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Tatort: Sturm
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Tatort: Sturm
Von
Was haben alle neun „Tatort“-Folgen aus Dortmund gemeinsam? Genau: Schon seit dem ersten „Tatort: Alter Ego“ von 2012 präsentiert sich das vierköpfige Team um Hauptkommissar Peter Faber so zerstritten wie kein zweites der öffentlich-rechtlichen Krimireihe. Im Ruhrpott stehen traditionell nicht nur die Mordfälle, sondern auch zwischenmenschliche Misstöne und private Probleme auf dem Programm. Das gefällt nicht jedem: Während viele Zuschauer in Faber und Co. die momentan interessantesten Kommissare der Reihe ausgemacht haben, schalten andere gar nicht erst ein, wenn die ARD einen neuen „Tatort“ aus Dortmund sendet. Wer den Fernseher diesmal ausgeschaltet lässt, dürfte das aber bitter bereuen: Richard Hubers „Tatort: Sturm“ ist der bisher beste Beitrag aus der Stadt des BVB und zugleich ein bärenstarker Actionthriller, der von Minute 1 an mitreißt. Angesichts der packenden Geschichte und des denkwürdigen Finales, das die ARD nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt kurz vor Weihnachten 2016 zu einer Verschiebung des eigentlich für Neujahr vorgesehenen Films veranlasste, gerät es am Ende fast zur Randnotiz, dass die privaten Scherereien diesmal in den Hintergrund treten, weil alle vier Kommissare bei den Ermittlungen bis an ihre Grenzen gehen.

Mitten in der Nacht werden in der Dortmunder Innenstadt zwei Polizisten in ihrem Streifenwagen erschossen. Weil die Kollegen die Schüsse über Funk mitanhören, sind die Hauptkommissare Peter Faber (Jörg Hartmann) und Martina Bönisch (Anna Schudt) schnell alarmiert – doch sie finden am Tatort keine Spur vom Täter. Faber macht allerdings eine andere Entdeckung: Ganz in der Nähe brennt in einem Büro der Westhafen Bank noch Licht. Am Rechner sitzt der zum Islam konvertierte Bankangestellte Muhamad Hövermann (Felix Vörtler) und führt hektisch Überweisungen aus. Als Faber ins Büro stürmt, stockt ihm der Atem: Hövermann trägt einen Sprengstoffgürtel und ist offenbar bereit, den Auslöser zu drücken. Aber handelt er aus eigenen Motiven oder agiert womöglich noch jemand im Hintergrund? Während Bönisch das SEK verständigt, ermitteln die Oberkommissare Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske) in Hövermanns Umfeld und finden Hinweise darauf, dass er womöglich nur Anweisungen ausführt. Der vermeintliche Terrorist sieht sich schon bald nicht nur mit Faber, sondern auch mit dem SEK unter Leitung des knallharten Kollegen Günsay (Ercan Karacayl) konfrontiert, der das Gebäude umstellen lässt...

Wenn die vier Dortmunder Kommissare in den vergangenen Jahren auf Täterfang gingen, taten sie das in der Regel zu zweit: Meist ermittelten Faber und Bönisch an einer Front, während Dalay und Kossik eine andere Spur verfolgten. Bei ihrem zehnten gemeinsamen Einsatz ist alles ganz anders: Von „gemeinsam“ kann diesmal kaum die Rede sein, weil jeder Ermittler meist allein unterwegs ist und sich nur per Handy mit den anderen abstimmt. Während Faber in der Bank den unberechenbaren Hövermann mit seinem unverwechselbaren Charme und viel Wortwitz („Alles super hier, Bombenstimmung!“) bearbeitet, verarztet Bönisch den SEK-Leiter und fährt zu einer Dortmunder Moschee, in der Muslime radikalisiert wurden. Dalay setzt sich unterdessen mit Hövermanns Bruder Bernie (Christian Ehrich), seiner Ehefrau Hanifah (Dorka Gryllus) sowie seiner Stieftochter Ada (Yeliz Simsek) auseinander, und Kossik jagt einem möglichen Mittäter nach. Die vier Solo-Touren haben zwei entscheidende Vorteile: Zum einen entsteht dadurch ein reizvolles und spannendes Echtzeit-Szenario, zum anderen ergibt sich für die Ermittler gar nicht erst die Gelegenheit, sich wie so häufig in den vergangenen „Tatort“-Jahren in die Wolle zu kriegen und den Mordfall dabei aus dem Blick zu verlieren.

Sieht zunächst noch alles nach einem klassischen Geiselnahme-Thriller im Stile von „Hundstage“ oder „Verhandlungssache“ aus, denken die Drehbuchautoren Sönke Lars Neuwöhner („Hinter Kaifeck“) und Martin Eigler („Allein gegen die Angst“) die Geschichte noch einen Schritt weiter: Obwohl sich die Situation in der Bank von Minute zu Minute zuspitzt, ist bald klar, dass von Hövermann selbst eine eher geringe Gefahr ausgeht. Daher bleibt Zeit für den einen oder anderen flotten Spruch – zum Beispiel dann, wenn Dalay kurz ihre Nase in die Bank steckt („Nächstes Mal bringen Sie ‘nen Kaffee mit!“). Und just in dem Moment, als sich der erste Hänger einzuschleichen droht, setzen die Filmemacher mit einem Schockmoment ein Ausrufezeichen – und das bleibt nicht die letzte Überraschung in einem „Tatort“, in dem es am Ende Schlag auf Schlag geht. Auf der Zielgeraden wird die Spannungsschraube kontinuierlich angezogen und schließlich gipfelt der 1019. „Tatort“ in einem der spektakulärsten Schlussakkorde in der Geschichte der Krimireihe, der nicht wenige Zuschauer perplex in den Sonntagabend entlassen dürfte.

Auch handwerklich ist der „Tatort: Sturm“, der in seiner Gesamtkonstruktion an den überragenden „Tatort: Der Weg ins Paradies“ mit Undercover-Ermittler Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) von 2011 erinnert, erste Sahne: Neben dem fulminanten Finale setzt Regisseur Richard Huber („Club der roten Bänder“) auch die erste Begegnung von Faber und Hövermann großartig in Szene. Während der Kommissar mit der Waffe droht und der Kriminelle den Finger am Auslöser der Bombe hat, blicken sich die beiden begleitet vom fast unerträglichen Gepiepse des Timers und dem Heulen der Polizeisirenen sekundenlang in die Augen – ein unheimlich intensiver Moment, in dem die Weichen früh auf Hochspannung gestellt werden. Der Soundtrack von Dürbeck & Dohmen ist dabei bewusst minimal gehalten, verstärkt die Gänsehaut aber gekonnt – etwa wenn Kossik sich allein in eine ehemalige Wohnwagensiedlung begibt und in Gefahr gerät. Als klassischer Whodunit funktioniert der Film allerdings nur bedingt: Wer die beiden Polizisten erschossen hat, ist in diesem hochklassigen „Tatort“ zweitrangig – nach dem spektakulären Showdown dürften aber ohnehin nur noch sehr wenige Zuschauer mit ihren Gedanken bei der Auflösung der Täterfrage sein.

Fazit: Richard Hubers „Tatort: Sturm“ ist der bisher beste „Tatort“ aus Dortmund – und schon jetzt einer der besten im Kalenderjahr 2017.

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Kommentare

  • TresChic
    Faber ist Hammer! Dortmund und Weimar sind die Besten, dann kommt lange nichts.
  • DerPjoern
    Vor Weimar kommt für mich immer noch München, vielleicht noch Kiel und Wiesbaden.
  • TresChic
    Mit Murot kann ich gar nichts anfangen. Zu sehr Art House, zu sehr gekünzelt. Einmal war ok ja, aber ewig dieses aufgesetzte Theater?
  • TresChic
    München? Echt jetzt? Allein die Stadt gibt keinen Anreiz. In München gibt es weder dreckige Bürgersteige noch soziale Brennpunkte. Die Kommissare sind gut aber alles wirkt zu sauber.
  • Der Eine vom Dorf
    Alleine "Der tiefe Schlaf" ist Grund genug, weshalb er, meiner Meinung nach, vollkommen Recht hat.
  • Der Eine vom Dorf
    In der Tat ein äußerst spannender (wenngleich zum Teil trotzdem etwas vorhersehbarer) "Tatort". Definitiv eines der besseren Enden!
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