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Es war einmal Indianerland
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Es war einmal Indianerland
Von
Im Spielfilmdebüt „Es war einmal Indianerland“ gehen Form und Inhalt auf ganz besondere Weise Hand in Hand. So wie der jugendliche Protagonist bei der Suche nach sich selbst gelegentlich auf Irrwege gerät, verliert auch Filmemacher Ilker Çatak zwischendurch das rechte Maß oder verfehlt den passenden Ton. Zeitlupe und -raffer, seltsame Kamerapositionen, zwischendurch mal Kulissen wie bei Wes Anderson. Im Bestreben, jede Minute neue Ideen zu präsentieren (die aber fast durchgängig aus den vergangenen paar Jahrzehnten Filmgeschichte entlehnt wurden), übertreibt es der Jungregisseur etwas – und trifft damit wiederum den ziemlich genau den überbordenden Stil der gleichnamigen Romanvorlage von Nils Mohl. Der formale Dauerwirbel ist ein wenig anstrengend, aber er macht aus diesem grellbunten und nicht gerade tiefschürfenden Jugenddrama eine ungewöhnliche und manchmal mitreißende Kinoerfahrung.

Der 17-jährige Mauser (Leonard Scheicher, „Finsterworld“) hat von seinem Vater Zöllner (Clemens Schick, „James Bond 007 - Casino Royale“) in einem Hamburger Vorort voller Sozialbauten wichtige Maximen mitbekommen, die ihm bei einem bevorstehenden Ausscheidungsboxkampf helfen sollen. Dazu gehört natürlich auch die traditionelle Trainingsregel „Keinen Alkohol und keine Frauengeschichten vor dem Kampf“. Nun begibt es sich aber, dass der noch ziemlich unbeleckte Mauser in der Woche vor dem Kampf nicht nur seinen ersten Drogentrip durchmacht, sondern sich auch gleich zweimal verliebt. In die schillernde Jackie (Emilia Schüle, „Simpel“) verknallt er sich bei einer illegalen Freibadparty dermaßen, dass er sogar beginnt, sich ihre Telefonnummer mit einer Glasscherbe in die Hand zu ritzen (!). Die 21jährige Edda (Johanna Polley, „Der Gutachter“) schreibt ihm indes Postkarten mit enigmatischen Botschaften und Zeichnungen. Schließlich geht es zu einem sommerlichen Rave-Festival irgendwo jwd, wo Mauser zwischen zwei Mädels und einem bunten halluzinogenen Trip auch noch ein Zwiegespräch mit seinem Vater führen will, der auf der Flucht vor der Polizei ist…


„Indianerland“ beginnt in medias res: eine grellbunte und ohrenbetäubende Poolparty mit vielen Schnitten und Lichteffekten, die dann von der Polizei aufgelöst wird, während Mauser und Jackie ins Hallenbad flüchten, wo sie gutgelaunt flirtet und er gleich die Liebe seines Lebens vermutet. Das anfängliche Tempo behält der Film bei, man bewegt sich in der Handlungschronologie aber mehr oder weniger wild hin und her (immer wieder wird wie mit einem alten Videorekorder gleichsam vor- oder zurückgespult), wodurch man als Zuschauer ganz bewusst ein wenig (heraus)gefordert wird – man achte auch auf Eddas Tätowierung.

Die postmodern augenzwinkernde Highspeed-Inszenierung irgendwo zwischen Tarantino und „Trainspotting“ täuscht ein wenig darüber hinweg, dass die Geschichte gar nicht so kompliziert und zuweilen sogar märchenhaft ist – ganz wie es der „Es war einmal“-Titel andeutet. Aber auch dabei verzichtet Ilker Çatak nicht auf eine Prise Ironie, etwa wenn Mauser in einer „Aschenputtel“-Variation Jackies goldenen Sneaker findet. Sein „Indianerland“ ist so etwas wie ein großer Abenteuerspielplatz für Träumer, die auch durch den „Ernst des Lebens“ (ähnlich wie in „Tigermilch“ gibt es sogar einen Todesfall) nicht nachhaltig aus ihren Fantasien gerissen werden können. Und die Fantasie kann durchaus auch mal mit dem Erzähler Mauser durchgehen, der uns nicht nur seine regelmäßigen Visionen von einem Indianer für bare Münze verkauft.

Vergleichsweise auf sicheren Füßen steht in dem ganzen Wirbel die bereits berufstätige Edda, die ihren Weg schon gefunden zu haben scheint (auch Schauspielerin Joanna Polley wirkt im Vergleich zu den jüngeren Kollegen überzeugend abgeklärt). Dazu gehört aber auch bei ihr selbstverständlich ein Hauch Exzentrik, einschließlich eines Faibles für Wildschweine. Aber wo Jackie flatterhaft und unverlässlich ist, bietet Edda eine richtige Stütze - durch Ratschläge wie durch ein eigenes Auto. Beim mit kleinem Budget und enthusiastischen (sich selbst spielenden) Statisten umgesetzten „Powwow“-Festival am Waldsee (inklusive halbherziger Hommage an Godards „Weekend“) kommt es zur romantischen Entscheidung, die im Nachhinein viel wichtiger ist als jeder Boxkampf, der als möglicher Ausweg aus dem Plattenbau-Ghetto ohnehin etwas überzogen wirkt.

Fazit: Das Abenteuer Jugend: bunt, wild und flirrend, voller Glitter und Lipgloss.
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