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Sully
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Sully
Von
„Das ist die gewagteste Nummer, die ich jemals gesehen habe“, zollt Kampfflieger Hollywood (Whip Hubley) seinem Konkurrenten Maverick (Tom Cruise) in Tony Scotts kultiger Flieger-Action „Top Gun“ zu Berlins einsetzendem Oscarstück „Take My Breath Away“ tiefsten Respekt, nachdem der Heißsporn bei einem Ausbildungsflug mit seiner F-14 Tomcat eine feindliche MIG-28 mit einem radikalen Überkopfmanöver in die Flucht geschlagen hat. Doch dieser kühne Harakiri-Akt ist pure Fiktion - entstanden mit der Sicherheit der Erfindung im Rücken. Wenn man zu einem fliegerischen Äquivalent im wirklichen Leben schauen will, gibt es nur eine Landestelle ähnlicher Güte: New York, Hudson River, 15. Januar 2009! An diesem Tag setzte der texanische Piloten-Veteran Chesley Sullenberger seinen Airbus A320-314 nach komplettem Triebwerksausfall in allerhöchster Not in die eiskalten Fluten des Hudson und rettete den 155 Menschen an Bord des US-Airways-Flugs 1549 wie durch ein Wunder das Leben. Das ist natürlich Stoff für Hollywood und mit dem vierfachen Oscarpreisträger Clint Eastwood („Erbarmungslos“, „Million Dollar Baby“) hat sich ein echter Profi der Sache angenommen: Er macht aus der schlagzeilenträchtigen Geschichte von „Sully“ ein nüchtern inszeniertes, aber dennoch emotional packendes Luftfahrt-Drama.

Der US-Airways-Inlandslinienflug Nummer 1549 vom New Yorker Flughafen LaGuardia Richtung Seattle dauert nur sechs Minuten: Das Flugzeug fängt sich schon bald nach dem Start in 1.000 Meter Flughöhe einen doppelten Vogelschlag ein, der zum Schubverlust in beiden Triebwerken führt. Die Flugsicherung schlägt vor, in LaGuardia oder auf dem nahegelegenen Regionalflughafen Teterboro in New Jersey notzulanden, aber nach Einschätzung von Flugkapitän Chesley „Sully“ Sullenberger (Tom Hanks) und seinem Co-Pilot Jeff Skiles (Aaron Eckhart) ist die Zeit dafür zu knapp. Stattdessen wagt Sullenberger eine Notwasserung auf dem New Yorker Hudson River – bei der alle Passagiere und Crewmitglieder völlig überraschend überleben. Von den Medien als „Held vom Hudson“ gefeiert, wird „Sully“ von der medialen Wucht überrollt. Doch das ist nicht das größte Problem: Die US-amerikanische Flugsicherheitsbehörde NTSB (National Transportation Safety Board) leitet routinemäßig eine Ermittlung ein, in deren Verlauf sie Sullenberger und Skiles vorwirft, sie hätten die falsche Entscheidung getroffen und mit ihrem Wahnsinnsmanöver 155 Menschenleben gefährdet, weil eine sichere Landung problemlos möglich gewesen sei…  



Der Rekord des ältesten Filmemachers aller Zeiten ist zwar noch zwei Jahrzehnte entfernt (der 2015 im Alter von 105 Jahren verstorbene Portugiese Manoel de Oliveira drehte noch wenige Monate vor seinem Tod seine letzten Kurzfilme), aber noch vor Komödien-Uhrwerk Woody Allen (Jahrgang 1935) ist Clint Eastwood (Jahrgang 1930) der inoffizielle Regie-Alterspräsident Hollywoods und wird, wenn man einen Blick auf die Liste seiner mehr oder weniger konkret geplanten zukünftigen Projekte wirft, wahrscheinlich solange drehen, bis er endgültig von der Bühne des Lebens abtritt. Und das wird ein trauriger Tag sein! Auch wenn Eastwood im Privaten gelegentlich mit erzkonservativen Ansichten irritiert und Dialoge mit leeren Stühlen pflegt, sind seine Regiearbeiten nach wie vor ein Geschenk für jeden Kinofreund – das gilt nach dem etwas schwächeren „Jersey Boys“ und dem umstrittenen „American Sniper“ in besonderem Maße auch für sein 35. Werk! In „Sully“ konzentriert sich der Kalifornier, der sich als Schauspieler seit einigen Jahren in Rente befindet (seinen wohl endgültig letzten großen Auftritt vor der Kamera absolvierte er 2012 für das von seinem alten Produzenten-Kumpel Robert Lorenz inszenierte Baseball-Drama „Back In The Game“), eindrucksvoll auf das Wesentliche. Und das ist bei dem Tatsachendrama „Sully“ schon eine Menge. Denn Eastwood meistert die schwierigste Herausforderung des Projekts bravourös: Wie schaffe ich es, aus einem sattsam bekannten Weltereignis neue Spannung zu kitzeln?

Eastwood gewinnt den bekannten Ereignissen durch eine geschickte Erzählstruktur neue Facetten ab und findet dabei eine eigene Perspektive. Gleich zu Beginn zeigt er uns einen Katastrophenflug, bei dem Kapitän Sullenberger seinen Airliner auf New York zusteuert. Aber es folgt eben nicht die glückliche Landung im Hudson, sondern wir sehen mit Schrecken, wie das Flugzeug in den engen Betonschluchten der Mega-Metropole in die Hochhäuser crasht. Erst in dem Moment wird klar, dass wir es bei diesem Auftakt mit einer Traumsequenz zu tun haben. Mit dieser Szene unterläuft Eastwood nicht nur die Erwartungen des Publikums, sondern er schlägt vor allem eine emotionale Brücke zu den Ereignissen von 9/11, die sich so tief in das kollektive Bewusstsein eingegraben haben und die hier auch der Wahrnehmung alles Folgenden eine entscheidende Färbung und zusätzliche menschliche Resonanz geben. Und indem Eastwood und sein Drehbuchautor Todd Kormarnicki (der das Sachbuch „Highest Duty“ von Chesley Sullenberger und Jeffrey Zaslow adaptiert) weitere Schwerpunkte auf die Untersuchung der Flugsicherheitsbehörde NTSB sowie Sullenbergers schwierigen Umgang mit der ungewohnten öffentlichen Aufmerksamkeit setzen, runden sie das Porträt ihres zupackend-zurückhaltenden Titelhelden ab: Er ist eben kein strahlender Action-Ritter, sondern einfach ein talentierter Pilot, der nur seinen Job gemacht hat.

Eastwood springt virtuos in der Zeit hin und her, ohne dass der Film jemals seine bemerkenswerte Klarheit und Direktheit verlieren würde: Rückblenden in Sullenbergers Zeit als Militärpilot, eine Kindheitserinnerung, kurze Szenen vor und nach der NTSB-Untersuchung – alles das trägt zum Verständnis der Hauptfigur und ihrer Handlungsweisen bei – und wenn der Regisseur die spektakuläre Notwasserung schließlich doch noch in voller epischer Breite präsentiert, mit allen tosenden Geräuschen, der ganzen mühsam unterdrückten Panik der Passagiere und der ebenso mühsam kontrollierten Besonnenheit der Besatzung, dann hat das einen nicht zu leugnenden emotionalen Punch, der sich bei der Bergung der Menschen aus dem untergehenden Flugzeug, als sich New Yorker Rettungskräfte in Minutenschnelle zusammenfinden, noch verstärkt – ganz ohne Effekthascherei! „Sully“ mag keine emotionale Achterbahnfahrt vom Kaliber des vergleichbaren Flieger-Dramas „Flight“ mit Denzel Washington sein, aber auf seine stille und unaufgeregte Art ist „Sully“ ein ebenso intensiver Film, der auch außerhalb des Katastrophengeschehens immer wieder sehr starke Szenen bietet, wobei Eastwood gelegentlich auch etwas kräftiger nachhilft.

So erscheinen die Mitglieder des NTSB-Untersuchungsausschusses angesichts der wundersamen Teamarbeit und puren Menschlichkeit der Landung und Rettung als paragrafenreitende Technokraten, obwohl sie letztlich auch nur ihren Job machen. Es wirkt bei Eastwood, als wollten sie Sullenberger, den alle Welt längst als „Held vom Hudson“ feiert, auf Teufel-komm-raus den schwarzen Peter zuschieben. Diese etwas unfaire Stilisierung der Ausschussmitglieder zu sanften Bösewichten ist eine der wenigen Schwachstellen des Films, aber zugleich zeigt die etwas überspitzte Darstellung der gegensätzlichen Sichtweisen besonders effektiv, welche Faktoren bei der Bewertung eines solchen Ereignisses eine Rolle spielen: Zwischen mutiger Heldentat und fahrlässigem Versagen ist es wahrlich nur ein schmaler Grat.

Da ist es nur vollkommen konsequent, wenn Eastwood trotz klarer Sympathieverteilung auch ernsthafte Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung zur Wasserung zulässt, von denen schließlich sogar Sullenberger selbst erfasst wird. Das spielt der zweifache Oscarpreisträger Tom Hanks („Forrest Gump“, „Philadelphia“) ganz seinem realen Vorbild folgend sehr beherrscht-nuanciert. Er trägt (ebenso wie sein Kollege Aaron Eckhart als loyaler Co-Pilot) den kuriosen Luftfahrt-Schnauzbart mit Würde, tariert das Seelenleben des Über-Nacht-Weltstars aus, der von der Aufmerksamkeit schlicht überrollt wird, und erweist sich dabei mit seinen unvergleichlichen Jedermann-Qualitäten einmal mehr als Idealbesetzung: Gerade durch Hanks‘ einfühlsame Darstellung ist Sullenbergers stiller Kampf mit sich selbst und dem Untersuchungsausschuss ein schlagendes Plädoyer dafür, den menschlichen Faktor nicht zu vergessen. Und was diesen Faktor ausmacht, das verkörpert Hanks ohnehin so überzeugend wie kaum ein zweiter Schauspieler unserer Zeit.

Fazit: Clint Eastwood erzählt in dem fesselnden Tatsachendrama „Sully“ eine sehr amerikanische Heldengeschichte, der man sich unmöglich entziehen kann. Das ist feines Filmemachen eines wahren Altmeisters – old school in bestem Sinne!

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Kommentare

  • niman7
    Wow ich habe ihn deutlich schlechter gesehen.
  • Micheal Knight
    Der Film hat mir sehr gut gefallen unddie FS-Kritik führt treffend aus warum. Auch anregend das Kommentar auf der Hauptseite, inwieweit sich der Mensch vonder Technik abhängig machen will. Hier am Beispiel einesjuristischen Verfahrens, in welchem Behörden auf ''MenschlichesVersagen'' drängen, wo gesunder Menschenverstand herrschte. Filme unter Eastwoods Regie habe ichbisher auf konstant hohem Niveau wahrgenommen und "Sully"zählt für mich zu den stärksten seiner jüngeren Arbeiten. Ähnlichstark wie "Mystic River" oder "A Perfect World".Jede Szene sitzt und Eastwoods Version der Begebenheiten ist fesselnderzählt und wirft brandaktuelle Fragen auf. Ob die Fiktion zu einemgewissen Grad institutionelle Instanzen stigmatisiert, ist mir in demFall egal, weil der Film nie seine Bodenhaftung verliert.Ich fühlte mich weder an 'CaptainPhillips' erinnert was die Performance von Hanks angeht, noch an'Flight' (mit Denzel), was das Genre betrifft. "Sully" hatseinen ganz eigenen markanten Grundton und weiß bis zum Schluss mitepischen Sequenzen (weitestgehend frei von Effekthascherei), einerdichten Atmosphäre sowie ausgefeilten Dialogen ambivalenter Figuren zuüberzeugen. (Aaron Eckhart ebenfalls wieder top!).
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