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    Je suis Charlie
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Je suis Charlie
    Von Harald Ringel
    Mit dem inzwischen zum geflügelten Wort gewordenen Ausspruch „Je suis Charlie“ haben sich Millionen Menschen auf der ganzen Welt nach dem Al Quaida-Attentat auf die Redaktion der französischen Satirezeitung Charlie Hebdo mit den Opfern solidarisiert. Wenn der internationale Titel der französischen Dokumentation „L’humour à mort“ nun auch „Je suis Charlie“ lautet, dann wirkt das, als wollten sich die Regisseure, das Vater-und-Sohn-Gespann Daniel und Emmanuel Leconte, dieser Erklärung des Mitgefühls und der Identifikation anschließen. Und das ist in diesem Fall nur angemessen, denn dieser Film ist keine nüchtern-distanzierte Analyse der Ereignisse: Daniel Leconte hat nur wenige Tage nach der Tat, bei der am 7. Januar 2015 zwölf Menschen ermordet wurden, mit dem Dreh begonnen und zudem kannte er viele Redaktionsmitglieder seit Jahren gut, nachdem er bereits 2008 den Dokumentarfilm „It’s Hard Being Loved By Jerks“ über den Prozess wegen der in Charlie Hebdo nachgedruckten Mohammed-Karikaturen gedreht hatte. So stehen hier nicht nur die überlebenden Interviewpartner noch sichtlich unter Schock, auch die Filmemacher sind betroffen und zeigen dies durchaus.


    Die emotionale Nähe zwischen den Regisseuren und ihren Protagonisten ist die große Stärke des Films, vor allem die Szene, in der sich die Zeichnerin Coco unter Tränen eine Mitschuld gibt, weil sie den Terroristen unter vorgehaltener Maschinenpistole die Redaktionstür geöffnet hatte, obwohl in dieser Situation wohl jeder so gehandelt hätte, ist zutiefst bewegend. Durch die Interviews wird chronologisch der Tathergang rekonstruiert, doch es geht vor allem auch darum, den Gefühlen der Überlebenden ein Ventil zu geben und das Schaffen der Getöteten zu würdigen. Auch sie kommen mittels Archivmaterial, das zu großen Teilen aus dem Material zu „It’s Hard Being Loved By Jerks“ stammt, immer wieder zu Wort, zahlreiche Karikaturen und Privataufnahmen runden das Bild ab. Dabei zeigen die Filmemacher eine klare Haltung und solidarisieren sich mit dem Team von Charlie Hebdo: Jene Stimmen, die den Ermordeten eine Teilverantwortung zuweisen, weil die mit ihren Veröffentlichungen angeblich zu weit gegangen sind, werden entschieden zurückgewiesen, außerdem nehmen die Lecontes kritisch in den Blick, wie schnell nach dem Terrorakt wieder ganz andere Dinge im Zentrum der öffentlichen Diskussionen standen. So wird „Je suis Charlie“ zu einem ebenso gefühlvollen wie engagierten Dokument, dessen Wirkung in der deutschen Fassung allerdings durch die  Untertitelung beeinträchtigt wird: Einiges wird nur zum Teil übersetzt und außerdem ist die Wortwahl gegenüber dem Original oft sehr stark abgemildert.

    Fazit: Mit dieser emotionalen Dokumentation setzen die Regisseure den lebenden und toten Redaktionsmitgliedern von Charlie Hebdo ein filmisches Denkmal und geben dabei einige Denkanstöße zu aktuellen Themen wie Pressefreiheit und falsch verstandenen Liberalismus.
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