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Frau Ella
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Frau Ella
Von

Mit „Friendship!“ gelang dem damals noch unbekannten Regisseur Markus Goller 2010 ein echter Überraschungshit. Die Road-Movie-Komödie mit Matthias Schweighöfer und Friedrich Mücke avancierte mit 1,6 Millionen Besuchern sogar zum erfolgreichsten deutschen Kinofilm in dem für einheimische Produktionen allerdings eher schwachen Jahr. Mit der Telefonsex-Heimatfilm-Klamotte „Eine ganz heiße Nummer“ (1,3 Millionen Zuschauer) bewies Goller danach, dass der Erfolg keine Eintagsfliege war. Topstar Matthias Schweighöfer wechselte derweil selbst hinter die Kamera und eiferte mit den Komödien „What A Man“ und „Schlussmacher“ seinem offensichtlichen Vorbild Til Schweiger („Keinohrhasen“) nach. Mit „Frau Ella“ erfolgt nun die Wiedervereinigung von Schweighöfer und Goller. Aber obwohl die Ausgangssituation durchaus „Friendship!“ ähnelt und der Star mal wieder in seine Paraderolle des jungen Manns schlüpft, der lernen muss, endlich Verantwortung zu übernehmen, fehlt diesem zweiten gemeinsamen Road Movie der Schwung und die Leichtigkeit des Vorgängers. Gollers neue Komödie hat somit am Ende trotz einiger beeindruckender Bildkompositionen mehr Ähnlichkeiten mit Schweighöfers eigenen Regiearbeiten: eine konventionelle Dramaturgie, viele einfallslos wiedergekäute Klischees, pauschale und pseudokritische Seitenhiebe (dieses Mal gegen Profiteure im Gesundheitswesen) sowie immerhin eine Handvoll vergnügliche Einzelszenen.

Der Berliner Taxifahrer Sascha (Matthias Schweighöfer) fällt aus allen Wolken, als ihm seine On-Off-Freundin Lina (Anna Bederke) eröffnet, dass sie schwanger ist. Er ist so schockiert, dass nicht nur Lina verärgert ist, sondern er auch noch einen Autounfall verursacht und im Krankenhaus landet. Dort muss er sich zu allem Überfluss ein Zimmer mit der geschwätzigen Rentnerin Ella (Ruth-Maria Kubitschek) teilen. Doch als der studierte Mediziner Sascha erkennt, dass sich die fast 90 Jahre alte Dame einer für sie lebensbedrohenden Operation unterziehen soll, für die es keinen anderen Grund gibt als die Profitgier der Ärzte, „entführt“ er die rüstige Seniorin kurzerhand aus dem Hospital und versteckt sie mit der Hilfe seines Mitbewohners Klaus (August Diehl) in der gemeinsamen WG. Als die betagte Dame, die von Sascha nur noch liebevoll „Frau Ella“ genannt wird, von seinen Liebesnöten erfährt, erzählt sie ihm die tragische Geschichte ihrer eigenen Liebe zu einem amerikanischen G.I., von dem sie nach dem Zweiten Weltkrieg unter dramatischen Umständen getrennt wurde. Sascha ist gepackt und findet schnell heraus, dass Ellas einzige große Liebe nun offenbar in Paris lebt. Kurzerhand bricht er mit Ella und Klaus in dessen altem Cabrio zu einem Road-Trip nach Frankreich auf, eine Reise, die ihn auch seine eigene Einstellung zur Liebe und zu Lina überdenken lässt.


Auch wenn Matthias Schweighöfer bei „Frau Ella“ nicht Regie geführt und sich auf die Aufgaben als Hauptdarsteller und Produzent beschränkt hat, trägt die Komödie ganz eindeutig seine Handschrift. Während es im gleichnamigen Roman von Florian Beckerhoff im Anschluss nach der Entführung der Rentnerin erst einmal um das Leben in der ungewöhnlichen WG geht, setzen Schweighöfer, Goller und Drehbuchautor Dirk Ahner („Mord ist mein Geschäft, Liebling“, „Hui Buh“) den Akzent schneller und stärker auf den anschließenden Trip nach Frankreich. Und für diesen mag zwar die Suche nach Ellas großer Liebe der äußere Anlass sein, aber das eigentliche erzählerische Zentrum ist der Reifeprozess des blinden Gerechtigkeitsfanatikers Sascha zu einem Mann, der zu vernünftigen Kompromissen bereit ist und Verantwortung übernimmt – auch für ein Kind. Diese innere wie äußere Reise erinnert bis in Einzelheiten immer wieder an „What A Man“ und an „Schlussmacher“, die Filmemacher haben den bekannten Motiven allerdings kaum etwas Bemerkenswertes hinzuzufügen und auch zu den hier neuen Elementen fällt ihnen wenig ein. So tragisch etwa die Geschichte von Ellas großer Liebe im Prinzip ist, hier wirkt sie nur wie ein dramaturgischer Vorwand, um die ungleiche Kleingruppe auf die Reise zu schicken. Unterwegs folgt dann eine offenbar für unvermeidlich gehaltene Etappe nach der anderen (darunter  eine Autopanne, ein gruppendynamisch unausweichlicher Streit und eine vorübergehende Trennung).

Die vorhersehbaren komischen Geplänkel zwischen dem Trio auf Road-Trip fallen in der Mehrzahl nicht besonders witzig aus, wirklich missraten sind aber besonders die durchsichtigen Versuche, dem Film einen Anstrich von thematischer Relevanz zu geben. Diese laufen ins Leere, die populistische „Kritik“ am deutschen Gesundheitssystem ist auf irritierend eindimensionale Plattitüden beschränkt und liefert keinerlei Einsichten – Krankenhausärzte sind hier halt einfach verantwortungslose Raffzähne, die aus Geldgier lebensgefährliche Operationen vornehmen. Und so bleibt auch Saschas persönliche (Vor-)Geschichte – er hat seine Arztkarriere weniger wegen eines Unfalls, sondern hauptsächlich aufgegeben, weil er nicht zum System gehören will und hat dann das innere Exil als Taxifahrer gewählt -  kaum nachvollziehbar. Matthias Schweighöfer holt aus der wenig glaubwürdigen Figur mit seinem bewährten Charme immerhin noch das Maximum an Sympathie heraus, ein bisschen mehr von seiner locker-natürlichen Art hätte auch dem Film als Ganzes gutgetan.

Matthias Schweighöfer spielt sich dabei nicht in den Vordergrund und überlässt weitgehend seinen Co-Stars das Feld. TV-Legende Ruth Maria Kubitschek  („Das Erbe der Guldenburgs“) gewinnt ihrer Frau Ella vor allem zu Beginn komische Seiten ab, wenn die alte Dame mit dem Leben in der Jungs-WG konfrontiert wird. Sobald es nachdenklicher wird, wirkt es allerdings so, als spielten Kubitschek und Schweighöfer nicht miteinander, sondern unabhängig nebeneinander her. Die Show stiehlt ihnen ohnehin August Diehl („Inglourious Basterds“), der in einem seiner ganz seltenen Ausflüge ins Komödienfach mit Hingabe einen aus der Zeit gefallenen Dauersingle spielt. Sein Klaus bietet samt Kleidung, Wohnungseinrichtung und Auto, die allesamt um die 50 Jahre alt zu sein scheinen, einen hinreißenden Anblick. Die Inbrunst, mit der er nach einer Frau sucht und ständig mit seinem Handy (das einzig Moderne an ihm) quer durch alle Singlebörsen chattet, ist ein Genuss. Und wenn er dann eine französische Krankenschwester (Marleen Lohse) während eines Medikamentendiebstahls durch Kumpel Sascha mit einem wirren, deutschen Liebesgeständnis ablenkt, weil er glaubt, sie verstehe ihn nicht, ist dies einer der wenigen romantischen Momente des Films - wirklich zauberhaft.

Für einige atmosphärische Höhepunkte sorgt auch Regisseur Markus Goller, der mit einigen stimmungsvollen Aufnahmen des Trios auf seiner Reise oder beim dramatischen Höhepunkt an der französischen Küste zeigt, was er kann. Allerdings scheint er auch einige Marotten von seinem Produzenten übernommen zu haben. Wie in Schweighöfers „Schlussmacher“ erhebt sich die Kamera ungewöhnlich oft in luftige Höhen und wie bereits dort ist das auch hier zumeist ein erzählerisch unnötiger und aufgesetzt wirkender Schaueffekt. Eine ähnliche Unart ist zudem die geradezu penetrante Weise, in der längst totgefilmte Sehenswürdigkeiten ins Bild gerückt werden, darüber täuschen auch die oft virtuosen Kranaufnahmen des hollywooderfahrenen Kameramanns Ueli Steiger („Godzilla“, „The Day After Tomorrow“) nicht hinweg. Der Film beginnt schon mit einer Luftaufnahme des Fernsehturms auf dem Berliner Alexanderplatz, von wo die Kamera langsam in den Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg gleitet, ehe die Handlung einsetzt. Geht es dann nach Paris, dreht das Trio erst einmal ein paar Runden im Kreisverkehr um den Arc de Triomphe, damit die Kamera diesen auch ausführlich ins Bild zurück kann. Fast so als müsse man beweisen, dass man wirklich vor Ort gedreht hat.

Fazit: „Frau Ella“ fügt sich nahtlos in die Reihe der bisherigen Schweighöfer-Eigenproduktionen „What A Man“ und „Schlussmacher“ ein – auch wenn der Star das Regieruder dieses Mal seinem „Friendship!“-Kumpel Markus Goller überlassen hat. Der zeigt zwar durchaus sein Können, kann dem Werk aber zu selten seinen Stempel aufdrücken.

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