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Eden
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Eden
Von Gregor Torinus
Jede Jugendkultur hat ihren eigenen Musikfilm-Klassiker, mit dem sie sich identifiziert. So steht „Saturday Night Fever“ (1978) stellvertretend für die Unbeschwertheit der Disco-Ära, während sich in dem nur ein Jahr später erschienenen „Quadrophenia“ die verfeindeten Subkulturen der Mods und der Rocker im Großbritannien der 1960er zur Musik von The Who wilde Schlachten liefern. In „8 Mile“ spielt Eminem eine Version von sich selbst, wenn er als erster weißer Rapper seine Karriere aus einem der Elendsviertel Detroits heraus startet. Und in „Berlin Calling“ verkörpert das Berliner Techno-Phänomen Paul Kalkbrenner den fiktiven DJ Ikarus. Nun setzt Regisseurin Mia Hansen-Løve in ihrem Musik-Drama „Eden“ dem French House ein Denkmal. Der Film basiert dabei lose auf dem Leben ihres eigenen Bruders, der als DJ die Entwicklung des French Touch selbst mitgeprägt hat.

Es ist das Jahr 1992 und der Pariser Schüler Paul (Félix de Givry) verbringt seine Nächte am liebsten auf den zu dieser Zeit gerade in Mode kommenden Underground-House-Partys. Angekündigt werden die an wechselnden Orten stattfindenden Happenings kurzfristig in Fanzines wie dem Eden, woraufhin sich Paul dann jedes Wochenende mit einer Stadtkarte von Paris bewaffnet auf die Suche nach der nächsten Party macht. Zu seinen Bekannten zählt auch das aus Thomas (Vincent Lacoste) und Guy-Man (Arnaud Azouzlay) bestehende DJ-Duo Darlin. Schon kurze Zeit später gründet Paul gemeinsam mit seinem Freund Quentin (Hugo Conzelmann) sein eigenes DJ-Duo Cheers. Die beiden gehören zu den ersten, die den aus New York stammenden Garage House nach Frankreich bringen. Schon bald etabliert sich Cheers als eine feste Größe in der Pariser House-Szene und Pauls Leben besteht plötzlich nur noch aus Musik, Partys, Drogen und wechselnden Freundinnen. Der große Durchbruch bleibt dem Duo jedoch versagt. Unterdessen haben sich Darlin in Daft Punk umbenannt und sind zur Speerspitze des French House avanciert. Aber weil sie bei ihren Auftritten stets ihre Gesichter verbergen, kommen Thomas und Guy-Man trotz ihres Ruhms nach wie vor nicht an den Pariser Türstehern vorbei…


Ein in der Saine ankerndes U-Boot oder ein verlassener Bergstollen: Das sind die Orte, an denen die illegalen House-Partys stattfinden. Immer mittendrin und meistens auf Ecstasy: der angehende DJ Paul. Er gehört immer zu den letzten Partygängern, die nie vor Anbruch des Tageslichts aufhören zu tanzen. Schnell noch ein letzter Musikwunsch („Du hattest da so was gespielt mit Flöten, so melancholisch und zugleich so fröhlich.“) und am Ende schläft Paul irgendwo im Wald ein. In seinen Ohren dröhnt noch immer die Musik, zu der vor seinen von Drogen geweiteten Pupillen ein imaginierter bunter Vogel umherfliegt. Carpe diem in seiner reinsten Form! Paul beschließt, dass er ab sofort nur noch für diese Musik und von dieser Musik leben will. Für einige Zeit wird sein Traum tatsächlich Realität, wobei die finanzielle Lage stets angespannt bleibt, was wohl auch daran liegt, dass er inzwischen auf Kokain umgestiegen ist.

Mia Hansen-Løve („Der Vater meiner Kinder“) entwirft in „Eden“ ein intimes Portrait der sich entwickelnden Pariser House-Szene aus der Binnensicht: Man spürt jederzeit, dass die Regisseurin bereits sehr früh selbst auf den Partys ihres älteren Bruders mit dabei war. Statt glatter Disco-Klischees wirft die Filmemacherin einen ungeschminkten und unverfälschten Blick auf die French-House-Szene. Zugleich sorgt die authentisch eingefangene Atmosphäre auf den Underground-Partys dafür, dass der Funken auch auf den Zuschauer überspringt. Für viele Kinogänger wird dieser Rückblick auf 20 Jahre French House eng mit der Geschichte ihres eigenen Aufwachsens verbunden sein: Schon der aus Originalstücken bestehende Soundtrack ruft die Erinnerungen an ein Lebensgefühl wach, das von einem unbeschwerten Hedonismus und einem unerschütterlichen Glauben an das Verwirklichen der eigenen Träume geprägt war.

Fazit: „Eden“ entwirft einen authentischen Rückblick auf die Entwicklung der French-House-Szene, der einem das Gefühl gibt, wieder selbst dabei zu sein. Mitreißend.
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