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    Jamie Marks Is Dead - Der Tod ist erst der Anfang
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Jamie Marks Is Dead - Der Tod ist erst der Anfang
    Von Lars-Christian Daniels
    „Ich sehe tote Menschen“, flüsterte der völlig verängstigte Cole (Haley Joel Osment) in M. Night Shyamalans Meisterwerk „The Sixth Sense“ in seinem Bett und schrieb damit an der Seite von Bruce Willis Filmgeschichte. Im Mystery-Thriller „Jamie Marks Is Dead“ von Regisseur und Drehbuchautor Carter Smith („Ruinen“), der auf dem Sundance Film Festival seine Premiere feierte und in Deutschland erstmals auf dem Fantasy Filmfest 2014 gezeigt wurde, ist die Ausgangslage ganz ähnlich: Auch hier begegnet ein Schüler den Geistern von Verstorbenen, und wie M. Night Shyamalan verzichtet auch Smith über weite Strecken auf abgegriffene Schockmomente. „Jamie Marks Is Dead“, der auf dem Roman „One For Sorrow“ des US-amerikanischen Schriftstellers Christopher Barzak basiert, lebt von seiner melancholisch-düsteren Atmosphäre und entpuppt sich als gefühlvolles Coming-of-Age-Drama über lebende und tote Außenseiter, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen.

    Die junge Gracie Highsmith (Morgan Saylor) ist am Flussufer einer verschneiten Kleinstadt eigentlich auf der Suche nach perfekt geformten Steinen für ihre Sammlung – doch die Schülerin entdeckt stattdessen den bis auf die Unterhose entkleideten Leichnam von Jamie Marks (Noah Silver). Jamie war ein verschlossener Außenseiter und wurde von seinen Mitschülern auf der High School gehänselt. Die Umstände seines Todes sind unklar. Gracie möchte die Geschichte eigentlich schnell abhaken, doch der mysteriöse Todesfall weckt schon bald das Interesse von Adam McCormick (Cameron Monaghan). Adam ist der Star des örtlichen Cross-Country-Teams und wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter Linda (Liv Tyler) auf. Obwohl Adam Jamie über die Schule kaum kannte, fühlt er eine innere Verbundenheit zu dem Verstorbenen. Als sich Gracie und Adam bei einem Treffen in Gracies Kinderzimmer näherkommen, steht der tote Jamie plötzlich unten im Garten –halbnackt, verängstigt und frierend…


    Wer die „Harry Potter“-Filme mit Hauptdarsteller Daniel Radcliffe („Die Frau in Schwarz“) gesehen hat, dürfte sich angesichts der nächtlichen Erscheinung im Garten und den späteren Begegnungen in Adams Zimmer zunächst wie im falschen Film vorkommen: Die Ähnlichkeit zwischen Zauberlehrling „Harry Potter“ und dem mit Streberfrisur und runder Brille ausgestatteten Noah Silver ist verblüffend. Doch anders als der beliebte Leinwandheld ist Jamie Marks kein Sympathieträger, sondern das personifizierte Übernatürliche, das ohne Vorwarnung in die triste Kleinstadtwelt der Jugendlichen einbricht und stimmig im Alltag von Adam und Gracie verortet wird. Identifikationsfigur für den Zuschauer ist Adam, der seine anfänglichen Berührungsängste schon nach kurzer Zeit überwindet: Ähnlich wie in „The Sixth Sense“ reift ein Toter für einen Einzelgänger zur wichtigen Bezugsperson, an der es ihm sonst fehlt. Die Existenz des Geistes, der sich am liebsten auf der Toilette oder in Wandschränken aufhält, wird schon bald zur Selbstverständlichkeit – und zwischen den gleichaltrigen Jungen entwickelt sich eine tiefe, homoerotisch angehauchte Freundschaft.

    Statt eines Grusel-Schockers nach Schema F inszeniert Filmemacher und Modefotograf Carter Smith, der mit dem Horrorfilm „Ruinen“ ein solides Langfilmdebüt feierte, ein gefühlvolles Coming-of-Age-Drama, in dem die drei Nachwuchsdarsteller Cameron Monaghan („Hüter der Erinnerung - The Giver“), Morgan Saylor („Homeland“) und Noah Silver („Tyrant“) prächtig miteinander harmonieren. Sein atmosphärisch dichter, in frostigen Winterbildern fotografierter und gezielt mit Gänsehaut-Momenten gespickter Film erinnert ein wenig an Richard Kellys Genreperle „Donnie Darko“ und hat seine stärksten Momente dann, wenn Smith die ungewöhnliche Dreiecksbeziehung zwischen Adam, Gracie und Jamie auslotet. Nicht nur der tote Jamie fristet ein isoliertes Außenseiter-Dasein: Adam genießt zwar Anerkennung als Sportskanone, distanziert sich aber zunehmend von seiner Umgebung, während Gracies Eltern nie zu Hause sind und das frühreife Mädchen an keinerlei Freundschaften außer der zu Adam interessiert zu sein scheint. Die Jugendlichen teilen eine Gefangenschaft zwischen Tod, Leben, Liebe und Angst, deren ruhige Aufarbeitung zwar selten Hochspannung erzeugt, aber dennoch eine gewisse Faszination ausübt.

    Echte Horror-Atmosphäre kommt erst auf, als der zweite tote Teenager die Bildfläche betritt: Die furchteinflößende Frances (Madisen Beaty, „The Master“) macht als messerschwingende Furie keine Gefangenen und sorgt zugleich für die spannendste Szene des Films: Adam verbarrikadiert sich in Todesangst in seinem Zimmer, während Frances mit ihrem Messer an seiner Tür kratzt und die Kamera das Geschehen aus wechselnden Perspektiven einfängt. Hier verlässt Carter vorübergehend seine eingeschlagene Linie und setzt auf konventionelle Schockmomente, bringt seinen Film damit aber nur leicht aus dem Gleichgewicht. Deutlich störender ist der halbherzig eingeflochtene Nebenkriegsschauplatz um Adams Mutter Linda (verschenkt: Liv Tyler), die nach einem Autounfall an den Rollstuhl gefesselt ist und sich ausgerechnet von der Unfallverursacherin wieder aufpäppeln lässt. Die Konflikte zwischen Adam und seiner Mutter wirken von Beginn an wie ein Fremdkörper, weil sie die schaurige Atmosphäre der Geistergeschichte unnötig aufbrechen und das Schicksal von Adam, Gracie und Jamie kaum beeinflussen. Das zeigt sich allein daran, dass es überhaupt keine Rolle spielt, ob Linda den Geist überhaupt sehen kann – Adams Mutter ist einfach nie in der Nähe, wenn Jamie auftaucht.

    Fazit: Carter Smith inszeniert mit „Jamie Marks Is Dead“ ein sehenswertes, wenn auch nur mäßig spannendes Teenie-Drama über Außenseiter im Diesseits und Jenseits. Wer einen Horrorfilm mit harten Schockmomenten erwartet, wird jedoch eine Enttäuschung erleben.
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