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    Suffragette - Taten statt Worte
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Suffragette - Taten statt Worte
    Von Christoph Petersen
    Ungerechtigkeiten, Aufstände, der Kampf für Bürgerrechte – solche Wut und Mut machenden Geschichten erzählen Filmemacher immer wieder gerne, zuletzt etwa Steven Spielberg in „Lincoln“, Matthew Warchus in „Pride“ oder Ava DuVernay in „Selma“. Und gerade weil diese Art von Stoffen im Kino so beliebt ist, verwundert es doch sehr, dass es ganze 100 Jahre gedauert hat, bis der aufopfernde Kampf der militanten Suffragetten für das Frauenwahlrecht in Großbritannien nun endlich als Spielfilm auf die große Leinwand kommt (bisher gab es im fiktionalen Bereich lediglich die BBC-Sitcom „Up The Women“): Regisseurin Sarah Gavron („Brick Lane“) und Drehbuchautorin Abi Morgan („Die Eiserne Lady“) konzentrieren sich dabei in ihrem Historiendrama „Suffragette – Taten statt Worte“ vor allem auf das Schicksal der seit ihrer frühen Jugend in einer Londoner Großwäscherei schuftenden Ehefrau und Mutter Maud Watts (Carey Mulligan), die zunächst gar nichts mit der Suffragetten-Bewegung anfangen kann, aber dann getrieben durch äußere Umstände selbst immer mehr zur brennenden Kämpferin für Frauenrechte wird.

    Die Wahl von Maud als Protagonistin ist naheliegend. Weil sie zu Beginn ähnlich wenig über die Suffragetten weiß wie wahrscheinlich die meisten Kinogänger, fungiert sie für die Zuschauer als Türöffnerin in die militante Welt des Steineschmeißens, Pamphletedruckens und Hungerstreikens. Angesichts all der Ungerechtigkeiten, die ihr tagtäglich widerfahren (ausbeuterische Bezahlung, sexuelle Übergriffe, Verlust des Sorgerechts), steht das Publikum selbst dann felsenfest auf ihrer Seite, wenn sie Bombenanschläge verübt. Carey Mulligan (oscarnominiert für „An Education“) zeigt zudem eine solch grandios-zurückgenommene Darbietung, dass Maudes beschwerlicher Kampf ähnlich dem von Solomon Northup in „12 Years A Slave“ für den Betrachter zu einer wutschürenden, emotional packenden Tour de Force wird. Dabei läuft der Film letztendlich streng nach den üblichen dramaturgischen Mustern solcher persönlichen Leidensgeschichten ab (man verpasst ihr einen Tiefschlag nach dem anderen), während die politische Dimension der Bewegung nur nebenbei mit abgehandelt wird: Muss ihr Chef unbedingt ein schmieriges Vergewaltiger-Arschloch sein, um die Notwendigkeit des Frauenwahlrechts zu verdeutlichen?


    Bevor sich die Macherinnen für Maud als Hauptfigur entschieden haben, sollte ursprünglich die nun von Romola Garai verkörperte Alice Haughton im Mittelpunkt des Films stehen – und die wurde als Frau eines wohlhabenden Parlamentsabgeordneten nicht aus purer Not, sondern aus einer grundlegenden Überzeugung heraus zur Suffragette. Das wäre nicht zwingend ein besserer, aber sicher ein inhaltlich weniger gewöhnlicher Film geworden. Aber auch so bekommt „Suffragette“ nicht zuletzt dank der durch die Bank schauspielerisch hochkarätigen Besetzung eine große Dringlichkeit, immerhin prangen mit Carey Mulligan und Meryl Streep (selbst wenn deren Gastauftritt als Suffragetten-Anführerin Emmeline Pankhurst kaum mehr als fünf Minuten dauert) zwei der vehementesten Aktivistinnen für Frauenrechte in Hollywood auf dem Poster. Und nicht nur die Aussage wirkt auch 100 Jahre nach den Geschehnissen des Films immer noch brandaktuell, auch die eingesetzten Mittel der anderen Seite haben einen akuten Bezug zur Gegenwart: Brendan Gleeson („Am Sonntag bist du tot“) setzt als pflichtbewusster Inspektor Arthur Steed erstmals in der britischen Kriminalgeschichte auf neuartige Methoden zur massenhaften Überwachung der Suffragetten: Ein ebenso amüsanter wie erschreckender Blick auf die Anfänge des modernen Überwachungsstaates.

    Fazit: Emotional kraftvolles, thematisch nach wie vor hochaktuelles, oscarwürdig gespieltes, aber auch arg schematisches Historiendrama.
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