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Regression
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Regression
Von
Sekten und Kulte sind den meisten Menschen suspekt – sie haben für Außenstehende oft etwas Fremdes, Bedrohliches oder gar Wahnsinniges an sich:  Warum schließen sich Männer und Frauen solchen mindestens manipulativen, schlimmstenfalls kriminellen Vereinigungen an? Sehnen sie sich nach Schutz und Geborgenheit oder vielmehr nach Macht und Kontrolle? Faszinierend ist das Thema auch als Kinostoff allemal, und so nimmt sich Alejandro Amenábar („The Others“, „Das Meer in mir“) einen satanischen Kult vor, der zu Beginn der 1990er Jahre in Minnesota aktiv gewesen sein soll. In seinem mit „Harry Potter“-Star Emma Watson und Ethan Hawke („Boyhood“, „Gatacca“) hochkarätig besetzten Psycho-Thriller „Regression“ kreiert der spanische Regisseur eine düster-beklemmende Stimmung, die über einige Holprigkeiten in der Geschichte hinweghilft.   

Hoyer, Minnesota, 1990: Bruce Kenner (Ethan Hawke) ist der mit Abstand smarteste Polizist in der Kleinstadt, aber sein neuester Fall stellt den ehrgeizigen Ermittler auf eine harte Probe. Die schwer traumatisierte 17-jährige Angela Gray (Emma Watson) berichtet, dass sie von Mitgliedern einer satanischen Sekte mehrfach vergewaltigt und gequält wurde. Sie beschuldigt ihren früher alkoholkranken Vater John (David Dencik) als Rädelsführer an den abscheulichen Taten beteiligt gewesen zu sein. Der Automechaniker kann sich an nichts erinnern, räumt aber ein, dass es so gewesen sein könnte. Mit der sogenannten Regressionstherapie dringt der hinzugezogene Psychologe, Professor Kenneth Raines (David Thewlis), per Hypnose in die Erinnerungen des Mannes ein und versucht das Geschehen zu rekonstruieren. Kenner wird immer tiefer in den mysteriösen Fall gesogen und verhaftet bald seinen Polizeikollegen Nesbitt (Aaron Ashmore) als Mitglied der Sekte, die in ihren finstersten Stunden auch Babys rituell geopfert haben soll.


Alejandro Amenábar kehrt mit „Regression“ zu seinen Genrewurzeln zurück. Der Spanier hatte seine Regie-Karriere einst mit den Mystery- und Horror-Thrillern „Tesis – Faszination des Grauens“ und „Open Your Eyes“ (der in Hollywood als „Vanilla Sky“ mit Tom Cruise neu verfilmt wurde) gestartet und 2001 mit dem gruseligen „The Others“ seinen internationalen Durchbruch gefeiert. Daran knüpft er nun in seinem dritten englischsprachigen Film an und macht aus „Regression“ einen psychologischen Sekten-Thriller mit Horror- und Mysteryelementen. Doch zwischen  Satanskult, Massenhysterie, Missbrauchsdrama und Kleinstadt-Cop-Krimi bleibt einiges im Ungefähren stecken, einige der verschiedenen Aspekte stehen sich gegenseitig im Weg. Um ernsthaft schockieren zu können, geht Amenábar nicht tief genug unter die Oberfläche, trotzdem überzeugt „Regression“ als stilvoller Genrefilm.

Kameramann Daniel Aranyó („High School Musical 3“) taucht den Film in verschiedene Schattierungen von Grau, sein trostloses Licht- und Schattenspiel erinnert zuweilen an die unheimliche Tristesse von David Finchers Meisterwerk „Sieben“. Und so ist auch die Stimmung im provinziellen Minnesota des Jahres 1990 beängstigend düster und pessimistisch. Regisseur Amenábar hält seinen Film entsprechend frei von Humor, die leicht anachronistische Filmmusik von Roque Banos („The Machinist“), die direkt aus der Handlungszeit stammen könnte, bleibt hier der einzige leise Anflug von Ironie. „Regression“ ist rein auf Spannung getrimmt, was recht gut funktioniert, auch wenn es am Ende nicht mehr sonderlich überraschend ist, wo die Reise letztlich hingeht. Der Suspense bleibt allerdings vor allem äußerlich, naheliegende beunruhigende Fragen zu den weitgefächerten Themen des Films werden nur angerissen, auch die Zeichnung der Figuren ist stark an dramaturgische Bedürfnisse angepasst.

Von der psychologischen Tiefe eines brillanten Sektendramas wie etwa „Martha Marcy May Marlene“ ist „Regression“ weit entfernt, aber die Schauspieler leisten dennoch sehr solide Arbeit. Ethan Hawke spielt mit dem ambitionierten Cop Kenner einen angenehm ambivalenten Helden, der nicht frei von Makeln ist, aber trotzdem als Identifikationsfigur taugt. Emma Watson („Noah“), die sich nach dem Ende der „Harry Potter“-Ära weiter als Charakterdarstellerin etablieren will, hat mit dem Missbrauchsopfer Angela Gray die vielschichtigste und undurchsichtigste Rolle übernommen und sie nimmt die Herausforderung mit viel Engagement an. Außerdem bekommt der patentierte Szenendieb David Thewlis („Sieben Jahre in Tibet“) auch hier seine Momente, am stärksten berührt jedoch David Denciks („Dame, König, As, Spion“) Darstellung von Angelas Vater John. Trotz der schwerwiegenden Vorwürfe strahlt der einfache Mann in seiner Schicksalsergebenheit so etwas wie Milde und Gutmütigkeit aus.

Fazit: Alejandro Amenábars Suspense-Thriller „Regression“ bietet solide Genre-Unterhaltung, der thematische und psychologische Reichtum des Stoffes wird allerdings bei weitem nicht ausgeschöpft.       

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Kommentare

  • Peter H.
    Wenn man bedenkt, was hier dieser Tage für Werbung für den Film gemacht wurde, sind drei Sterne ja eher enttäuschend.
  • Truman
    Werbung und gesponserte Specials (die von der Redaktion frei gestaltet werden) haben keinen Einfluss auf die FILMSTARTS-Kritik. Daran hat sich nichts geändert. Es gab schon zuhauf schlecht bewertete Filme (z.B. "Transformers: Ära des Untergangs", "Lone Ranger", "Der Nanny"), die eine sehr große Kampagne auf FILMSTARTS hatten.Hollywood Reporter gibt "Regression" laut Metacritic 70/100 Punkte, Variety 40/100 - irgendwo zwischen diesen Polen wird sich die allgemeine Meinungen einpendeln.Viele GrüßeCarsten
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