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Tatort: Der Eskimo
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Tatort: Der Eskimo
Von Lars-Christian Daniels

Wenn es am schönsten ist, soll man bekanntlich aufhören – und deshalb quittierte Nina Kunzendorf bereits nach fünf Einsätzen als Frankfurter Hauptkommissarin Conny Mey wieder den Dienst. Ihr „Tatort“-Partner Joachim Król, der nach Kunzendorfs Ausstieg ebenfalls seinen Abschied ankündigte, muss bei seinem vorletzten Einsatz als Hauptkommissar Frank Steier dennoch nicht ohne weibliche Partnerin auskommen: Der Hessische Rundfunk stellt ihm im Frankfurter „Tatort: Der Eskimo“ für eine Folge Alwara Höfels („Fack ju Göhte“, „Keinohrhasen“) als ehrgeizige Kriminalkommissarsanwärterin Linda Dräger zur Seite. Für höhere Aufgaben empfiehlt sich Höfels dabei nicht – was aber weniger an ihren Qualitäten als Schauspielerin, sondern vor allem am ganz auf Król zugeschnittenen Drehbuch liegt. Die Autoren Hendrik Handloegten und Regisseur Achim von Borries, die auch gemeinsam das Drehbuch zum Kino-Erfolg „Good Bye, Lenin!“ schrieben, räumen Höfels wenig Raum zur Entfaltung ein und verheddern sich in einer kruden Geschichte um außerirdisches Genmaterial, die „Der Eskimo“ zum bisher mit Abstand schwächsten Król-„Tatort“ macht.

Der alkoholkranke Hauptkommissar Frank Steier (Joachim Król) hat wieder einmal einen über den Durst getrunken und wacht morgens verkatert auf einer Bank im Frankfurter Stadtpark auf. Kein guter Zeitpunkt, um Zeuge eines Mordes zu werden: Ein Jogger wird vor seinen Augen von einer anderen Joggerin erstochen. Steiers Verfolgung der Täterin scheitert schon nach wenigen Metern kläglich: Ihm geht die Puste aus und die Joggerin entkommt mühelos. Weil Steier der wichtigste Zeuge der Tat ist, wird er als Ermittler von dem Mordfall abgezogen – und muss sich zugleich damit abfinden, dass ihm sein Chef die nassforsche Kriminalkommissarsanwärterin Linda Dräger (Alwara Höfels) zur Seite stellt. Entgegen allen Anweisungen ermitteln die beiden im Fall des getöteten Joggers und finden heraus, dass es sich bei dem Opfer um einen Lehrerkollegen von Steiers Ex-Frau Jutta (Jenny Schily) handelt. Von ihr erfährt Steier nicht nur Näheres über den bei Schülern und Kollegen gleichermaßen unbeliebten Ermordeten, sondern auch von Juttas deutlich jüngerem Geliebten Lars (Volker Bruch). Dann fischt die Polizei einen zweiten Erstochenen aus dem Main – und der scheint in Verbindung mit Juttas undurchsichtigem Lover, der Steier ohnehin ein Dorn im Auge ist, zu stehen...

1997 sendete die ARD einen „Tatort“, der unter Fans der Krimireihe Kultstatus genießt: In der eigenwilligen Ludwigshafener Folge „Tod im All“ hob tatsächlich eine fliegende Untertasse (!) vor den Augen der verdatterten Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ins Weltall ab. Im Drehbuch zum 894. „Tatort“ spielen Außerirdische nun erneut eine Rolle – doch anders als vor sechzehn Jahren, als der absurde Raumschiffflug eher als augenzwinkernde Schlusspointe zu verstehen war, meinen die Drehbuchautoren Achim von Borries („Was nützt die Liebe in Gedanken“), der auch Regie führt, und Hendrik Handloegten („Fenster zum Sommer“) den Handlungsstrang um extraterrestrisches Genmaterial und gezüchtete amerikanische Elitesoldaten offenbar todernst. Die Ermittlungen im Mordfall führen Steier und Dräger direkt zu einem Frankfurter Stützpunkt des US-Militärs, in dem sich die Verantwortlichen erwartungsgemäß unkooperativ zeigen. Klingt eher nach einer Science-Fiction-Story aus Hollywood – und ist in einem realitätsgeerdeten „Tatort“ des Jahres 2014 vollkommen fehl am Platze. Da nützt es wenig, dass auch Dräger über die sehr befremdlich wirkende Alientheorie witzelt und die Gedanken des Fernsehpublikums damit unfreiwillig auf den Punkt bringen dürfte.

Auch sonst wirkt die Kriminalgeschichte, in der die Ermittler über den durch Manfred Mann’s Earth Band bekannt gewordenen Bob Dylan-Song „Mighty Quinn“, Bekennervideos im Internet und kryptische Festplatten-Strichcodes auf die Spur des Mörders gelangen, extrem konstruiert: Steiers emotional aufgeladene Begegnungen mit seiner Ex-Frau, die zum ersten Mal im Frankfurter „Tatort“ vorkommt, sind natürlich kein Zufall, sondern eng mit der Kriminalhandlung verknüpft. Doch während sich dem Zuschauer die Zusammenhänge zwischen den Mordfällen und Juttas umtriebigem Lover Lars spätestens nach einer Dreiviertelstunde und Steiers zweiter Begegnung mit der geflüchteten Joggerin offenbaren, tappen die Frankfurter Ermittler eine gefühlte Ewigkeit im Dunkeln. Der Spannung ist das alles andere als zuträglich – da rettet der durchaus packend inszenierte Showdown, der nicht von ungefähr Erinnerungen an den berühmten Schlussakkord in Alfred Hitchcocks Thriller-Meisterwerk „Psycho“ erinnert, am Ende wenig.

Für eingefleischte Fans von Hauptkommissar Steier und dem Frankfurter „Tatort“ lohnt sich das Einschalten dennoch: Die privaten Nebenkriegsschauplätze – normalerweise die Spannungskiller eines jeden Fadenkreuzkrimis – machen „Der Eskimo“ trotz der wirren Story zumindest ein Stück weit zu einer reizvollen Angelegenheit. Steiers Alkoholkrankheit, die spätestens nach dem morgendlichen Erwachen auf der Parkbank auch im Polizeipräsidium ein offenes Geheimnis ist, führt beim Frankfurter Kommissar zu starken Stimmungsschwankungen, die in plötzlichen Wutausbrüchen beim Schnitzelkauf in der Kantine oder irritierendem Dauerkichern beim Vorlesen des Namens „Samsa“ (Franz Kafkas berühmte Erzählung „Die Verwandlung“ lässt grüßen) gipfeln. Diese Szenen sind großartig und geben Joachim Król zugleich Gelegenheit, die eine oder andere schauspielerische Duftmarke zu setzen. Auch die zwar knappe, aber gelungene Aufarbeitung der gescheiterten Steierschen Ehe offenbart, dass Króls vorletzter „Tatort“-Einsatz als klassisches Trinkerdrama vielleicht deutlich besser funktioniert hätte denn als Sonntagabendkrimi. Bleibt zu hoffen, dass dem Schauspieler in seinem letzten „Tatort: Das Haus am Ende der Straße“ (geplant für Herbst 2014) ein besseres Drehbuch vergönnt ist.

Fazit: Alwara Höfels, Alkohol und Aliens – der vorletzte Frankfurter „Tatort“ mit Joachim Król ist der bisher schwächste. Das liegt weniger an der Abstinenz von Nina Kunzendorf als vielmehr an der furchtbar konstruierten, fast unfreiwillig komischen Kriminalgeschichte.

P.S.: Nach der Erstausstrahlung von „Tatort: Der Eskimo“ am 5. Januar 2014 folgt mit „Tatort: Franziska“ direkt im Anschluss noch die Erstausstrahlung einer weiteren Folge der Krimi-Reihe.

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Kommentare

  • Jannek

    Ich kann die Meinung des Autors überhaupt nicht teilen. Ich fand diesen Tatort wirklich gelungen inszeniert, es war eine klare stilistische Handschrift zu erkennen, die schauspielerischen Leistungen waren sehr überzeugend und die Charaktere hatten bis in die kleinsten Nebenrollen Substanz (sogar die Kantinenfrau hat mich zum Schmunzeln gebracht). Lediglich die Militärthematik hat mich weniger überzeugt.

    Wesentlich schlechter fand ich hingegen den von euch gelobten Tatort "Fette Hoppe" mit Christian Ulmen und Nora Tschirner. Da gab es hölzerne Dialoge, aufgesetztes Schauspiel und Gags, die nicht gezündet haben. Überhaupt kam diese Folge wie eine schlechte Kopie von "Mord mit Aussicht" rüber.

  • Der Eine vom Dorf

    Ich sehe es komplett anders: ich weiß nicht, ob es überhaupt schon mal vorgekommen ist, dass ich einen Fall (deutlich) schlechter fand, als in der Kritik geschrieben, aber dieser überaus bescheuerte Nebenplot um Alien-Soldaten war einfach zu viel des Guten.
    Überhaupt hat sich mir in keinster Weise erschlossen, warum dieser Handlungsstrang enthalten war. Hätte man die 2. Leiche und die Geschichte um das Militär weggelassen (was problemlos möglich gewesen wäre), hätte wohl ein halbwegs normaler "Tatort" dabei rauskommen können:
    Achtung SPOILER
    Junge verliebt sich während der Schulzeit in Lehrerin bändelt Jahre später mit ihr an und ermordet aus Rache einen Lehrer-Kollegen.
    SPOILER Ende.

    Das wäre zwar kein meisterhaftes Drehbuch geworden, aber immerhin nicht so hanebüchen wie mit dem o.g. Plot. Mir geht einfach nicht in den Kopf, warum die Autoren das eingefügt haben.

    Joachim Król war natürlich top, seine Leistung hat mir sehr gut gefallen, ebenso wie die der anderen Darsteller - wenn da nicht das Drehbuch gewesen wäre.

    Fazit: Für mich einer der schwächsten "Tatorte", die ich bisher gesehen habe (und das waren viele).

  • TresChic

    Das war ein Abflug in alte, schwere Deutsche Schauspielerei. Es war anstrengend Krol beim "Spielen" zuzuschauen. Er kann das einfach nicht einen Alkoholkranken und zugleich coolen Kommissar gut darzustellen. Schwermütig und ohne Antrieb, sodass nach 45 Min das Programm zwangsweise gewechselt werden musste. Na ja, wir zahlen dafür ja Gebühren :-)

  • sky_erosion

    Das gute alte Gebühren-Argument. Eine Schande sind diese Gebühren schon,
    aber das subjektive Empfinden über Inhalte hat in der Diskussion nun
    wirklich nichts zu suchen. Aber gut, ich gleiche das dann wieder aus, da
    ich gerade nicht in Deutschland lebe und somit keine Gebühren zahle,
    mir aber Joachim Krols Leistung sehr zugesagt hat. Ich halte seine
    Darstellung als Kommissar für die beste in allen Tatorts, und in diesem
    hier (den ich entgegen Filmstarts und einigen hier, aber im allgemeinen
    Tonus der Medienwelt sehr gut fand) hatte er wirklich viel Raum dafür.
    Auch
    das Drehbuch fand ich im Gegensatz zu Filmstarts eher gut durchdacht
    als zu überfrachtet und unrealistisch. Teilweise wirkt es schon
    konstruiert, aber ich habe das Gefühl nach dieser Kritik, dass Herr
    Daniels nicht ganz aufgepasst hat, da alle realitätsfernen Züge sich im
    Kopf eines verwirrten Menschen abgespielt haben und somit nur einen
    Einblick in die Psyche von diesem geben.
    Ich finde, der Tatort hat
    mehr verdient, aber ich fand ja auch, dass der letzte Frankfurter 'Wer
    das Schwigen bricht' einer der besten überhaupt war und auch mehr als
    die 4/5 hier verdiente.

  • TresChic

    Nö, hat nichts mit Gebühren zu tun, das war nur eine Anmerkung bzgl. der stetig nachlassenden Qualität im solidarischen Bezahlfernsehen. Vielleicht lag es nur am Drehbuch aber die Leistung von Krol war unglaubwürdig und sehr gedrungen.

  • AlfredHitzkopf

    Herr Daniels hat durchaus aufgepasst - und bei weitem nicht nur die Aliengeschichte bemängelt. Siehe zum Beispiel die erschreckend einfach zu beantwortende Täterfrage. Der Tatort war schließlich als Whodunit angelegt, da ist's doch irgendwie witzlos, wenn nach 45 Minuten klar ist, wo der Hase lang läuft.

  • Jannek

    Na, vielleicht ist der Humor in "Fette Hoppe" einfach nicht so mein Geschmack gewesen, aber ich beurteile gutes Schauspiel immer danach, ob ich den Leuten den Charakter und dessen Stimmung abkaufe und das hat zumindest Nora Tschirner nicht so recht hinbekommen bei mir. Und mal abgesehen davon fand ich die Story auch nicht sonderlich spannend.

  • Jannek

    Die Alienstory war natürlich Schwachsinn, aber ich habe es so verstanden, dass sie auch im Film Schwachsinn sein sollte (wie sky_erosion schon sagt: eine Psychose!)
    Nichtsdestotrotz hat mich wie gesagt die Militärstory auch nicht richtig überzeugt.

  • Jannek

    Stimmt, den Täter hatte ich schon im Verdacht, als er das zweite mal im Bild war, das war wirklich kein echtes Ratespiel. Nichtsdestrotz haben mich die anderen Faktoren (Figuren, Schauspieler, Inszenierung) mehr als darüber hinweg getröstet.

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