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    Hotel Mumbai
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Hotel Mumbai

    Ein Porträt der Opfer statt der Täter

    Von Carsten Baumgardt
    Die Frage scheidet regelmäßig die Geister: Darf man, soll man oder muss man grausame Terrorattacken in Spielfilmform aufbereiten? Das kommt im Zweifelsfall natürlich in erster Linie auf die Umsetzung an, wie sensibel oder eben reißerisch sie letztendlich ausfällt. In dieser Hinsicht hält sich Regiedebütant Anthony Maras mit seinem auf wahren Begebenheiten beruhenden Terror-Thriller-Drama „Hotel Mumbai“ schadlos. Denn gerade die Art, wie er die Menschlichkeit der Opfer der Terroranschläge auf die indische Mega-Metropole Mumbai im Jahr 2008 betont, ist eine der zentralen Stärken des Films. Während die mutmaßlichen Täter der islamistisch-militanten, in Pakistan beheimateten Organisation Laschkar-e Taiba zwar ein Gesicht bekommen, ihre Ideologie aber nur gestreift wird, geht es Madras eben vor allem darum, den 174 Toten und 239 Verletzten Gehör zu verschaffen. „Hotel Mumbai“ ist deshalb ein intensiver, herzzerreißender Terror-Thriller, der das Chaos und die apokalyptische Bedrohung der kaltherzig-hasserfüllten Angreifer aus dem vordergründig westlichen Blickwinkel schildert, dabei aber auch die indische Perspektive nicht vergisst.

    Am 26. November 2008 fällt eine zehnköpfige Gruppe von islamischen Terroristen in Mumbai ein und beginnt mit Schnellfeuerwaffen, so viele Menschen wie möglich zu töten. Die Attacken sind gesteuert und finden an mehreren Orten statt. Das majestätische Taj Mahal Palace & Tower Hotel im südlichen Mumbai besetzen die Terroristen ebenfalls und schockieren die Gäste mit unmenschlicher Brutalität. Jeder, der ihnen in die Quere kommt, wird auf der Stelle erschossen – egal ob Einheimischer oder reicher westlicher Tourist. Da ist zum Beispiel der amerikanische Architekt David (Armie Hammer) mit seiner Frau Zahra (Nazanin Boniadi), dem Kindermädchen Sally (Tilda Cobham-Hervey) und dem neugeborenen Baby. Während David und Zahra unten in der Lobby ins Sperrfeuer der Terroristen geraten, ist ihr Nachwuchs mit seiner Nanny auf dem Zimmer. Auch der reiche russische Geschäftsmann Vasili (Jason Isaacs) befindet sich im Hotel in der Gewalt der Angreifer, die die Lobby kontrollieren und von Zimmer zu Zimmer gehen und systematisch Hotelgäste erschießen. Währenddessen organisieren Kellner Arjun (Dev Patel) und Chefkoch Oberoi (Anupam Kher) eine Rettungsaktion, bei der sie Gäste in einen abgeriegelten, schwer zugänglichen Club innerhalb des Hotels führen…

    Turm in der Schlacht: Dev Patel als widerstandsfähiger Kellner Arnun.


    Bei seiner Aufarbeitung des 26/11-Terrors beschränkt sich Anthony Maras größtenteils auf das Geschehen im Taj Mahal Palace & Tower, schließlich ist das Luxushotel ein Symbol für Pracht, Prunk, Dekadenz und Westlichkeit. Also alles, was die Laschkar-e-Taiba-Terroristen (heißt übersetzt: Armee der Reinen) so verabscheuen. Maras verzichtet darauf, tatsächliche Personen als Protagonisten seines Films zu nutzen, lediglich Chefkoch Oberoi ist einem realen Vorbild nachempfunden. Die übrigen Figuren wurden hingegen fiktionalisiert. Hier könnte man dem Regisseur fehlende Courage vorwerfen, ihm diesen Ansatz aber genauso gut auch als pietätvoll auslegen. Denn die Auswirkungen auf den Zuschauer sind nicht geringer, nur weil man weiß, dass diese Charaktere nur Stellvertreter für die realen Menschen sind, die tatsächlich getötet, verletzt oder durch das brutale Attentat traumatisiert wurden.

    Maras versucht sich bei der Auswahl seiner Akteure an einem heiklen Spagat: In „Hotel Mumbai“ verfolgt er schließlich quasi zwei Erzählperspektiven parallel, nämlich die westliche und die einheimische, wobei letztere die dramaturgisch nachrangige, aber filmisch stärkere ist. Natürlich empfindet man Empathie mit dem reichen Architekten David und seiner multikulturellen Familie. Man fiebert mit ihm mit, wenn er in totaler Verzweiflung den mutmaßlich tödlichen Weg nach oben zu seinem Kind sucht. Armie Hammer („Call Me By Your Name“) macht dabei das Beste aus seiner überschaubar komplexen Rolle.

    Einheimische Helden


    Aber erzählerisch dringlicher und letztendlich auch berührender ist trotzdem die Geschichte um den niedergestellten Kellner Arjun, den Dev Patel („Slumdog Millionär“) heroisch-loyal mit großem Charisma verkörpert. Immer knapp bei Kasse, zuhause ein krankes Kind, zu spät zur Arbeit und auf dem Weg dahin den Schuh verloren: Nur die spröde Gutherzigkeit des strengen Chefs Oberoi rettet Arjun, weil ihm sein Vorgesetzter seine Ersatzschuhe leiht, sodass er an diesem Tag überhaupt Geld verdienen kann. Mit dieser kleinen Episode und dem klassischen Drehbuchtrick, dass sich eine zunächst noch ambivalente Figur (hier: der gestrenge Oberoi) schließlich als besonders gutherzig erweist, sind ihnen die Sympathien sicher, wenn sie sich in der Folge beide zu Anführern des einheimischen Hotelpersonals entwickeln.

    Hier entwickelt „Hotel Mumbai“ ein charakterlich wesentlich schärferes Profil als bei den weitestgehend oberflächlich gezeichneten Hotelgästen. Für mehr bleibt aber auch schlicht keine Zeit, wenn die Kugeln erst mal hageln – und das geschieht ziemlich schnell. Die Exposition ist kurz und knapp, sie visualisiert lediglich im Vorbeigehen in hochglänzenden, sepiafarbenen Bildern die krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich in diesem Mega-Moloch. Mit diesem Blick auf die soziale Schere ist auch leichter zu schlucken, dass ausgerechnet Jason Isaac („Harry Potter und die Kammer des Schreckens“) als superreicher Russen vom Typ Oligarch klischeehaft als arroganten Macher, der erst einmal nur an sich denkt, präsentiert wird, während im krassen Gegensatz dazu das einheimische Personal auch im Angesicht des Todes nicht flüchtet und weiter den Gästen und vor allem deren Sicherheit dient. Das Motto des Hotels „Der Gast ist Gott“ wird sichtlich ernstgenommen.

    In den Fängen der Terroristen: Vasili (Jason Isaacs) und Zahra (Nazanin Boniadi).


    In der ersten Hälfte sterben ausschließlich Figuren, die keinen engen Kontakt zur Erzählung haben oder gar zu den zuvor etablierten Sympathieträgern zählen. Stattdessen trifft es immer nur zufällig herumstehende arme Teufel. Das macht „Hotel Mumbai“ in dieser Phase ein Stück weit berechenbar, aber das ändert sich im weiteren Verlauf noch. Dann geht es nämlich emotional wirklich ans Eingemachte. Bei den Tötungen und Kopfschüssen aus nächster Nähe blendet Kameramann Nick Remy Matthews („SAS: Red Notice“) zwar schnell weg, damit es nicht zu unerträglich oder gar voyeuristisch wird, aber die so im Kopf des Zuschauers angestoßenen Massaker-Bilder sind ohnehin ähnlich schlimm und wirkungsvoll. Während die Opfer im Mittelpunkt ein menschliches Antlitz und Andenken bekommen, verwehrt Regisseur Maras den Attentätern eine breite Plattform für ihre Motive. In Konversationen mit ihren Hintermännern, die direkt über den „Knopf im Ohr“ mit ihnen verbunden sind, erahnt man lediglich ihre Befindlichkeiten.

    Fazit: Anthony Maras legt mit dem packenden Terror-Thriller „Hotel Mumbai“ ein inszenatorisch erstaunlich reifes Regiedebüt vor, das die Terroranschläge des 26. November 2008 auf die indischen Metropole Mumbai als verzweifelten, schwer ertragbaren Opferkampf zeigt.

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