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    Mary und die Blume der Hexen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Mary und die Blume der Hexen
    Von Ulf Lepelmeier

    Der erste Animationsfilm des vom ehemaligen Ghibli-Produzenten Yoshiaki Nishimura neugegründeten Studio Ponoc beginnt rasant: Ein Mädchen schwingt sich mit wehenden roten Haaren auf seinen Besen und fliegt von einer brennenden Festung in den Wolken los, um seinen Verfolgern zu entkommen. Schon in der Eröffnungsszene schlägt Regisseur Hiromasa Yonebayashi damit den Bogen zu bekannten Werken auch seines früheren Arbeitgebers Ghibli, wie etwa „Kikis kleiner Lieferservice“ oder „Das Schloss im Himmel“ von Animationsgroßmeister Hayao Miyazaki, der eine ganz persönliche Vorliebe für fliegende Wesen und Maschinen pflegte. Mit dem wunderschön gezeichneten Anime „Mary und die Blume der Hexen“ legen Nishimura und Yonebayashi den verspielt-fantasievollen Entwurf einer magischen Welt vor und präsentieren der Ghibli-Tradition folgend einen kindgerechten Film über Verantwortung und den Mut, zu sich selbst zu stehen.

    Die rote, wilde Mähne ist das Markenzeichen der elfjährigen Mary Smith, die auf das ländliche Anwesen ihrer Großtante umzieht. Es sind noch Ferien und die Eltern kommen erst später nach, sodass das aufgeweckte, aber etwas ungeschickte Mädchen sich extrem langweilt. Vom gleichaltrigen Peter wird Mary unverschämt als rothaariges Äffchen verspottet und ihre Versuche sich auf dem Grundstück nützlich zu machen scheitern an ihrem Übermut. Doch dann wird Mary von der schwarzen Katze Tib zu einer ganz besonderen Waldlichtung geführt, auf der eine magische blaue Blume wächst. Diese legendäre Pflanze namens ‚Nachtflug’ verleiht Mary für begrenzte Zeit ungeahnte Hexenkräfte und ermöglicht ihr den Zugang zu einer ganz neuen Welt...

    Hiromasa Yonebayashi war lange Zeit Key Animator bei Ghibli (unter anderem bei „Ponyo – Das große Abenteuer am Meer“ und „Wie der Wind sich hebt“) bevor er mit „Arrietty – Die wundersame Welt der Borger“ sein Regiedebüt feierte. Nach dem für den Animationsfilm-Oscar nominierten „Erinnerungen an Marnie“ folgt nun mit der Geschichte der neugierigen Mary der dritte auf einem europäischen Kinderbuch basierende Film des Regisseurs. Animationstechnisch erreicht Yonebayashi hier erneut höchstes Niveau, gerade die detailreichen Hintergründe sind hervorragend gelungen. Insbesondere die liebevolle Inneneinrichtung der Häuser und die hübschen Details, mit denen die Schönheit der Natur unaufdringlich hervorgehoben wird, begeistern.

    Fliegende Fische als Wächter, wundersame Wesen irgendwo zwischen Pfau und Pilz, zwischen Katze und Lurch, sowie Wolken als Fortbewegungsmittel: Sobald Mary die magische Schule Endor betritt, gibt es allerhand zu bestaunen und zu entdecken. Die Szenen in der Hexenwelt sind überaus fantasievoll gestaltet und offenbaren eine Fülle von kreativen Designideen. Die inhaltliche Ausgestaltung der Adaption von Mary Stewarts Kinderbuch „The Little Broomstick“ befindet sich allerdings nicht auf der gleichen Höhe. So wird die originelle Kombination von Wissenschaft und Magie in der Schule, wie sie die beiden ebenso geheimnisvollen wie perfektionistischen Lehrkräfte Frau Mumblechook und Dr. Dee verkörpern, kaum mehr als angedeutet, und auch sonst fehlt immer wieder ein wenig die Komplexität.

    Allzu geradlinig und etwas schematisch verläuft die Story um die kleine Mary, die sich für ihre roten Haare schämt und vieles voller Tatendrang beginnt, aber oftmals zu früh aufgibt. Doch wie schon in seinen ersten beiden Regiewerken nimmt Yonebayashi die Gefühlswelt seiner kleinen Heldin ernst und erschafft eine weitere tolle Kinderfigur. Man begleitet Mary einfach gern auf ihrem Abenteuer, bei dem sie merklich an Selbstvertrauen gewinnt, und sich für ihre Freunde einzusetzen lernt. Und nebenbei gibt es nicht nur für das junge Publikum jede Menge Gelegenheit zum Staunen und zum Träumen.

    Fazit: Regisseur Hiromasa Yonebayashi entführt sein Familienpublikum in „Mary und die Blume der Hexen“ in eine Hexenwelt voller hübscher Ideen und toller Details. An den ganz besonderen Zauber der Werke seines Vorbilds Hayao Miyazaki kommt er dabei aber nicht ganz heran.

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