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    Um jeden Preis
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Um jeden Preis
    Von Lars-Christian Daniels

    Man mag es sich eigentlich kaum vorstellen: An der deutsch-tschechischen Grenze, in der Region zwischen Cheb und Teplice, floriert die Kinderprostitution. Mitten im Herzen Europas fährt Tag für Tag ein mehrheitlich deutscher Kundenstamm über scheinbar verlassene Landstraßen, an denen vereinzelte Häuser mit blauen und rosa Vorhängen stehen: rosa für die Mädchen, blau für die Jungs. Dort prostituieren sich Kinder, die manchmal kaum älter als zehn Jahre sind. Auch Neugeborene – oft die Folge ungewollter Schwangerschaften der Prostituierten – stehen dort zum Verkauf. Der dänische Filmemacher Anders Morgenthaler („Princess“) machte sich vor Ort selbst ein Bild von diesen schlimmen Zuständen und nimmt den Zuschauer in seinem beklemmenden Thriller-Drama „Um jeden Preis“ mit auf eine Reise nach Cheb: In seiner deutsch-dänischen Co-Produktion, die auf dem Filmfest Hamburg 2014 ihre Weltpremiere feierte und zu großen Teilen auch in der Hansestadt gedreht wurde, mimt Kim Basinger („8 Mile“) eine verzweifelte Frau, die sich im tschechischen Grenzgebiet ihren sehnlichen Kinderwunsch erfüllen möchte. Ihre beeindruckende Leistung ist eine der größten Stärken des Dramas, in dem nur mit den etwas befremdlich wirkenden Mystik-Einschüben zu dick aufgetragen wird.

    Zehn Jahre lang haben Maria (Kim Basinger) und Peter (Sebastian Schipper) vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Als Maria endlich schwanger wird, scheint sich der Wunsch vom eigenen Nachwuchs doch noch zu erfüllen – aber eine Fehlgeburt, bei der Maria fast ums Leben kommt, macht auch die letzte Hoffnung des Paares zunichte. Für Peter kommt eine Adoption nicht in Frage und für Karrierefrau Maria, die seit der Fehlgeburt die Stimme ihres verstorbenen Kindes (Anouk Fischer) in ihrem Kopf hört, bricht eine Welt zusammen. Im Büro erfährt sie zufällig von der tschechischen Stadt Cheb, in der junge Mütter ihre Neugeborenen aus finanzieller Not an zahlungskräftige Kunden veräußern. Die verzweifelte Frau sieht die letzte Chance auf ein eigenes Kind gekommen und bricht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Tschechien auf, ohne Peter von ihren Plänen in Kenntnis zu setzen. Aber an wen soll sie sich vor Ort wenden? Unterwegs trifft sie zufällig den kleinwüchsigen Tagelöhner „Petit“ (Jordan Prentice) und bezahlt ihn dafür, mit ihr nach Cheb zu fahren und sich bei den Prostituierten nach Kindern zu erkundigen…

    Können wir nicht einfach zusammen traurig sein?“, fragt Peter Maria nach der bitteren Diagnose des Arztes, der dem gemeinsamen Kinderwunsch des Paares eine klare Absage erteilt. Doch Regisseur und Drehbuchautor Anders Morgenthaler hat etwas anderes mit seinen Protagonisten vor: Statt eines klassischen Beziehungsdramas entspinnt der dänische Filmemacher eine prickelnde Mischung aus Prostitutionsthriller, Roadmovie und Psychodrama, die mit vielen cleveren Wendungen gespickt ist. Dabei erweist sich etwa der zunächst so sympathisch wirkende Petit (souverän: Jordan Prentice, „Brügge sehen… und sterben?“) als unberechenbarer Zeitgenosse, auf den sich Maria bei ihrer gefährlichen Odyssee durch die Grenzregion nur bedingt verlassen kann. Petits Schlagfertigkeit und seine Selbstironie, die bei Serienkennern unweigerlich Erinnerungen an „Halbmann“ Tyrion Lennister (Peter Dinklage) aus „Game Of Thrones“ wecken, sorgen andererseits für die wenigen heiteren Momente in einem ansonsten recht düsteren Film. Denn gerade als sich Maria mit einem Baby in den Armen zum ersten Mal in Sicherheit wiegt und die Zukunft endlich rosig erscheint, zieht Morgenthaler ihr – und damit auch dem Publikum – den Boden unter den Füßen weg.

    Ein kleinerer Durchhänger im Mittelteil des Films ist schnell überwunden: Hauptdarstellerin Kim Basinger, die 1998 für ihre Nebenrolle in Curtis Hansons Thriller-Meisterwerk „L.A. Confidential“ einen Oscar erhielt, trägt den Film mit einer glänzenden Darbietung fast im Alleingang und beweist dabei in einigen Szenen großen Mut zur Hässlichkeit. Stark sind vor allem die Sequenzen, in denen ihre vom Schicksal gebeutelte Maria mit einem brutalen, nur als „der Russe“ bekannten Zuhälter (Peter Stormare) aneinandergerät oder allein über den nächtlichen Straßenstrich irrt, weil Petit sie einfach hat stehen lassen. Ein wenig blass bleibt dagegen der deutsche Schauspieler und Regisseur Sebastian Schipper („Absolute Giganten“) – was aber weniger an seiner darstellerischen Leistung, sondern eher am Drehbuch liegt, denn der gebürtige Hannoveraner ist nach Marias überstürztem Abschied nur noch an einem emotionalen Telefongespräch beteiligt.

    „Um jeden Preis“ ist keine leichte Kost und zart besaitete Zuschauer dürfen ruhig vorsichtig sein: Schon in der elektrisierenden Auftaktsequenz wacht Maria in einer riesigen Blutlache auf, später werden gar Köpfe mit Fußtritten zerschmettert. Kameramann Sturla Brandth Grøvlen fängt die Brutalität zwar selten im Detail ein, doch reichen meist schon die Geräusche, um im eigenen Kopf erschütternde Bilder entstehen zu lassen. Überhaupt ist die Kameraführung mit ihren vielen Nah- und Detailaufnahmen gewöhnungsbedürftig ebenso wie einige von Morgenthalers inszenatorischen Entscheidungen: Die handelnden Personen werden oft „angeschnitten“ oder sind nur von hinten zu sehen, Schlüsseldialoge finden im Off statt. Und manchmal zeigt die Kamera auch einfach nur ein Stillleben oder eine Szene wird durch eine Blumenvase gefilmt. Noch befremdlicher als diese auch nicht immer einleuchtenden Spielereien wirken aber die surrealen Einschübe, in denen Marias totes Kind zu ihr spricht, in elfenähnlicher Miniaturgestalt durchs Schlafzimmer schwebt oder gar konkrete menschliche Form annimmt: Die Geschichte hätte ohne diese mystisch angehauchten Elemente ohnehin genauso gut funktioniert, weil die reale Situation im deutsch-tschechischen Grenzgebiet schon dermaßen beklemmend erscheint, dass jede künstliche Dramatisierung übertrieben wirkt.

    Fazit: Anders Morgenthalers „Um jeden Preis“ ist ein überzeugendes Thriller-Drama mit einer stark aufspielenden Kim Basinger. Den Zuschauer erwartet hier allerdings definitiv keine leichte Kost.

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