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    Pieta
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Pieta
    Von Robert Cherkowski

    Es ist erst ein paar Monate her, dass man den koreanischen Regisseur Kim Ki-duk in seiner dokumentarischen Selbstbespiegelung „Arirang" beobachten konnte: Ein schonungsloser Blick in eine ausgebrannte und von Schuldgefühlen gemarterte Künstlerseele, wie es ihn seit Rainer Werner Fassbinders Episode in „Deutschland im Herbst" nicht zu sehen gab. Schön war das nicht und in seiner selbstkasteienden Härte für den Zuschauer ebenso belastend wie für Kim selbst. Der zeigte sich selbst als von Verzweiflung zerfressenes Häufchen Elend, das nach einer Schaffenskrise und einem fast tödlich verlaufenen Unfall am Set seines Films „Dream" völlig mit den Nerven am Ende war. „Arirang" wirkte wie ein Abschied vom Filmemachen und in seinen düsteren Momenten fast wie ein Abschied vom Leben selbst. Doch es sollte anders kommen. Im Nachhinein wirkt die entblößende Dokumentation wie ein Neubeginn im Werk Kims, der sich mit seinem 18. Film, dem Drama „Pieta", wie ein Phönix aus der Asche seiner Depressionen erhebt und dafür den Goldenen Löwen beim Festival in Venedig erhielt. Nach sehr unterschiedlich gelungenen Ausflügen zum kontemplativen Kunstfilm („Bin-Jip", „Hawl – Der Bogen") und verschnörkelten Mainstream-Versuchen („Time", „Breath") kehrt er mit seiner düsteren, christlich aufgeladenen Rachephantasie zu seinen sehr bodenständigen frühen Meisterwerken wie „Seom – die Insel", „Bad Guy" oder „Coast Guard" zurück.

    Wer sich in den Ghettos von Seoul mit Wucherern einlässt, bekommt es mit dem skrupellosen Geldeintreiber Gang-Do (Lee Jung-Jin) zu tun. Er kennt keine Nachsicht kennt und macht diejenigen, die ihre Schulden nicht begleichen zu Krüppeln; die Versicherungssumme wird selbstverständlich einbehalten. Tagtäglich geht Gang-Do seiner tristen Arbeit nach, daheim kocht er ganze Tiere, die er sich tagsüber (meist noch lebend) vom Markt holt und masturbiert sich mit autistischem Gleichmut in den Schlaf. Erst als die Mittvierzigerin Min-So (Jo Min-Su) in sein Leben tritt und behauptet, seine Mutter zu sein, kommt Bewegung in sein Dasein. Nachdem er lange versucht, sie mit Schroffheit und Gewalt zu vertreiben und auch eine versuchte Vergewaltigung nicht ausreicht, ihre Mutterliebe zu ersticken, lässt er sie an sich heran. Die Nähe jedoch macht ihn verletzlich. Eine Verletzlichkeit, die prompt bestraft wird, denn als Min-So plötzlich verschwindet, vermutet Gang-Do einen Racheakt eines verkrüppelten Schuldners und startet eine wütende Suche...

    Korea und die Rache: Ein Blick auf das Genre-Kino aus dem Süden des geteilten Landes macht deutlich, dass diese Nation von Dämonen und Vergeltungsphantasien getrieben und gepeinigt wird, die sowohl vom Stellvertreterkrieg der 50er Jahre und von der gewaltsamen Teilung, als auch von der Herrschaft der bis in die 80er Jahre wütenden Militär-Regierung herrühren. Zudem hat der Wirtschaftsboom der 90er Jahre die Bevölkerung in Sieger und Besiegte geteilt, die einander oft feindselig gegenüberstehen. Das international viel beachtete südkoreanische Rachekino, dessen Spektrum von Park Chan-wooks „Vengeance-Trilogie" über Kim Jee-woons brachiale Bilderstürme („I Saw the Devil") bis zu zahllosen schnellen Actionfeuerwerken („Art of Revenge" oder „The Man from Nowhere", um nur zwei der besseren zu nennen) reicht, wird nun mit Kims Gnadengesuch (das italienische Wort pietà bedeutet Mitleid oder auch Frömmigkeit) weiter bereichert. Kim setzt andere Akzente als seine vorgenannten Landsleute und erzählt von der Suche nach Vergebung, Gnade, Erlösung sowie von der Last der Schuld. Gang-Do gleicht daher auch eher den düsteren Figuren, die Harvey Keitel in Martin Scorseses „Hexenkessel" oder in James Tobacks „Finger - Zärtlich und brutal" dargestellt hat. Auch in „Pieta" ist es die Aussicht auf zwischenmenschliche Wärme, Liebe und Geborgenheit, die lange Jahre keinen Platz in seinem Leben hatten, die den Untergang des Protagonisten einleitet.

    Der Katalysator für Gang-Dos Höllenfahrt ist die von Jo Min-Su gespielte Min-So, die anfangs noch wie eine der sich selbst kasteienden Frauenfiguren wirkt, wie sie im Werk Kims häufig anzutreffen sind, sich aber im Finale als deutlich mehr entpuppt. Im Gegensatz zum hochstilisierten Ästhetizismus, der die Filme vieler Landsleute Kims prägt, ist „Pieta" archaisch und roh. Mit steinernen Minen ziehen die Figuren anfangs durch den Film und kommunizieren wenn überhaupt dann mittels Gewalt. Zunehmend leergeweint und emotional verausgabt schreiten sie später ihrem garantiert unschönen Ende entgegen. Hier wird immer das Allerschlimmste passieren und nicht mal das flauschigste Kaninchen kommt davon. Jede Figur ist finanziell oder moralisch so verschuldet, dass der Preis nur das Leben sein kann. Ihr moralischer Verfall spiegelt sich in der Welt, in der sie leben: Schauplatz sind die Randgebiete und Sozialghettos, die man in den schillernden Mainstream-Produktionen kaum je zu Gesicht bekommt. Diese Welt aus Ruinen, Wellblechhütten und nicht fertiggewordenen oder schon wieder im Verfall begriffenen Häusern ist genauso kaputt und marode wie die unglückseligen Figuren selbst.

    Trotz aller Verkommenheit, die er schildert, beweist Kim bei den zahlreichen Gewalt- und Verstümmelungsszenen Fingerspitzengefühl. Wann immer sich Gang-Do daran macht, seine Schuldner zu verstümmeln oder ihnen bestialische Schmerzen zuzufügen, wendet sich Cho Yeong-jik konzentriert geführte Kamera ab, oft schon so früh, dass nicht mal genau ersichtlich ist, was genau er ihnen antut. Ähnlich wie in Michael Hanekes Gewalt-Gleichnis „Funny Games" hört man die Schmerzensschreie und manchmal sieht man auch das Resultat der Untat, doch wird den Opfern in ihrer Pein immer die Würde gelassen. Anders als in vielen seiner früheren Filme weidet sich Kim diesmal nicht an plakativen, ausbeuterischen Schauwerten, verzichtet auf blutige Taschenspielertricks und lässt die Brutalität stattdessen im Kopf des Zuschauers entstehen. So sind es hier die Liebe und ein leiser Wunsch nach Glück, die die tiefsten Wunden hinterlassen.

    Fazit: Kim Ki-Duk ist zurück: Der koreanische Regie-Berserker versetzt seinem Publikum mit „Pieta" einen wuchtigen Schlag in die Magengrube und zeigt, dass mit ihm nach wie vor zu rechnen ist – auch wenn es weh tut.

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