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45 Years
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
45 Years
Von Lars-Christian Daniels
„Unsere Beziehungen sind wahrscheinlich das Wichtigste in unserem Leben“, gab der britische Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent Andrew Haigh, der zuletzt einige Folgen der HBO-Serie „Looking“ inszenierte, den Journalisten bei der Berlinale-Pressekonferenz zu seinem Ehe-Drama „45 Years“ zu Protokoll. Ihn interessiere besonders, wie wir miteinander kommunizieren, und wie sich die Sexualität und das Verlangen nach dem anderen in verschiedenen Lebensphasen verändern. Dass Haigh für zwischenmenschliche Phänomene wie diese ein hervorragendes Auge besitzt, bewies er bereits mit seinem vielgelobten Homosexuellen-Drama „Weekend“, mit dem er über 20 internationale Filmpreise abräumte und das er selbst als „thematischen Schwesterfilm“ zum Nachfolger bezeichnet: „45 Years“, der auf David Constantines Kurzgeschichte „In Another Country“ basiert, läuft bei der Berlinale 2015 im Wettbewerb um den Goldenen Bären. Mit viel Gespür für seine Figuren und für den richtigen Erzählton arrangiert der britische Filmemacher ein auffallend stilles, aber berührendes Beziehungsdrama und kann sich dabei jederzeit auf seine glänzend aufspielenden Hauptdarsteller verlassen.

Kate (Charlotte Rampling) und Geoff Mercer (Tom Courtenay) bewohnen in der englischen Grafschaft Norfolk ein kleines Landhaus und stecken mitten in den Vorbereitungen zu ihrem 45. Hochzeitstag. Weil die Feierlichkeiten zu ihrem letzten „runden“ Ehejubiläum kurzfristig ins Wasser fielen, planen die kinderlosen Ruheständler diesmal eine große Party: Von der Musikauswahl bis zur Frage nach dem passenden Menü müssen noch allerlei Arrangements getroffen werden. Wenige Tage vor der Party bringt der Postbote Chris (Sam Alexander) jedoch einen Brief, der Geoff schlagartig zurück in die Vergangenheit versetzt: In den Schweizer Alpen wurde der tiefgefrorene Leichnam seiner ehemaligen Freundin Katya gefunden, die vor 50 Jahren bei einem gemeinsamen Ausflug in eine Gletscherspalte gestürzt und tödlich verunglückt war. Geoff ist fortan nicht mehr derselbe: Er stöbert nachts auf dem Dachboden in alten Fotoalben, fängt das Rauchen wieder an und zieht sich immer mehr in seine Erinnerungen zurück. Kate versucht vergeblich, gegen ihre aufkeimende Eifersucht anzukämpfen und Zugang zur Gefühlswelt ihres Mannes zu finden…

„45 Years“ ist einer dieser Filme, in dem entscheidende Dinge unausgesprochen bleiben – und der gerade deshalb so berührt. Regisseur und Drehbuchautor Andrew Haigh erzählt eine unspektakuläre, aus dem Leben gegriffene Geschichte und blickt ins Innerste einer vermeintlich unerschütterlichen Ehe, die nach dem Eintreffen des Briefes nur noch vordergründig ihren gewohnten Gang geht: Während Kate Tag für Tag ihre Runde mit Schäferhund Max macht und bei den Party-Planungen auf sich allein gestellt ist, kapselt sich Geoff nicht nur von ihr, sondern auch von den gemeinsamen Freunden George (David Sibley) und Lena (Geraldine James) ab. In präzisen, auch aufgrund fehlender musikalischer Untermalung fast dokumentarisch anmutenden Bildern arbeiten Haigh und sein Kameramann Lol Crawley („Mandela: Der lange Weg zur Freiheit“) die oft typischen Mechanismen einer eingespielten Langzeit-Ehe heraus: Sätze bleiben unvollendet, weil der Partner sie auswendig kennt, kleinere Spannungen werden klaglos umschifft, und doch reicht das Auffrischen einer einzigen Erinnerung aus, um 45 Jahre glückliches Eheleben aus dem Tritt zu bringen. Trotz des zunehmend offen schwelenden Konflikt geht es hier weniger um den Blick in bodenlose menschliche Abgründe wie etwa in den Filmen von Michael Haneke („Das weiße Band“, „Liebe“), sondern eher im Gegenteil um ein feinnerviges Porträt individueller Gefühlswelten.

Es ist auch den blendend aufgelegten Hauptdarstellern zu verdanken, dass sich das dialoglastige Ehe-Drama trotz der fehlenden eruptiven Momente ins Gedächtnis brennt. Charlotte Rampling („Swimming Pool“, „Melancholia“) und der zweimal für den Oscar nominierte Sir Tom Courtenay („Doktor Schiwago“, „Ein ungleiches Paar“) harmonieren vor der Kamera prächtig und sind als emotional aufgewühlte, dabei zunehmend labile Ruheständler jederzeit glaubwürdig. Während eine mutige Sex-Szene die große Zuneigung und das grenzenlose Verständnis zwischen den beiden Protagonisten rührend auf den Punkt bringt (und Erinnerungen an Andreas Dresens Altersdrama „Wolke 9“ weckt), zeigt Haigh bei einer elektrisierenden Sequenz auf dem Dachboden seine inszenatorische Raffinesse: Als Kate sich im Dunkeln vor einer Leinwand durch verstaubte Dias klickt und dabei eine wichtige Entdeckung macht, blickt der Zuschauer in ihr im Stakkato-Rhythmus aufflackerndes Gesicht, in das sich fast wie in einem Horrorfilm ein wortloser Schock einschreibt. Und wenn sie in einer der wenigen Szenen außerhalb des Hauses gedankenverloren durch die Stadt streift, sagt das mehr über ihre aus den Fugen gehobene Gefühlswelt aus als jeder abendliche Dialog im Ehebett.

Fazit: Der britische Filmemacher Andrew Haigh liefert mit „45 Years“ ein berührendes und präzise fotografiertes Ehedrama ab, in dem die Hauptdarsteller Charlotte Rampling und Tom Courtenay zu großer Form auflaufen.

Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2015. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 65. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.
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Kommentare

  • Der Eine vom Dorf
    Toll geschriebene Kritik!
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