber im Gesamtpaket ist der handlungsmotivierte „Rush“ diesen Filmen klar überlegen – und das liegt zu einem ganz wesentlichen Teil auch an den Schauspielern, die bei Howard selbst am Steuer ihrer Boliden darstellerische Akzente setzen dürfen.

    Die beiden großartigen Hauptdarsteller sind der Motor des Films und bringen ihn erst so richtig auf Touren. Zumindest dem deutschsprachigen Publikum ist der unverwechselbare Dialekt des Österreichers Niki Lauda sehr geläufig, der Deutsch-Spanier Daniel Brühl („Die fetten Jahre sind vorbei“, „Good Bye, Lenin!“) meistert die heikle Herausforderung jedoch bravourös. Er trifft den prägnanten Tonfall seines Rollenvorbilds genau, umkurvt auch sonst jede Gefahr karikierender Übertreibung elegant und katapultiert sich als eigenbrötlerischer Perfektionist in den Kreis der Oscarkandidaten - das dürfte auch dem echten Lauda gefallen, der bei „Rush“ als Berater fungierte. Chris „Thor“ Hemsworth („The Avengers“, „Cabin In The Woods“) verkörpert indes den genauen Gegenentwurf zu Brühls Disziplinfanatiker: Der australische Sonnyboy spielt den bereits 1993 im Alter von 45 Jahren verstorbenen Engländer James Hunt als charmant-flamboyanten Lebemann, der zwar ebenfalls mit einem fahrerischen Ausnahmetalent, aber nicht ansatzweise mit der brutalen Selbstkontrolle seines Widersachers gesegnet ist. Die beiden Kontrahenten verabscheuen sich mit Leidenschaft (Hunt über Lauda: „Arse-hole“, Lauda über Hunt: „Oarschloch“), wobei aber immer ein Funke Respekt für die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Gegners mitschwingt. Howard bleibt unterdessen unparteiisch und bekundet beiden Rivalen Respekt, indem er zum Ausklang seines Films historische Originalaufnahmen von ihnen einbindet.

    Fazit: Gute Formel 1-Dokumentationen wie Asif Kapadias „Senna“ oder Roman Polanskis packenden „Weekend Of A Champion“ gibt es schon einige, nun steht ihnen mit Ron Howards Rennfahrer-Drama „Rush“ endlich auch ein Spielfilm von herausragender Qualität gegenüber.

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