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Trainer!
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Trainer!
Von Lars-Christian Daniels
Mit „Tom meets Zizou“ zeichnet Aljoscha Pause, der 2013 auch die neunminütige Kurzfilmperle „Mesut 17“ veröffentlichte, für eine der besten Fußball-Dokumentationen überhaupt verantwortlich. Der Adolf-Grimme-Preis-Gewinner porträtiert darin den Ex-Bundesliga-Kicker Thomas „Mozart“ Broich und gewährt dem Zuschauer zugleich entlarvende Einblicke hinter die Kulissen des beinharten Profifußball-Geschäfts, das für Querdenker wie Broich nur bedingt gemacht ist. Knapp zwei Jahre nach seinem von Publikum und Kritikern gefeierten Film variiert Pause nun die Perspektive: In „Trainer!“ begleitet der Filmemacher drei Fußballlehrer der 2. und 3. Liga auf ihrem Weg in die Kabine, an die Seitenlinie, zum Training und ins Büro und lässt darüber hinaus gestandene Trainerkollegen, Spieler und Vereinsfunktionäre zu Wort kommen. Dass sich sein über zweistündiger Film, der vor dem Kinostart auch in einer um 45 Minuten gekürzten TV-Fassung im WDR ausgestrahlt wurde, auf der Zielgeraden ein wenig zu ausführlich der Erfolgsgeschichte des 1. FC Heidenheim widmet, schmälert den überaus positiven Gesamteindruck kaum: Pause liefert hochinteressante, bis dato einmalige Einblicke in das Trainergeschäft und knüpft mit „Trainer!“ nahtlos an seinen Erfolgsfilm „Tom meets Zizou“ an.   

Pauses Dokumentation beginnt wenige Wochen nachdem der Doppelpack des italienischen Nationalstürmers Mario Balotelli alle EM-Titelträume Fußballdeutschlands pulverisierte: im Sommer 2012, in der Vorbereitung auf die neue Saison. Für den Drittligisten Heidenheim und seinen langjährigen Erfolgstrainer Frank Schubert sind die Saisonziele klar definiert: Man möchte oben angreifen, um am Ende der Spielzeit den langersehnten Aufstieg in die 2. Fußball-Bundesliga zu feiern. Dort spielen bereits der SC Paderborn mit seinem Trainer Stephan Schmidt und der FC St. Pauli mit Coach André Schubert. Beide gehen unter ähnlichen Vorzeichen in die Saison: Während Schubert in seinem zweiten Jahr beim Kiezclub endlich die großen Fußstapfen des nach Hoffenheim abgewanderten Holger Stanislawski ausfüllen möchte, beerbt Stephan Schmidt in Ostwestfalen seinen Nachnamensvetter Roger Schmidt, der Paderborn in der Vorsaison sensationell auf Platz 5 geführt hatte und im Sommer von RB Salzburg abgeworben wurde. In einem vierten Handlungsstrang beleuchtet Pause zudem die DFB-Ausbildung zum Fußballlehrer unter Leitung von Frank Wormuth.

Taktikmuffel können beruhigt sein: „Trainer!“ thematisiert nur selten entsprechende Detailfragen. Wer Fußball liebt, aber mit Begriffen wie „Doppel-Sechs“ oder „falscher Neun“ wenig anfangen kann, wird trotzdem großen Gefallen an Pauses Dokumentation finden. Allzu detailliertes Fachwissen würde auf Dauer auch langweilen – man denke nur an Ralf Rangnick, der bei einem TV-Auftritt im ZDF-Sportstudio tief in die Taktikkiste griff und seitdem mit dem Spitznamen „Fußballprofessor“ leben muss. Rangnick kommt in „Trainer!“ nur indirekt zu Wort; stattdessen geben neben den Hauptdarstellern andere prominente Kollegen wie der zweifache Meistertrainer Jürgen Klopp, Werder-Legende Thomas Schaaf, Kultcoach Peter Neururer oder „Rosenzüchter“ Hans Meyer Auskunft zu allen Aspekten des Trainerberufs – von der richtigen Einstellung der Mannschaft, Autoritätsfragen, Selbstkritik und der Integration charakterlich schwieriger Ausnahmespieler bis hin zum Druck durch Medien, Vorstand und Fans. Auch Vereinsfunktionäre und Spieler kommen zu Wort: In Hamburg steht meist Mannschaftskapitän Fabian Boll Rede und Antwort, in Heidenheim ist es zum Beispiel der bundesligaerfahrene Michael Thurk, und in Paderborn kann Enfant Terrible Deniz Naki sogar einen Vergleich zweier Trainer aus der Dokumentation bieten: In einer großartig montierten Sequenz setzt der vor der Saison von St. Pauli nach Paderborn gewechselt Spieler sein Verhältnis zu Ex-Trainer Schubert direkt mit dem zu seinem neuen Coach Stephan Schmidt in Bezug.

Was Deutschlands bester Fußball-Dokumentarist Pause, der in den vergangenen Jahren auch mit herausragenden Dokumentationen über Homosexualität im Profifußball für Aufsehen sorgte, in seinen 135 Minuten an Einblicken in den Traineralltag liefert, ist schlichtweg sensationell. Nicht von ungefähr hat sich der Filmemacher mit den beiden Schmidts und dem auf St. Pauli früh geschassten Schubert relativ unbekannte Trainer für seine Dokumentation ausgesucht, die die unmittelbare Annäherung an das von Fans und Medien selten hautnah mitzuerlebende Innenleben von Mannschaft und Verein überhaupt erst ermöglichen. Kabinenbilder und Teamsitzungen, die Pause in „Trainer!“ zeigt und die stellenweise an Sönke Wortmanns umstrittenes „Deutschland. Ein Sommermärchen“ erinnern, würden bei renommierten Bundesligaclubs wie dem FC Bayern wohl nie der Öffentlichkeit preisgegeben werden. Pause ergründet seine Protagonisten dabei fast ausschließlich von ihrer beruflichen Seite: Den ehrgeizigen Stephan Schmidt, der fest an eine baldige Beschäftigung in der Bundesliga glaubt, filmt er so lediglich für wenige Sekunden beim Telefongespräch mit seiner Ehefrau. Nur den überraschend selbstkritischen Schubert muss er vornehmlich auf der heimischen Couch interviewen. Er ist nämlich bereits nach wenigen Spieltagen der Saison 2012/2013 arbeitslos.

Pause selbst enthält sich und verzichtet auf Erklärungen aus dem Off, selbst seine textlichen Einblendungen gehen selten über den Mindestgehalt an Information hinaus. Die unmittelbare Nähe zur porträtierten Person, ohne dabei für deren Handlung oder Meinung Partei zu ergreifen, zeichnete bereits „Tom meets Zizou“ aus. Dieses Mal geht Pause sogar noch einen Schritt weiter: Er verkabelt Heidenheim-Coach Frank Schmidt – ein an Paul Breitners Mikro unter dem Trikot in der Fußball-Dokumentarfilm-Perle „Profis“ erinnernder Schritt - was dem Zuschauer emotionale O-Töne direkt von der Seitenlinie und aus der Kabine liefert. Nach einem umjubelten Heimsieg gegen den Aufstiegskonkurrenten aus Münster zofft sich Schmidt schließlich sogar mit Gegner-Coach Pavel Dotchev am Mittelkreis. Das ist an Authentizität nicht zu überbieten. Dass Schmidt den größte Raum bekommt, birgt aber die einzige Schwäche von „Trainer!“: Im Schlussviertel fokussiert sich Pause ein wenig zu stark auf das packende Aufstiegsrennen der Heidenheimer in der 3. Liga. Hier bekommt die Trainer-Dokumentation eine überflüssige dramaturgische Seite und erinnert stärker an Vereinsporträts wie „Hoffenheim – Das Leben ist kein Heimspiel“. Dabei gerät die Beschäftigung mit dem Trainerberuf als solchem für ein paar Minuten in Vergessenheit.

Fazit: Mitten drin statt nur dabei! Wer glaubt, als Fußballfan schon alles über das Trainergeschäft zu wissen, ist schief gewickelt. Einmal mehr liefert Filmemacher Aljoscha Pause in „Trainer!“ sensationelle Einblicke in das Geschäft Profifußball und lässt dabei ein buntes Ensemble an aktiven und ehemaligen Trainern, Spielern und Funktionären zu Wort kommen.

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