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November
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
November
Von
Im Durchschnitt sechs Kinofilme werden in Estland jährlich produziert – und die meisten erlangen über die Grenzen des Baltikums hinaus kaum Verbreitung. Die Filme von Rainer Sarnet mit ihren surrealen Bildkompositionen bilden eine seltene Ausnahme. So besticht bereits seine Dostojewski-Verfilmung „The Idiot“ von 2011 mit einem ganz speziellen impressionistischen Look, doch nun treibt der Regisseur seine visuellen Ideen in seinem Mammutprojekt „November“ auf die Spitze.

Die im November 2014 begonnenen Dreharbeiten haben sich durch die komplizierte Arbeit mit Tieren und mit vielen Laienschauspielern, aber auch durch schlechtes Wetter bei den zahlreichen Außendrehs über 15 Monate hingezogen. Doch der Aufwand hat sich gelohnt: Das düstere Märchen überwältigt mit stilisierten Bildtableaus voller Kraft und Pathos, auch wenn der absurde und vulgäre Humor zuweilen für (gezielte) Misstöne in dem ansonsten atmosphärisch beeindruckend dichten „November“ sorgt.

Irgendwo in Estland im 19. Jahrhundert: Während ein seniler deutscher Baron (Dieter Laser) zusammen mit seiner Tochter (Jette Loona Hermanis) in einem verfallenden Schloss in Reichtum lebt, kämpfen seine Untertanen täglich ums Überleben. Die Dorfbewohner paktieren für die Beseelung von hilfreichen, aus Haushaltsgegenständen bestehenden Kreaturen (sogenannte „Kratts“) mit dem Teufel, leiden Hunger und müssen sich einer Pestepidemie erwehren. Inmitten der zahlreichen Entbehrungen und der großen Not entwickelt das Bauernmädchen Liina (Rea Lest) starke Gefühle für den Dorfjungen Hans (Jörgen Liik), der sich jedoch unsterblich in die junge Baronin verliebt hat. Beide würden für ihre große Liebe alles tun und greifen schließlich auf dunkle Magie zurück. Ein fataler Fehler…


Der Roman „Rehepapp ehk November“ (deutsche Ausgabe: „Der Scheunenvogt“) des estnischen Autoren Andrus Kivirähk erschien im Jahr 2000 und erlangte mit seinem grotesken Humor und seiner starken Orientierung an baltischen Volksmärchen innerhalb kürzester Zeit vor allem im nordosteuropäischen Raum Kultstatus. Sarnet greift diese Folklore-Elemente in seiner Verfilmung auf und findet starke Bilder für sie.

So wartet der Teufel, der für den Preis einer Menschenseele Wünsche erfüllt und Kratts zum Leben erweckt, in Gestalt eines ergrauten wahnsinnigen Mannes mit künstlich verstellter Stimme mitten im Wald. Die Pest zeigt sich unterdessen zunächst als hellhäutige Schönheit, dann als Ziegenbock. Die Dorfbewohner ziehen sich unterdessen die Hosen über den Kopf, um sich gegen die Krankheit zu wappnen. So soll der Pest Glauben gemacht werden, die Menschen hätten zwei Arschlöcher...

Die Grenzen zwischen märchenhaftem Pathos und krudem Vulgärhumor mit Fäkalienfokus verlaufen in „November“ fließend – und das ist zuweilen auch ein Problem des Films. In einer tollen Szene im letzten Drittel etwa kommen sich zwei Liebende im Mondschein auf einer Lichtung zaghaft näher - ein Moment, der insbesondere durch die stark konturierte impressionistische Lichtsetzung und ein schwermütiges Streicherthema betört.

Doch leider zerstört der auch fürs Drehbuch verantwortliche Sarnet die Stimmung in diesem emotionalen Herzstück des Films jäh wieder: Die mystisch-romantische Atmosphäre ist jedenfalls dahin, wenn in einer Parallelmontage eine weitere Szene dazukommt, in der ein dümmlicher Dorfbewohner der Schlossbediensteten Luisa mit einem aus Exkrementen, Achselhaaren und Schweiß gebackenem Fladen als „Liebestrank“ seine Aufwartung macht.

Solche gewollt schrillen Einschübe tun der überwältigenden Wirkung der nuancierten Schwarzweiß-Fotografie von Kameramann Mart Taniel aber keinen Abbruch. Während seine hellen Tag-Bilder einer kitschigen Episode um ein venezianisches Liebespaar auf einer Gondel in einer extremen High-Key-Beleuchtung kaum Konturen aufweisen, beeindrucken nächtliche Szenen wie bei einer Begegnung mit den Toten im Wald oder am Feuer auf dem Scheunenboden mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten und hinzugefügten sekundären Lichtquellen, die gezielt bestimmte Hintergrunddetails sichtbar machen.

Bei einer in schwammige, unscharfe Bilder getauchten Szene mit zwei alten Geistern wiederum, die sich beim Eintritt in eine Sauna in gackernde Hühner verwandeln, bildet Taniel die verwaschene Ästhetik in die Jahre gekommener Stummfilmkopien nach. Die Einflüsse bei der Lichtsetzung sind vielfältig und reichen von romantischer Malerei über Johannes Pääsukes naturalistische Fotografien der estnischen Landbevölkerung am Anfang des 20. Jahrhunderts bis hin zum Weimarer Kino, aus dem auch die Figur der schlafwandelnden Baronesse entsprungen sein könnte.

Die Gestaltung der Soundkulisse steht diesem visuellen Einfallsreichtum in nichts nach. Die große Bandbreite reicht von Tiergeräuschen über bedrohlich grollende E-Gitarrenriffs, träumerische Ambient-Klänge, düstere Streicher mit Chorälen bis hin zur vom Baron leichtfüßig gespielten „Mondscheinsonate“ von Beethoven, während sich Hans von ihm unbemerkt Zutritt zu den Gemächern seiner Tochter verschafft. Der aus Kiel stammende Baron-Darsteller Dieter Laser, der vor allem durch seine Rolle als durchgeknallter Arzt in „Human Centipede“ Bekanntheit erlangte, hat leider nur etwa eine Minute Leinwandzeit, die er mit Mut zur Grimasse ausdrucksstark füllt.

Getragen wird der Film unterdessen von den beiden Jungdarstellern in den Hauptrollen: Während Jörgen Liik als liebestrunkener Bauerntölpel Hans zwar sympathisch wirkt, aber etwas hölzern agiert, brilliert Rea Lest als selbstbestimmte Bauerntochter Liina mit intensivem Spiel. Sie lässt den inneren Widerstreit der Gefühle, der die junge Frau förmlich zerreißt, nicht nur sicht-, sondern auch spürbar werden. Sie ist der emotionale Anker in einer mit absurden Einfällen gespickten und in einer beeindruckenden Fantasiewelt angesiedelten Geschichte.

Diese ganz eigene Welt fasziniert besonders durch ihre Durchlässigkeit: Tote kehren ins Reich der Lebenden zurück, eine junge Frau verwandelt sich bei Vollmond in einen Wolf oder beseelte Metallgebilde fliegen schon einmal, einem Helikopter gleich, eine entflohene Kuh zu ihrem Eigentümer zurück. Das ist übrigens eine herrliche absurde Szene, die allein schon für einige episodisch eingefügte Nebenhandlungen entschädigt, über die Rainer Sarnet hin und wieder die Essenz seiner Erzählung aus dem Fokus verliert.

Fazit: Stimmungsvolle Schwarzweiß-Bilder, unverhohlene Romantik und kruder Vulgärhumor ergeben in „November“ nicht immer eine runde Mischung. Aber von kleinen Ausrutschern abgesehen zeigt diese düster-märchenhafte Fantasy-Liebesgeschichte, dass großes Kino auch aus dem kleinen Estland kommen kann.
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