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    The Boy
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    The Boy
    Von Gregor Torinus
    Mit ihren lebensechten und zugleich ausdruckslosen Zügen haben Puppen etwas Unfertiges und Mysteriöses an sich, das im Horrorkino gerne auf die Spitze getrieben wird: Da entzünden sich die Fantasien von Psychopathen an Schaufensterpuppen (wie zuletzt in „Alexandre Ajas Maniac“) oder Spielzeugfiguren werden selbst zu mörderischem Leben erweckt, wie dies in „Chucky - Die Mörderpuppe“ (1988) und seinen diversen Fortsetzungen auf emblematische Weise geschehen ist. Während es in den „Chucky“-Filme recht heftig zur Sache geht und auch im „The Conjuring“-Spin-Off „Annabelle“ jüngst markerschütternde Schockeffekte aufgeboten wurden, setzt William Brent Bell in seinem Gruseldrama „The Boy“ nun auf subtilere Töne. Das Unheimliche hier ist zunächst, dass der titelgebende Junge eine Puppe ist, die von einem älteren Ehepaar wie ein lebendes Kind behandelt wird...

    Die Amerikanerin Greta (Lauren Cohan) reist in die alte Welt, um in einem britischen Herrenhaus als Babysitterin zu arbeiten. Doch als Mr. und Mrs. Heelshire (Jim Norton, Diana Hardcastle) Greta ihren achtjährigen Sohn Brahms vorstellen, fällt die angehende Nanny aus allen Wolken: Brahms ist eine Porzellanpuppe! Trotzdem stellen die Heelshires allen Ernstes ein komplettes Betreuungsprogramm für ihn zusammen, das vom morgendlichen Ankleiden bis zur Gute-Nacht-Geschichte am Abend reicht. Als die Hellshires kurz darauf eine Reise antreten, glaubt Greta, dass sie fürs Nichtstun bezahlt wird und richtet sich auf eine gemütliche Zeit ein. Doch immer stärker mehren sich die Anzeichen dafür, dass Brahms vielleicht doch mehr als eine einfache Puppe ist. Dabei hatten die Heelshires Greta eindringlich gewarnt, dass Brahms nur so lange nett ist, wie man auch ihn nett behandelt...


    In „The Boy“ wird die wohlbekannte Geschichte vom naiven Amerikaner variiert, der im alten Europa zuerst auf spleenige Gestalten trifft und dann in lebensbedrohliche Verstrickungen gerät, wie sie schon Dario Argento 1970 in seinem Debüt „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ erzählt hat. Auch die von Lauren Cohan („The Walking Dead“) verkörperte Babysitterin Greta ist ein Paradebeispiel an Unbedarftheit, ihre langsam wachsende Verunsicherung und ihre anschwellende Angst sind sehr gut nachvollziehbar. Zugleich bleibt die Nanny, der alleingelassen in der alten Villa nichts Besseres einfällt, als  Frauenzeitschriften zu lesen, im Vergleich zu einigen Nebenfiguren allerdings etwas blass. Charismatischer als sie sind insbesondere die von Jim Norton („American History X“) und Diana Hardcastle („If Only“) gespielten Heelshires in ihren kurzen Auftritten. Sie stehen auch im Mittelpunkt der intensivsten und unheimlichsten Szene des Films.

    Neben den wenigen Menschen und der umsorgten Porzellanpuppe mit dem ungewöhnlichen Vornamen avanciert schnell das alte englische Herrenhaus zu einem weiteren Protagonisten: Das gediegen eingerichtete Domizil wird zum Schauplatz unerklärlicher Vorgänge, und seltsame Geräusche, die direkt aus seinen Gemäuern zu kommen scheinen, rauben Greta den Schlaf. Wir teilen schließlich die Irritation des aufgeschreckten Hausgastes und forschen mit ihm nach einem Anzeichen von Leben in Brahms‘ Puppengesicht. Regisseur William Brent Bell („Wer - das Biest in dir“) hält lange offen, ob die Puppe tatsächlich ein Eigenleben führt oder ob Greta in dem alten knarzenden Gebäude nur die Nerven durchgehen. Erblickt die Nanny beispielsweise eine Träne auf Brahms' Wange, so erkennt sie im nächsten Augenblick, dass es nur von der Decke tropft. Das ist äußerst souverän gemacht und bis zum tatsächlich überraschenden Schlusstwist tadellos gestaltet, aber bei allen originellen Einzelheiten sind die Gruselvariationen insgesamt  etwas zu glatt und äußerlich perfekt geraten, um Albträume auszulösen oder nachhaltig zu beunruhigen.

    Fazit: „The Boy“ ist ein atmosphärisch starker und handwerklich überzeugender Gruselfilm, dem das gewisse unheimliche Etwas allerdings weitgehend fehlt.

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