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    Godard Mon Amour
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Godard Mon Amour
    Von Michael Meyns
    Ist eine Kamerafahrt politisch? Wer dies für eine relevante Frage hält, über die es sich gerade auch im Lichte marxistischer Theorien zu diskutieren lohnt, für den ist Michel Hazanavicius‘ „Godard Mon Amour“ genau der richtige Film. Auf den ersten Blick ist das tragikomische Werk des Oscar-Preisträgers (für „The Artist“) ein Biopic über ein Jahr im (Liebes-)Leben des Filmemacherkollegen Jean-Luc Godard, bei genauerem Hinsehen erweist sich der französische Wettbewerbsbeitrag beim Festival in Cannes 2017 allerdings als verspielte, zitatenreiche, intelligente und vor allem liebevolle Hommage an einen der wichtigsten Regisseure der Filmgeschichte.

    1967. Bei den Dreharbeiten zu „Die Chinesin“ hat Jean-Luc Godard (Louis Garrel), die 19-jährige Jungschauspielerin Anne Wiazemsky (Stacy Martin) kennengelernt. Eine Blitzheirat folgt, doch nach kurzen Monaten des ehelichen Glücks ist der Regisseur mit seinen Gedanken auf den Straßen von Paris, wo sich der revolutionäre Mai 1968 anbahnt. Im Zuge der Proteste sieht sich auch Godard  zunehmender Kritik ausgesetzt. Die gilt nicht nur seiner Art, Filme zu machen, der Mittdreißiger wird von den Studenten vielmehr bereits als Angehöriger der verachteten Bourgeoisie wahrgenommen. Über den Zweifeln an seinen Arbeitsmethoden beginnt Godard auch seine Ehe in Frage zu stellen.



    Der Name Jean-Luc Godard ist zwar sehr bekannt, aber selbst seine berühmtesten Werke wie „Außer Atem“, „Die Verachtung“ oder „Elf Uhr Nachts“ haben heutzutage außerhalb Frankreichs vor allem eingefleischte Filmkunstliebhaber tatsächlich gesehen. Und diese Cinephilen sind es dann auch, die mit „Godard Mon Amour“ am meisten werden anfangen können, denn wer einen guten Teil des Godardschen Oeuvres bis Anfang der 70er Jahre kennt, wer ein wenig über die künstlerische und politische Entwicklung des Regisseurs weiß und wer die Ereignisse, die später unter dem Schlagwort „Mai 68“ in die Zeitgeschichte eingingen, einordnen kann, der ist hier im Vorteil.

    Zwar lässt sich die Handlung von „Godard Mon Amour“ (es geht auf der reinen Plotebene ganz banal vor allem um das Scheitern einer Ehe) auch ohne jedes Vorwissen ohne Probleme verfolgen und auch als Laie erfährt man einiges über die Künstlerpersönlichkeit Godard, über ihre Krisen und Methoden. So sagte er sich zu dieser Zeit aus ideologischen Gründen von seinem Frühwerk los, das er nun als kommerziell und bourgeois Bourgeoisie ansah. Nicht mehr als Auteur einer Nouvelle Vague wollte Godard Filme machen, sondern als Teil eines sozialistischen Kollektivs, das auch kurze Zeit als Groupe Dziga Vertov existierte. Doch das alles sind nur die bloßen Fakten, zum echten Vergnügen wird Hazanavicus‘ Verbeugung vor dem Kollegen erst durch die vielen Verweise und Anspielungen: Der Jüngere jongliert förmlich mit Motiven aus Godards Werken, zitiert nicht nur deren markante Sprache voller Wortspiele, sondern auch den filmischen Stil und den Look der Klassiker.

    Schon der markante Einsatz der französischen Nationalfarben blau, weiß und rot in der Titelsequenz ist eine Anspielung auf Godards Vorlieben (sichtbar etwa in „Elf Uhr nachts“, aber auch in „Eine Frau ist eine Frau“ und anderen Filmen), genauso wie die gezielt eingesetzten Nacktszenen - die berühmten Brigitte-Bardot-Momente aus „Die Verachtung“ werden dabei ganz im Godardschen Sinn als plakativer Voyeurismus entlarvt. „Godard Mon Amour“ steckt voller Bewunderung für den porträtierten Künstler, für sein Schaffen und für seine Zeit, aber eine Hagiographie ist er keineswegs, denn er erschöpft sich eben nicht in Legendenverehrung. Der vorsichtig ausgedrückt schwierige Charakter Godards wird ja schon im Filmtitel angedeutet und auch sonst nicht ausgespart. Seine Selbstgerechtigkeit, seine frauenfeindlichen Anwandlungen und seine polemischen Provokationen etwa zum Thema Israel kommen in Louis Garrels („Die Träumer“) markanter Performance ungeschönt zum Vorschein. So entsteht ein faszinierendes Bild eines streitbaren Künstlers und Menschen.

    Fazit: Michel Hazanavicius‘ Hommage an Jean-Luc Godard ist vor allem für die Kenner von Leben und Werk der Nouvelle-Vague-Legende ein Hochgenuss.

    Wir haben „Godard Mon Amour“ unter seinem Originaltitel „Redoutable“ bei den 70. Filmfestspielen in Cannes 2017 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb gezeigt wird.
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