Blau ist eine warme Farbe
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Blau ist eine warme Farbe

4,5


Von Carsten Baumgardt

Im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes 2013 dominierten wie so oft vor und hinter der Kamera die Männer. Nur ein einziges der 20 Werke in der Konkurrenz um die begehrte Goldene Palme wurde von einer Frau inszeniert („A Castle In Italy“ von Valeria Bruni-Tedeschi) und auch darstellerisch war es das vorgeblich starke Geschlecht, das die Duftmarken setzte: Michael Douglas als schriller Entertainer-Titelheld in „Liberace“, Oscar Isaac als melancholischer Folk-Music-Loser in „Inside Llewyn Davis“ und Bruce Dern als demenzkranker Kauz in „Nebraska“ sorgten für die meisten Schlagzeilen. Doch dann kam der französische Regisseur Abdellatif Kechiche („Couscous mit Fisch“) mit seinem herausragenden Drei-Stunden-Opus „Blau ist eine warme Farbe“, einem hochemotionalen, tief berührenden Liebesfilm über zwei Frauen. Das Werk avancierte zum absoluten Kritikerliebling und bestimmte von nun an die Diskussionen an der Croisette. Die Hauptaufmerksamkeit galt dabei nicht etwa den heftig-expliziten Sexszenen, sondern den beiden alles überragenden Schauspielerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux. Schließlich zeigte sich auch die Jury um Präsident Steven Spielberg begeistert, die dem Liebesdrama die hochverdiente Goldene Palme zuerkannte. Der Hauptpreis des Festivals ging dabei nicht wie sonst üblich allein an den Regisseur, sondern neben Kechiche wurden auch die beiden Hauptdarstellerinnen bedacht – eine ebenso schöne wie passende Ehre für dieses gemeinsame Herzensprojekt.

Die 15-jährige Adèle (Adèle Exarchopoulos) ist eine sehr gute Schülerin und hat klare Vorstellungen von ihrer Zukunft: Sie möchte Lehrerin werden und Kinder unterrichten. Ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit dem gutaussehenden Thomas (Jérémy Laheurte) hat sie hinter sich gebracht, ohne dabei die große Erfüllung zu finden. Erst später, als sie kurz vor ihrem 18. Geburtstag die blauhaarige Kunststudentin Emma (Léa Seydoux) kennenlernt, begreift sie, dass sie sich auch zu Frauen hingezogen fühlt. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre, Emma führt die mittlerweile als Assistenz-Pädagogin arbeitende Adèle in das Milieu der bildungsbürgerlichen Oberschicht ein, dem sie entstammt. Dort wird die angehende Lehrerin dank ihres Charmes und ihrer Natürlichkeit freundlich aufgenommen, aber ein gewisser Klassenunterschied und Adèles Unbehagen in der ungewohnten Umgebung bleibt spürbar. Die Malerin macht ihre jüngere Geliebte zu ihrer Muse und die verfällt ihr vollkommen. Als Emma einige Zeit mit ihrer schwangeren Ex-Freundin Lise (Mona Walravens) verbringt, reagiert die extrem eifersüchtige Adèle mit einer Kurzschlusshandlung: Wütend und einsam zieht sie los und reißt einen Mann auf…

„Blau ist eine warme Farbe“ (Originaltitel: „La Vie D’Adèle“) basiert sehr lose auf der Graphic Novel „Le Bleu est une couleur chaude“ von Julie Maroh. Seit Jahren spukte Regisseur Abdellatif Kechiche der Keim einer Geschichte über eine junge Frau im Kopf herum, die leidenschaftlich für ihren Beruf schwärmt. Aber erst in Marohs Comic-Roman fand er den zündenden Funken, der den kreativen Prozess in Gang setzte. Die Geduld, die zu Kechiches sehr organischem Ansatz des Filmemachens ganz entscheidend dazugehört, hat sich gelohnt. Die Geschichte des fertigen Films geht nicht nur weit über die Ursprungsidee hinaus, sondern sie entfaltet sich mit größter Selbstverständlichkeit fast wie von selbst. Kechiches Erzählweise ist wie immer sehr frei und wirkt kaum von dramaturgischen Überlegungen belastet, Szenen und Stimmungen dürfen sich in der Dauer entfalten und die Schauspieler bekommen den nötigen Freiraum, um ganz in ihren Rollen aufzugehen. Dadurch entsteht eine große Lebensnähe der Figuren und Situationen, die schon Kechiches vielfach preisgekrönte Vorgänger „L’esquive“ und „Couscous mit Fisch“ ausgezeichnet hat und die er hier zusammen mit seinen Darstellerinnen noch einmal auf ein neues Level bringt – „Blau ist eine warme Farbe“ ist gerade auch in seiner raumgreifenden Länge ein Werk größtmöglicher Intimität und Natürlichkeit.

Die 19-jährige Newcomerin Adèle Exarchopoulos („Die Kinder von Paris“) und die bereits etablierte Léa Seydoux („Winterdieb“, „Mission: Impossible 4“) verkörpern Adèle und Emma mit einer atemberaubenden Intensität, die in drei Stunden Spielzeit nicht nachlässt. Über die Distanz entstehen ausgefeilte und tiefschürfende Porträts der beiden jungen Frauen - vom Hochgefühl der totalen Erfüllung in der Liebe zueinander bis zum größten Weltschmerz, wenn die Beziehung sich dem Aus nähert. Selten gab es eine schönere Darstellung der vielbeschworenen Liebe auf den ersten Blick, jenes sprichwörtlichen Blitzes aus heiterem Himmel, der alles verändert, als in der Szene, in der Adèle Emma das erste Mal erblickt. Abdellatif Kechiche inszeniert das wie eine Erscheinung, er taucht förmlich in die vor Leidenschaft berstende Gefühlswelt der Figuren ein. Die Kamera ist meist ganz nah bei ihnen, selbst im Erzählrhythmus folgt der Regisseur den Empfindungen von Adèle und Emma. Tastende Verführung, verzehrende Obsession, niederschmetternde Ernüchterung – alles das ist hier mit einem jeweils eigenen Zeitgefühl verbunden und so umfasst der über fast zehn Jahre gespannte erzählerische Bogen himmlische Ewigkeiten genauso wie flüchtige Augenblicke, intensive Sekunden wie träge Stunden.

Kechiches meisterhafter Umgang mit der filmischen Zeit zeigt sich insbesondere bei den Sexszenen: Wenn das Paar fast zehn Minuten lang in wilder Leidenschaft übereinander herfällt, dann bekommt die körperliche Intimität nicht nur in der unverkrampften Sinnlichkeit und Tabulosigkeit der Szenen, sondern auch in ihrer Dauer endlich einmal eine aussagekräftige Form. Die Frei- und Großzügigkeit, mit der die Beteiligten hier zu Werke gehen, wirkt wunderbar gelassen, das brillant choreographierte Liebesspiel steckt indes voller Gefühl und sexueller Leidenschaft. Wohl keine namhafte amerikanische Schauspielerin würde sich auf derart eindeutige Sexszenen einlassen (sie scheinen im prüden Hollywood ohnehin undenkbar), aber Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux sind in jeder Hinsicht absolut furchtlos und machen aus diesen Szenen einen unverzichtbaren Bestandteil der Liebesgeschichte. Dass es sich dabei um eine lesbische Liebe handelt, hat nach Aussage von Regisseur Kechiche im Übrigen keine besondere Bedeutung, er möchte ausdrücklich kein Statement zum gerade in Frankreich heißdiskutierten Thema der gleichgeschlechtlichen Ehe abgeben. Für ihn ergeben sich etwaige soziale oder politische Resonanzen aus der Geschichte und für die zeigt er auch hier ein feines Gespür.
 
„Blau ist eine warme Farbe“ ist ganz auf seine beiden freigeistigen Heldinnen zugeschnitten, aber dabei verliert Kechiche die Klassenunterschiede zwischen ihnen nicht aus dem Blick – es herrscht eine beachtliche Kluft zwischen der Mittelschicht, aus der Adèle stammt und der intellektuellen Elite, der Emmas Familie  angehört. Sie zeigt sich in den Sprech- und Ausdrucksweisen und in vielen weiteren Einzelheiten. Im Vergleich zu den feinen Austern und Muscheln, die Emmas kultivierte Eltern zum Dinner servieren, müssen Adèle etwa die Spaghetti Bolognese, die beim Gegenbesuch mit der Freundin beim eigenen Anhang aufgetischt werden, als karges Arme-Leute-Essen erscheinen. In einer netten Wendung wird dann ausgerechnet das von Adèle in Perfektion zubereitete Nudelgericht zum absoluten Hit auf einer von Emmas Partys. Solche Details fängt Kechiche ganz beiläufig ein, nie stülpt er den Dingen mit Gewalt eine Bedeutung über, aber er lädt durchaus mit einem kleinen Augenzwinkern zu gewissen symbolischen Zuschreibungen ein. Man braucht nur einmal den internationalen Titel des Films wörtlich zu nehmen und in Beziehung zu Emmas Haarfarbe zu setzen, dann steht das Blau des Anfangs für Wärme und Geborgenheit - und wenn sie dann zu ihrem natürlichen Blond zurückkehrt, erkaltet entsprechend auch die Liebe: Trotz aller Intensität und emotionalen Kompromisslosigkeit hat der Film schließlich auch etwas Leichtes und Spielerisches.  

Fazit: Abdellatif Kechiches meisterhaftes Liebesdrama „Blau ist eine warme Farbe“ ist der verdiente Gewinner der Goldenen Palme von Cannes. Der Filmemacher und seine beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux haben ein intelligentes, emotional packendes, lebensechtes und vor Leidenschaft brodelndes Liebes-Epos geschaffen und uns nebenbei zwei der schönsten Frauenfiguren der vergangenen Jahre geschenkt.

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Kommentare

  • noemata

    Na, letztendlich ist es wahrscheinlich doch nichts weiter als ein weiterer ekelhafter Vertreter eines aufkeimenden "porn noir", ähnlich des aktuellen "L'Inconnu du lac". Explizite Sexszenen haben m.E. im Spiel-film nichts verloren. Aber da man ja immer neue Grenzen überschreiten muss, um "künstlerisch interessant" zu wirken, ist diese Entwicklung nur folgerichtig und so werden uns wohl bald "authentische" IMAX-3D-Arthousepornos um Auge, Ohr und Gemächt entgegengeschleudert werden.

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