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Die Frau des Nobelpreisträgers
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Die Frau des Nobelpreisträgers

Glenn Close auf Oscar-Kurs

Von
Wie hieß es doch früher so schön: „Hinter jedem erfolgreichen Mann steckt eine starke Frau!“ Dieser Satz klingt in unseren heutigen Ohren nicht nur schrecklich antiquiert, sondern auch ziemlich frauenfeindlich. Aber in den Fünfzigerjahren war das tatsächlich ein ernstgemeintes Kompliment an jene zurückhaltenden Gattinnen, die ihren Ehemännern den Rücken freigehalten haben, damit diese Karriere machen konnten. Selbst Anfang der Neunzigerjahre scheint es in vielen Kreisen noch gang und gäbe gewesen zu sein, selbst wenn die Fassade bereits bröckelte.

Und damit sind wir auch schon mittendrin in Björn Runges Drama „Die Frau des Nobelpreisträgers“, das auf dem gleichnamigen Roman von Meg Wolitzer basiert. Eine bitterböse und nicht selten ironische Abrechnung mit dem hoffentlich (bald) ausgedienten Patriarchat. Getragen wird der Film vor allem von der exzellenten Darstellung, die Glenn Close („Eine verhängnisvolle Affäre“) als brave Ehefrau eines Literatur-Nobelpreisträgers abliefert. Schon jetzt wird schwer damit gerechnet, dass sie für diese Rolle ihre inzwischen bereits siebte (!) Oscar-Nominierung erhalten wird (und den Goldjungen womöglich sogar zum ersten Mal gewinnt, das wäre schließlich eh längst überfällig).

Ähnlich überzeugend ist auch Jonathan Pryce („The Man Who Killed Don Quixote“) als selbstgefälliger Beststeller-Autor Joe Castleman, der 1993 in aller Herrgottsfrühe den Anruf seines Lebens erhält. Der Nobelpreis für Literatur wurde ihm zuerkannt. Noch im Schlafanzug hopst Joe mit seiner Frau Joan (Glenn Close) auf dem Ehebett herum, ohne zu ahnen, dass ihn dieses Ereignis wenig später in die größte Krise seines Lebens stürzen wird. Aber zunächst mal geht es mit dem Flieger von Connecticut nach Schweden. An Bord befindet sich auch der verschlagene Nathaniel Bone (Christian Slater), der eine Biografie über Castleman schreiben will, bisher jedoch stets von ihm abgewimmelt wurde. Nicht ohne Grund übrigens, denn Joe und Joan hüten ein Geheimnis, das definitiv das Zeug zum gepfefferten Skandal hätte...


Zumindest wir als Zuschauer bekommen Aufschluss darüber, was hinter der Sache steckt, wenn der schwedische Regisseur Björn Runge („Morgengrauen“) immer wieder wohldosierte Zeitsprünge ins Jahr 1956 einstreut, um uns die Vorgeschichte des Schriftstellerpaares zu erzählen. Dafür verpflichtete er extra Annie Starke, die 1988 geborene Tochter von Glenn Close. Sie spielt die blutjunge Joan, die sich am College in ihren Literaturprofessor Joe Castleman (Harry Lloyd) verliebt. Oder das zumindest glaubt, nachdem der verheiratete Familienvater sie immer wieder bezirzt hat.

Ein Abhängigkeitsverhältnis, das heutzutage womöglich ein Fall für die #MeToo-Debatte wäre? Der Film überlässt es aber uns Zuschauern, das zu beurteilen. Klar ist nur, dass Castleman, der noch als alter Knacker jungen Frauen offensiv nachschaut und mit ihnen flirtet, in jungen Jahren gewiss kein treuer Ehemann gewesen ist. Ein Mann alter Schule, der süchtig nach Anerkennung ist und auch im hohen Alter weiterhin seine Männlichkeit bestätigt sehen will. Und seine Frau? Joan hat stets zurückgesteckt, ihm immer wieder verziehen, um das Bild der perfekten Beziehung aufrechtzuerhalten. Vielleicht aus schlechtem Gewissen, weil er für sie seine erste Ehefrau verlassen hat, vielleicht auch aus wirtschaftlichem Zwang, weil nur er mit seinen Büchern, vor allem mit dem Bestseller „The Walnut“, stets das Geld nach Hause brachte.

Wie dem auch sei, sie steckt jetzt mit drin, und damit kommt die erbitterte Wahrheit ans Licht: (Achtung: Spoiler!) Nicht Joe ist nämlich das Schreibgenie, sondern Joan. Sie hat sich von Anfang an die Tage und Nächte um die Ohren geschlagen, um das Gekritzel ihres Mannes in eine literarische Form zu bringen, während er die beiden Kinder versorgte und das Essen kochte. Nach außen hin ist sie die starke Frau hinter dem erfolgreichen Mann, in Wirklichkeit hat aber ein kompletter Rollentausch stattgefunden! Heute nichts Ungewöhnliches mehr, vor 60 Jahren aber sicherlich noch ein Ding der Unmöglichkeit. (Ende des Spoilers!)

Wir befinden uns wieder in den Neunzigern. Joe lässt sich feiern, Joan hält sich schweigend im Hintergrund und wird kaum beachtet. Nur die Kamera fängt ihr Gesicht ein - und das spricht Bände: Wie Glenn Close als Joan versucht, ihre Gefühle zu kontrollieren, sich nichts anmerken zu lassen, ist schlichtweg atemberaubend. Mal mit skeptischem Blick, mal mit aufgesetztem Lächeln, mal mit zusammengepresstem Mund: Es brodelt in ihr und Close bringt die ganze Kraft nonverbaler Schauspielkunst zum Vorschein. Wehe, wenn erst einmal der jahrzehntelang angestaute Frust, der Neid und die ganze Wut aus ihr herausbricht...

Jonathan Pryce bildet mit der süffisanten Art seiner Rolle den Gegenpart und kann die Emotionen der Zuschauer von Mitleid über Lächerlichkeit bis Abneigung konsequenter anzapfen. Aber die Entlarvung einer solchen Figur will gelernt sein, damit sie auch wirklich ins Mark trifft und nicht einfach zum Nachtreten gegen eine wehrlose Karikatur verkommt. Close und Pryce - zwei Hochkaräter, die zugleich auch den Rest vom Cast zu Hochleistungen angespornt haben: Christian Slater („Mr. Robot“) war als intrigenspinnender Journalist Nathaniel Bone selten besser. Und Max Irons („Das krumme Haus“) als verunsicherter Sohn David Castleman, der verzweifelt um die Anerkennung seines Vaters kämpft, gewinnt als tragischste Figur der Geschichte gewiss die meisten Sympathien.

Fazit: Was wie ein sich leise zuspitzendes Familiendrama beginnt, entfaltet sich zu einem lauten Aufschrei über das gesellschaftliche Missverhältnis zwischen Frau und Mann. Es geht jedoch nicht um Schuldzuweisung, dafür ist der Film zu klug, sondern darum, wie beide Parteien darin verflochten sind. Gut beobachtet und besonders stark ist „Die Frau des Nobelpreisträgers“, wenn sich Glenn Close und Jonathan Pryce gegenseitig ankeifen und damit für komische, boshafte und tragische Momente sorgen. Großes Schauspielerkino!
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