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Assault on Wall Street
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,0
schlecht
Assault on Wall Street
Von Christoph Petersen
Uwe Boll dreht auch gerne mal drei Filme in einem Jahr, trotzdem ist er diesmal ganz schön spät dran. Seine Rachefantasie „Assault on Wall Street“ fühlt sich nämlich an wie der Film zum Wort des Jahres 2010: Wutbürger! Während alle Welt über die anhaltende Euro-Krise und den drohenden Syrien-Krieg debattiert, rückt Boll die morallosen Auslöser der Finanzkrise zurück ins Visier, um dann abzudrücken und ihnen das allein auf Boni-Zahlungen und Country-Club-Mitgliedschaften gepolte Hirn aus dem Schädel zu ballern. Dass der Regie-Maverick vom Niederrhein sich bei der Begründung für die drastisch-blutige Abstrafung der Banker ausschließlich auf Stammtischniveau bewegt, kann man, muss man aber nicht schlimm finden. Schließlich haben schon seit den 70er Jahren  etliche Exploitation-Reißer gezeigt, dass es großen Spaß machen kann, seine Rachegelüste auch ganz ohne inhaltlichen Anspruch im Kino auszuleben. Aber auch wer „Assault on Wall Street“ als kathartische Rachefantasie in diesem Sinne akzeptiert, kann nicht zufrieden sein: Der finale Amoklauf an der Wall Street ist dermaßen öde und unpersönlich inszeniert, dass letztendlich nicht einmal die niedersten Instinkte des guilty-pleasure-hungrigen Publikums befriedigt werden.

Eigentlich stehen die Zeichen für Wachmann Jim (Dominic Purcell) auf Feiern. Immerhin hat seine Freundin Rosie (Erin Karpluk) gerade ihren Krebs besiegt und jetzt steht nur noch eine Behandlung mit Hormonspritzen aus, bis auch das angepeilte gemeinsame Babyglück wieder in den Bereich des Möglichen rückt. Aber die 300 Dollar pro Spritze erweisen sich schnell als bedeutend größeres Problem als gedacht, denn Jim rutscht unversehens in extreme finanzielle Schwierigkeiten. Nicht nur sind seine gesamten Ersparnisse offenbar im Zuge eines Finanzskandals flöten gegangen, er muss sogar noch 60.000 Dollar nachzahlen. Als dann auch noch sein Haus zwangsgeräumt werden soll und seine Freundin sich die Pulsadern aufschneidet, sieht Jim endgültig rot und entwickelt einen todbringenden Plan, die seiner Meinung nach Verantwortlichen doch noch zur Rechenschaft zu ziehen…  

Wenn Jim und seine Kumpels von ihren Problemen berichten, hört sich das an, als würden sie populistische BILD-Schlagzeilen rezitieren. Die Gespräche der Banker über neue Country-Clubs und die Verarsche der Anleger sind wiederum so übertrieben-offensichtlich, dass man sich bisweilen in einer TV-Sketchshow wähnt. Uwe Boll will den aufgebrachten Wutbürgern mit „Assault on Wall Street“ wieder eine Stimme geben – aber die Dialoge wirken derart unnatürlich und klischeehaft, dass am Ende kaum mehr als unfreiwillige Komik zurückbleibt. Zudem taugt „Prison Break“-Star Dominic Purcell mit seinem monotonen Gesichtsausdruck kaum als Sympathieträger (dazu die Los Angeles Times treffend: „mit dem Charisma eines Ziegelsteins“). Wenn Boll eine Stunde lang in aller Ausführlichkeit Schritt für Schritt erläutert, warum alles scheiße ist, ist das natürlich sowieso kein sonderliches Sehvergnügen, sondern im Gegenteil Elend pur. Das mag vom Regisseur als ernsthafte Sozialkritik gemeint sein, aber die Anhäufung von Klischees und der Verzicht auf jegliche Differenzierung erzeugt nicht Nachdenklichkeit, sondern eben Wut. Und so ist die große Frage, ob diese Wut sich am Ende auch entladen darf.

Die finale halbe Stunde entpuppt sich schließlich als eine einzige filmische Ersatzhandlung für die täglich tausendfach an deutschen Stammtischen ausgesprochene, aber so gut wie noch nie in die Tat umgesetzte Androhung: „Die müsste man mal so richtig...!“ Allerdings ist es mit dem „so richtig“ in „Assault On Wall Street“ leider nicht allzu weit her. Selbst wenn das jetzt unglaublich zynisch klingt – wer dem Publikum eine Stunde lang mit aller Macht Rachegelüste eintrichtert, der hat  anschließend gefälligst auch für deren Befriedigung zu sorgen. Aber anstatt wie in seinem vorherigen Rachefilm „Rampage“ Vollgas zu geben, begnügt sich Boll diesmal nach radikalem Auftakt (Kopfschuss auf offener Straße) mit einer steril gefilmten Büro-Schießerei, die minimal geschnitten auch als Finale einer „Law & Order“-Folge durchgehen könnte. Ein purer Exploitation-Exzess wäre hier dringend angebracht, aber Boll hatte offenbar so etwas wie ernsthafte Gesellschaftskritik im Sinn und hält sich zurück.

Kritik: Selbst wer „Assault on Wall Street“ als reinen Exploitation-Reißer akzeptiert und deshalb über die Präsentation der Anti-Banker-Argumente auf Stammtischniveau hinwegsieht, wird an dem zahnlos-lauen Geschehen kaum seinen Spaß haben. Also lieber noch mal „Rampage“ gucken – mit dem hat’s Uwe Boll ja schon einmal deutlich besser (weil radikaler) hinbekommen.
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Kommentare

  • pdm
    Tja die Wahrheit über Banker ist aber noch viel schlimmer als das angebliche Stammtischniveau, vor allem an der Wallstreet.
  • Kyrill Danilov
    Wow, gehe mit eurer Kritik mal so gar nicht konform. Gerade die 50 Anfangsminuten waren emotional und angenehm ruhig. Und angesichts der realen Hintergründe durchaus nachvollziehbar. Euer Wunsch nach Exploitation entbehrt jeglicher Vernunft, da der Film persistent realistisch bleibt, zumindest in seinem Umfang. Klar, Boll hat nicht viel Gutes bisher gebracht. Aber das hier ist definitv kein schlechter oder niveauloser Film.
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