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The Wailing – Die Besessenen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
The Wailing – Die Besessenen
Von Michael Meyns
Schamanen, Dämonen, Priester, Exorzisten und das vulgärste kleine Mädchen seit Linda Blair in „Der Exorzist“: All diese Gestalten haben ihren Platz in Na Hong-jins vollgestopftem, überkandideltem, kaum fassbarem Genrebastard „The Wailing - Die Besessenen“ - der blutigste Film, der 2016 auf dem Filmfestival in Cannes zu sehen war. Was zunächst für ein paar Minuten wie ein klassisches Polizei-Procedural beginnt (und damit an die Tradition von Nas Durchbruchsfilm „The Chaser“ anknüpft), entwickelt sich bald zu einem vielschichtigen erzählerischen Geflecht mit den dominanten Themen Religion, Tradition, Nation, ehe das Ganze zunehmend in einen einzigen laut-wütenden Exzess ausartet. Dabei überzeugt „The Wailing“ auch schon als reine, brillant gefilmte Genrevariation, aber unter der Oberfläche erzählt Na zudem auch noch Abgründig-Spannendes über Fanatismus, falschen Glauben und den langen Schatten der Geschichte Koreas.

In der ländlichen Ortschaft Goksung ereignen sich seltsame Verbrechen. Familienangehörige ermorden sich auf brutalste Weise gegenseitig, es häufen sich Selbstmorde und merkwürdige Hautausschläge. Der Polizist Jong-gu (Kwak Do-Won) wird immer tiefer in die Vorfälle hineingezogen, denn auch seine kleine Tochter benimmt sich zunehmend rätselhaft. Der Schamane Il-gwang (Hwang Jeong-min) vermutet einen Dämon und beginnt mit der Durchführung aufwändiger Austreibungsrituale. Verursacher der Plage scheint ein geheimnisvoller japanischer Fremder (Jun Kunimura) zu sein, der tief im Wald in einer Hütte haust und ebenfalls verdächtige Rituale abhält. Neben dem japanischen und dem koreanischen Schamanen ist auch noch ein katholischer Priester vor Ort, der das Horrorfest der Religionen vervollständigt…


Wenn Na Hong-jins dritter Film (nach „The Chaser“ und „The Yellow Sea“) mit einem Zitat aus dem Lukas-Evangelium beginnt, erscheint das nicht weiter verwunderlich, immerhin ist der Katholizismus in Korea neben dem Buddhismus und animistischen Religionen weit verbreitet. Das blutige Chaos, das der Regisseur alsbald entfacht, entpuppt sich für die konkurrierenden Glaubensrichtungen und Ansichten zunächst einmal als fruchtbarer Boden, denn die Menschen gieren nach Erklärungen und Orientierung – wie der etwas tumbe Polizist Jong-gu, der nur seiner Tochter helfen will und dafür an alles zu glauben bereit ist, solange es sich nur einigermaßen überzeugend anhört. Dass dann  ausgerechnet ein Japaner in Verdacht gerät, der Urheber der Ereignisse zu sein, die in ihrer Extremität durchaus an biblische Plagen erinnern, ist absolut bezeichnend: Natürlich spielt Na hier auf das immer noch extrem gespannte Verhältnis Südkoreas zur einstigen Besatzungsmacht Japan an…

… erzählt darüber hinaus aber auch von der fatalen Kraft eines fanatischen Glaubens und der Macht von Gerüchten und Vorurteilen, die jedes rationale Denken aushebeln – angesichts der unfassbaren Ereignisse, die sich in der kleinen Stadt abspielen, ist das allerdings auch kein Wunder: Bestialische Morde, dämonische Erscheinungen, steineschmeißende Geister, dröhnende Teufelsaustreibungen scheinen hier fest zum Alltag gehören. Na steigert seine exzessiv-wuchtige Inszenierung unaufhörlich ins Extrem: Selten war ein Film dermaßen laut, das nahezu unaufhörliche Brummen und Dröhnen auf der Tonspur geht immer wieder in kakophonische Geräuschkollagen über. Der abschließende Höhepunkt ist ein doppelter Exorzismus – eine atemberaubend-ausufernde Schlusssequenz eines wilden, bizarren, unendlich faszinierenden Albtraum-Trips.

Fazit: In seinem stilistisch brillanten Thriller „The Wailing - Die Besessenen“ variiert Na Hong-jin auf höchst originelle, radikal exzessive Weise Motive des Geister- und Horrorfilms - und erzählt dabei eindringlich von Obsession, Besessenheit und Fanatismus.

Wir haben „The Wailing“ im Rahmen der 69. Filmfestspiele von Cannes gesehen, wo der Film im offiziellen Programm außer Konkurrenz gezeigt wurde.

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Kommentare

  • FAm Dusk Till Dawn

    Klingt nach einem echt fiesen kleinen Juwel! Merci für die Kritik. Interessant geschrieben. Bin offiziell angefixt!

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