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Zaytoun - Geborene Feinde - Echte Freunde
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Zaytoun - Geborene Feinde - Echte Freunde
Von Tim Slagman
Sei es in „Die syrische Braut“, „Lemon Tree“ oder „Playoff“: In den meisten seiner Filme beschäftigt sich der israelische Regisseur Eran Riklis mit dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Dabei bedient er sich meist eines klassischen Erzählmusters und zeigt das Große im Kleinen auf: Ein System, ein Konflikt, in der Regel der Nahost-Konflikt, spiegelt sich in den Zwängen, auf die der Protagonist stößt. Dies ist ein herkömmliches, beinahe schon banales dramaturgisches Verfahren, aber es verhindert, dass Riklis‘ Filme zu Pamphleten werden – jedenfalls in den meisten Fällen. Denn in seinem neuen Drama „Zaytoun“ stößt diese Methode an ihre Grenzen.

Hauptfigur ist der palästinensische Flüchtlingsjunge Fahed (Abdallah El Akal), den es nach Beirut verschlagen hat. Eines Tages stürzt der israelische Jägerpilot Yoni (Stephen Dorff) über der Stadt ab und wird von der Rebellenzelle, die Fahed für den Kampf trainiert, in ein provisorisches Gefängnis gesteckt. Doch als nach seinem Vater, der bei einem Bombenangriff ums Leben kommt, auch noch ein Freund von Fahed bei einem dummen Streich getötet wird, will der Junge nur noch raus. Er schnappt sich den letzten Olivenbaum der Familie, den sein Vater unbedingt wieder in Heimaterde pflanzen wollte, und befreit Yoni, damit der Feind ihm hilft, über die schwer bewachte Grenze nach Hause zu kommen.

Libanon, Israel, Palästina: Der erste Teil des im Jahr 1982 angesiedelten Films fordert vom Zuschauer entweder zeitgeschichtliche Kenntnisse oder viel Aufmerksamkeit, um die Motivationen der Figuren und die politische Konstellation in ihrer Gänze zu erfassen. Dem Vergleich mit dem wunderbaren „Waltz With Bashir“, der sich angesichts des historischen Settings geradezu aufdrängt, hält Eran Riklis‘ neuer Film allerdings nicht stand. Wo Ari Folman mit seinem dokumentarischen Animationsfilm eine sensible Studie über Erinnerung, Subjektivität und persönliche Geschichte gelang, entgleitet Riklis sein Film bald zum konventionellen Buddy-Roadmovie mit allzu vorhersehbarem Ausgang.

Doch der Reihe nach: Zu Beginn gelingt es Riklis, ein überzeugend ambivalentes, realistisches Bild vom Alltag in Beirut Anfang der 80er Jahre zu schildern. Die staubig-braunen Straßen Beiruts sind Abenteuerspielplatz für die jungen Flüchtlinge, ihr strammes militärisches Training absolvieren sie mit altersgemäßer Lustlosigkeit, bis schließlich Tod und Tragik in ihr Leben einbrechen. Was danach kommt, ist allerdings von verblüffender Beliebigkeit: Im Mittelpunkt stehen zwei unterschiedliche Figuren, die sich notgedrungen zusammenraufen müssen, was über den ein oder anderen Zwischenfall mit grimmig dreinblickenden Polizisten, einem tückischen Minenfeld oder einer fiesen Verletzung passiert. Riklis gelingt es dabei zu keinem Zeitpunkt, die Todesgefahr und die Ausnahmesituation spürbar zu machen, in der die beiden Protagonisten sich befinden. Atmosphärisch wirkt „Zaytoun“ stellenweise fast schon beliebig: Als ginge es um einen Vater und seinen entfremdeten Sohn oder um zwei Handelsvertreter, die einander nicht recht mögen, statt um zwei Todfeinde.

Diese Schwächen dürften nicht zuletzt der langen Genese des Drehbuchs geschuldet sein, bei der nach und nach alle Ecken und Kanten des Stoffes abgeschliffen wurden. Der erste Entwurf des in den USA lebenden palästinensisch-amerikanischen Debütautors Nader Rizq war Produzent Fred Ritzenberg angeblich zu parteiisch, gemeinsam arbeitete man an einem politisch ausgewogenen Drehbuch, dem Eran Riklis dann in einer weiteren Überarbeitung noch viel Thesenhaftes austrieb. Übrig geblieben ist dann „eine menschliche Geschichte“ wie man in schönstem PR-Deutsch noch sagen würde: ein Plädoyer für die Völkerverständigung – immerhin ist „Zaytoun“ das arabische Wort für Olive und der Ölzweig ein Zeichen des Friedens. Dagegen kann man natürlich überhaupt nichts haben, allerdings ist ein solch hehres Anliegen womöglich eine zwar notwendige, aber ganz sicher keine hinreichende Bedingung für einen guten Film.

Fazit: „Zaytoun“ beginnt mit einer authentischen Darstellung des Alltags palästinensischer Flüchtlinge im Beirut des Jahres 1982. Doch für die folgende, konventionell aufgelöste Geschichte von Flucht und Freundschaft findet Regisseur Eran Riklis keine neuen Ideen und keine dramaturgische Zuspitzung, die die Not der Figuren wirklich spürbar macht.

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