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    Der Iran Job
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Der Iran Job
    Von Robert Cherkowski
    Der westliche Blick auf den Iran ist meist ein sehr einseitiger. Selbst im deutschen Feuilleton wird der Iran allzu oft auf das Bild eines Schurkenstaates, der von einem irren Despoten regiert und von einem fanatischen Volk bewohnt wird, also auf eine Bedrohung des Weltfriedens reduziert. Selbst Ben Affleck vermeidet es in „Argo" nicht auf diesen einseitigen Blickwinkel zurückzugreifen, sondern zeigt immer wieder Aufnahmen zornesroter iranischer Massen mit Schaum vor dem Mund. Ausgerechnet eine Basketball-Dokumentation verdeutlicht, dass die Wirklichkeit viel komplexer ist. Für „The Iran Job" begleitete Regisseur Till Schauder den von den amerikanischen Jungferninseln stammenden Basketballprofi Kevin Sheppard für eine Saison lang bei seinem Engagement beim iranischen Verein A.S. Shiraz. Dem eingekauften US-„Star" misslingt es zwar, die müde Truppe auf Vordermann zu bringen, dafür gewinnt er Einblicke in eine Nation, die von Freiheit träumt und dem Fremden mit Herzlichkeit begegnet, während in den Schaltzentralen der Politik mit den Ketten gerasselt wird.

    Die große Karriere in der weltbesten Basketball-Liga NBA blieb Kevin Sheppard zwar verwehrt, doch früh fand der Basketballspieler einen anderen Weg der Beschäftigung: Er ging in die Fremde und leistete so schon in manchem Basketball-Entwicklungsland als Saison-Spieler Aufbauarbeit. 2008 heuerte Sheppard beim iranischen Verein A.S.Shiraz an, der als Tabellenschlusslicht Hilfe wahrlich nötig hatte. Dank Sheppard schlug sich die Truppe dann auch überraschend gut, auch wenn sie nach wie vor keine Chance gegen die etablierten Teams hatte. Während seines kurzen Engagements freundete sich Sheppard mit Fans, den Mitspielern und ihren Familien an, wobei Freundschaften entstanden, die über die Grenzen des Sports und der sehr unterschiedlichen Kulturkreise hinausgingen.

    „Der Iran Job" ist zum einen eine gelungene Sportdokumentation. Lose dem Verlauf der Saison 2008/09 folgend zeigt Regisseur Schauder die üblichen Kabinenszenen sowie etliche, auf ihr dramatisches Potential zusammengeschnittene Begegnungen. Wer Spiele der amerikanischen Profiliga NBA oder der deutschen Bundesliga BBL verfolgt, wird schnell feststellen, dass die Qualität des Basketballspiels im Iran eher bescheiden ist. So wirken die iranischen Spieler bisweilen so unbeholfen, dass der selbst nicht gerade zur Weltspitze gehörende Sheppard neben ihnen wie ein Superstar wirkt. Doch es ist nicht der Blickwinkel auf den Sport, der Schauders Dokumentation zu einem sehenswerten Film macht. „Der Iran Job" ist nämlich viel mehr eine Dokumentation über das Aufeinanderprallen zweier grundverschiedener, im Kern aber bisweilen verblüffend ähnlicher, Kulturen und Lebensauffassungen. Mit dem liebenswerten und unkomplizierten Sheppard im Mittelpunkt werden dabei auch gutmenschelnde Peinlichkeiten umschifft, die bei einem solchen Sujet immer nahe sind.

    Der Basketballspieler tritt lässig auf, hat trotzdem eine Proll-Aura und mit dieser Kombination einen gewissen Charme, dem sicher weder seine iranische Umgebung noch der Zuschauer entziehen kann. Vor allem begegnet der Weltenbummler aber seinem Gegenüber offen und zeigt ehrliches Interesse an der ihm fremden Kultur. Dieser tritt er ebenso verwundert gegenüber wie der Exot im Iran selbst Verwunderung auslöst. Es macht einfach Spaß dem nicht mit großer Bildung, doch mit viel Herz und dickem Fell auftrumpfendem Sheppard dabei zu beobachten, wie seine westliche Mentalität mit der iranischen Realität konfrontiert wird. Zwar braucht er eine Weile um zu akzeptieren, dass man im Iran nachts kein Bier an der Tankstelle kaufen kann, doch er zetert nicht, sondern passt sich an und ordnet den ihm bekannten „American Way of Life" seiner neuen Umgebung unter.

    So wird „Der Iran Job" zum Portrait zweier Mentalitäten und Nationen. Mit Kevins Augen sieht man den Amtsantritt Obamas im Jahre 2008, der der Welt Hoffnung gibt, dass es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eine Wende gibt. Auch im Iran ist in den folgenden Monaten die Hoffnung zu spüren, dass mit dem neuen Mann im Weißen Haus, eine neue Zeit anbrechen könnte. Ausgerechnet der farbige Sheppard ist es jedoch, der zur Skepsis mahnt und nicht in den allgemeinen Jubel einstimmen will. Durch seinen betont unpolitischen und antiintellektuellen Blickwinkel entsteht daneben eine ganz neue Perspektive auf die iranische Protestbewegung von 2009. Ganz deutlich wird dabei, dass das (letztlich erfolglos gebliebene) Aufbegehren in erster Linie einem aufgeklärten Mittelstand zu verdanken ist, der nach Freiheit und Selbstverwirklichung strebt. Wie vielschichtig das Leben im Iran ist, deutet sich an, wenn Sheppard auf züchtige Art mit einigen weiblichen Fans anbandelt und man sich fragt, wie weit diese Flirts wohl abseits der Kamera gegangen sind. Ganz nebenbei und doch sehr präzise werden in diesen Szenen Lebensentwürfe selbstbewusster junger Iranerinnen angedeutet, die sich zwischen Staat, Gesetz und Kirche eine Nische geschaffen haben, in der sie leben, ohne dem traditionellen Frauenbild des Islam entsprechen zu müssen. Danke solcher Momente verzeiht man gern, dass Till Schauder hin und wieder den Überblick verliert und manchmal etwas klobig vom Sportler- zum Politdrama und wieder zurück wechselt.

    Fazit: „Der Iran Job" ist nicht nur ein angenehm unaufdringlicher Blick ins Leben eines Basketball-Söldners im Iran, sondern vor allem das ehrliche und unprätentiöse Portrait einer unterdrückten und doch freiheitshungrigen Nation.
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