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Clip
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Clip
Von Niklas Pollmann

Das junge serbische Kino hat bereits mit einigen grenzüberschreitenden filmischen Experimenten für Aufmerksamkeit gesorgt: Werke wie Mladen Djordjevics „Leben und Tod einer Pornobande“ und Srdjan Spasojevics „A Serbian Film“ spalteten die Gemüter. Während manche sie als bemerkenswerte Pionierleistungen im Umgang mit Hardcore-Pornografie im Film ansahen, waren sie für andere schlichtweg plakative Exploitation. „Clip“ wird der Kontroverse um die Darstellung von Sexualität weiteren Auftrieb verleihen, denn Maja Milos' Film verbindet das heikle Thema Jugendsexualität mit Hardcore-Szenen, wie man sie im Independent-Kino nur selten – z.B. in den Filmen von Larry Clark („Kids“, „Ken Park“) - sieht.

Jasna (Isidora Simijonovic) interessiert sich nur für die älteren Jungs auf ihrer Schule, mit denen sie regelmäßige Partyexzesse unter Alkohol- und Drogeneinfluss feiert. Mit dem älteren Mitschüler Djole (Vukasin Jasnic) trifft sie sich, um in devoten Sexspielen die Aufmerksamkeit zu bekommen, die ihr ihre Familie verwehrt. Denn zu Hause findet sie keinen emotionalen Halt und begegnet ihren häuslichen Pflichten und dem an Krebs erkranktem Vater mit zunehmender Gleichgültigkeit.

Das  Hauptdarstellerin Isidora Simijonovic 1997 geboren wurde, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten also erst 15 Jahre alt war, suggeriert, dass hier tatsächlich eine minderjährige Darstellerin in Hardcore-Szenen zu sehen ist. Im Abspann wird dann jedoch versichert, dass keine „underaged person“ beteiligt war und tatsächlich sieht man während den pornographischen Szenen nie das Gesicht der jungen Protagonistin. Die expliziten Sexszenen nehmen allerdings großen Raum ein, unter ihrem Gestöhne drohen die leisen gesellschaftskritischen Töne das ein ums andere Mal unterzugehen.

Immer wieder versichert Jasna ihrer Mutter, sie müsse lernen und könne sich daher nicht um ihre häuslichen Pflichten kümmern. Diesen Vorwand nutzt sie, um sich mit ihren Freundinnen oder Djole zu treffen. Hier lernt sie tatsächlich etwas, allerdings vor allem sich in einer harten, übersexualisierten Welt zu bewegen. Die Frage nach der Verantwortung dieser „verlorenen Generation“ ist das zentrale Anliegen des Films: Die Flucht in die Sexualität kontrastiert Milos mit familiären Schicksalsschlägen und einem Erzieherkurs, an dem Jasna teilnimmt. Hier lernt sie ein kleines Mädchen kennen, dessen Mutter kaum Zeit für sie hat.

Die Verschmelzung von serbischen Traumata mit sexuellen Extremen ist die Schnittmenge von „A Serbian Film“, „Leben und Tod einer Pornobande“ und „Clip“. Nicht zuletzt aber auch das Filmen von Sex: Der Titel „Clip“ bezieht sich auf die Angewohnheit Jasnas, alles noch so Intime mit ihrer Smartphone-Kamera festzuhalten. Keiner der Jugendlichen scheint damit ein Problem zu haben, jegliches Schamgefühl scheint ausgeschaltet. Und tatsächlich ist der Status Quo, so wie er in „Clip“ beschrieben wird, der einer vollkommen sittenlosen, auf die Triebe reduzierten Gesellschaft. Während die jungen Männer permanent versuchen sich mit Machtspielchen zu profilieren, ist bei den Mädchen der schamlose Umgang mit ihrer Sexualität ein ständiger Schrei nach Zuneigung egal in welcher Form.

Dabei geht es Maja Milos weniger um Jugendsexualität an sich, als darum, ein realistisches Bild der verlorenen Jugend Serbiens zu zeichnen, die sie ohne zu urteilen schildert. Trotz seiner einfachen Geschichte und der großen emotionalen Distanz zu seinen Figuren, gelingt es ihr dennoch großes Mitgefühl für die Aussichtslosigkeit dieser Generation zu erzeugen.

Fazit: Maja Milos beschreibt in „Clip“ die serbische Gegenwartsjugend als verlorene Generation, die ihr Heil in extremen Formen der Sexualität sucht. Trotz bisweilen betont skandalträchtigen Sexszenen gelingt es der Regisseurin großes Mitgefühl für ihre jugendlichen Protagonisten zu erzeugen.

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