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    Vox Lux
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Vox Lux

    Albtraum Pop

    Von Lucas Barwenczik
    Der Unterschied zwischen Diktatoren und Popstars ist klein – zumindest in den Filmen von Regisseur Brady Corbet. Beide kommandieren gewaltige Menschenmassen und werden kultisch verehrt. In den Augen der Öffentlichkeit erscheinen sie als überlebensgroße Vorbilder. Durch ihre Macht werden sie zum Sinnbild ihrer Zeit. Erzählt der Regisseur in seinem Debütfilm „Childhood Of A Leader“ aus dem Jahr 2015 noch von einem Jungen, den Gewalterfahrungen in der Kindheit zu einem faschistischen Diktator formen, geht er daher in seinem zweiten Werk den logischen nächsten Schritt.

    In „Vox Lux“ zeigt er nun eine junge Frau, die nach und durch einen Amoklauf zum Popstar wird. In Interviews beschreibt er den neuen Film auch als direkte Fortsetzung seines Debüts. Dieselbe Geschichte, nur für ein neues Jahrhundert: „A 21st Century Portrait“ verspricht so auch die (erst im von unten nach oben laufenden Abspann präsentierte) Tagline des düsteren Dramas über die Beziehung zwischen Pop und Gewalt, Macht und Unterhaltung…

    Die Macht der Musik.


    Der Film besteht, von Einführung und Finale abgesehen, vor allem aus zwei langen Kapiteln. Das erste mit dem Titel „Genesis“ ist in den Jahren 2000 und 2001 angesiedelt und zeigt die Anfänge einer jungen Frau namens Celeste (erst: Raffey Cassidy, dann: Natalie Portman) im Showgeschäft. Bei einem Schulamoklauf stellt sie sich dem Täter entgegen und wird angeschossen. Das Lied, das sie auf der Trauerfeier vorträgt, avanciert zum Hit. Plötzlich sieht sich das junge Mädchen dem diabolischen Einfluss der gierigen Musikindustrie gegenüber. Der zweite Teil mit dem Titel „Regenesis“ zeigt sie im Jahr 2017. Nach zahllosen Skandalen und Rückschlägen steht sie am Anfang einer großen Comeback-Tour – mit ihrem sechsten Studioalbum „Vox Lux“.

    Aufgezogen ist diese Handlung, wie schon in „Childhood Of A Leader“, als fiktionale Biografie. Ein Erzähler (im Original: Willem Dafoe) begleitet die Ereignisse, füllt Leerstellen und gibt Hintergrundinformationen. Diese Einschübe, die mit einer Mischung aus Archivmaterial und neuen Aufnahmen bebildert werden, sind stellenweise durchaus lehrreich. So erfährt man etwa, wie Schweden zur Hochburg der Popmusik wurde, oder was Celeste in persönlichen Momenten denkt und fühlt.

    Große Vorbilder


    Wenn Schauspieler selbst Filme drehen, werden sie oft von den Regisseuren beeinflusst, für die sie vor der Kamera standen. Das gilt auf für Corbet, der mit Größen des Autorenfilms wie Michael Haneke („Funny Games“), Lars von Trier („Melancholia“) und Ruben Östlund („Höhere Gewalt“) zusammengearbeitet hat. Von Haneke und Östlund übernimmt Corbet den kalten, distanzierten Blick. Genau wie die Werke seiner Vorbilder kritisieren seine Filme die Selbstverständlichkeit, mit der wir leben. Haneke liefert auch den Ansatz, Gewalt und traumatische Ereignisse eher kurz zu halten, im Anschluss aber ihre Wirkung zu betonen (man denke nur an „Funny Games“).

    Lars von Trier steuert derweil die Lust an Skandal und Grenzüberschreitung bei. Corbets will merklich selbst Autorenfilmer sein und sucht nach einem markanten Stil. Kaum eine Szene wird klassisch aufgelöst. Stattdessen herrschen lange Zooms, Verfolgerkamera und statische Einstellungen vor. Das Ergebnis ist ein Gefühl von Unruhe und Verunsicherung. „Vox Lux“ erfüllt nicht unbedingt mit Freude.

    Natalie Portman und Raffey Cassidy spielen beide Celeste... und haben trotzdem gemeinsame Szenen.


    Als Teenagerin wird Celeste von der jungen Britin Raffey Cassidy („A World Beyond“) verkörpert. Im Umgang mit ihren Eltern und ihrer geliebten Schwester Elanor (in beiden Hälften Stacy Martin) lassen sich die Überreste ihres alten Lebens erahnen. Man erkennt, wie sie mit den körperlichen und seelischen Wunden des Angriffs ringt. Aber auch, wie das stille, unauffällige Mädchen langsam aufblüht und aus sich herausgeht. Ihre Geschichte ist auch eine vom Erwachsenwerden, von pubertärer Rebellion. Ihr Manager (Jude Law) verspricht ihr eingangs, sie vor den Abgründen der Branche zu schützen – ein Versprechen, das er nicht halten kann. Nie ist wirklich klar, was man ihr aufdrängt, und was sie aus freien Stücken tut. Sicher ist nur: Sie wird ein anderer Mensch.

    Deshalb wird sie in der zweiten Hälfte des Films auch von einer anderen Darstellerin gespielt: Natalie Portman („Auslöschung“). Cassidy verlässt die Handlung jedoch nicht einfach, sondern tritt nun als Celestes Tochter auf. Das hat einen kuriosen Effekt. In vielen Szenen stehen sich die alte und die neue Version desselben Menschen gegenüber. Beide existieren gleichzeitig, ein Teil der alten Celeste überlebt – obwohl das Leben als Popstar sie zur Karikatur gemacht hat. Von Portman gespielt ist sie mehr Marke als Mensch. Ihr New Yorker Akzent wirkt übersteigert, fast sogar albern. Sie bewegt sich unentwegt und hektisch, jede Geste ist zu groß und die Mimik unbeherrscht.

    Nicht jede Neuerung ist ein Fortschritt


    Damit verkörpert sie präzise ihre ganze Branche: Die Massenmusik gibt sich emsig und verspricht immer neue Innovationen, wo doch meist wieder das Gleiche geboten wird. Nicht jede Neuerung ist ein Fortschritt. Das bezieht Corbet auch auf das Kino: In einem Monolog wird über hässliche digitale HD-Fernseher geschimpft, „Vox Lux“ hingegen wurde auf 35mm-Material gedreht.

    Natürlich sind Chart- und Radiomusik dankbare Ziele, gänzlich neu ist Corbets Kritik sicher nicht. Er hinterfragt, wie Popkultur jede Tragödie konsumierbar macht. Kein Massenmord oder Krieg, der nicht eine spannende Geschichte oder einen fetzigen Protestsong inspiriert. Nach dem Angriff auf ihr Leben trägt Celeste eine medizinische Kopfstütze, später werden modische Halstücher eines ihrer Markenzeichen. Man merkt schnell: Sie ist nicht die beste oder fleißigste Sängerin, vermarkten lässt sich vor allem ihre Hintergrundgeschichte.

    Celeste punktet mit Style.


    Beschrieben werden auch die perfiden Widersprüche im Kern der Industrie. Nach der Tragödie soll Celeste authentisch auftreten. Das Studio lässt lediglich ein „ich“ in ihrem Song in ein „wir“ umwandeln. Die Menschen sollen sich schließlich mit dem Song identifizieren. „Vox Lux“ beschreibt Pop als eine Art Ersatzreligion, die Leben mit Sinn füllt und eigene Messen in Form von Konzerten kennt. Während Celestes großem Auftritt flackern im Hintergrund unentwegt Phrasen, die zumindest bedeutsam klingen. Fans singen die Texte mit, als wären es Gebete. „Ich bin der neue Glaube!“, verkündet die Sängerin wie beiläufig in einer Pressekonferenz.

    Regisseur Brady Corbet glaubt hingegen offensichtlich nicht an die Popmusik, er bleibt seinem Gegenstand fern. Auch mit soliden Kompositionen des im März 2019 verstorbenen Avantgardemusikers Scott Walker („Pola X“) und von Sängerin Sia im Soundtrack kann das Drama nie ganz Macht und Einfluss der Musik einfangen, die so viele Menschen begeistert. Das ist vielleicht die größte Schwäche des Films: Antworten werden nicht gesucht, sie schon im Vorhinein bekannt.

    Fazit: „Vox Lux“ präsentiert die bunte Pop-Welt als eisigen Albtraum. Das Drama ist selten subtil, aber dafür voll von einnehmenden Momenten und reizvollen Ideen. Trotz klarer Schwächen genau die Art von Star-Kino mit persönlicher Stimme, von der es aktuell zu wenig gibt.

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