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    Sorry To Bother You
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Sorry To Bother You

    Seine innere weiße Stimme finden

    Von Alexander Friedrich
    Wer nur hart genug arbeitet, kann alles erreichen.“ In seinem radikalen Regiedebüt „Sorry To Bother You” entlarvt Boots Riley diesen Grundstein des Amerikanischen Traums als kollektive Wahnvorstellung. In seiner Zukunftsversion von Oakland, in der ein Callcenter als garstig-satirische Miniatur der Vereinigten Staaten und ihrer Ideale dient, ist dieser Traum jedenfalls längst ausgeträumt. Doch auch wenn „Sorry To Bother You“ ohne Wenn und Aber ein wütender Protestfilm geworden ist, verzichtet der zum Filmemacher avancierte Rapper glücklicherweise konsequent auf einen erhobenen Zeigefinger. Stattdessen lässt der 47-Jährige in seiner spürbar sehr persönlichen Gesellschaftsanklage dem schieren Wahnsinn freien Lauf: „Sorry To Bother You” ist skurrile Gaga-Komödie, spitze (Medien-)Satire und auf den letzten Metern auch noch surreale Horror-Groteske. Ein entwaffnend absurder, aber deshalb nicht weniger schlagkräftiger Genremix.

    Cassius Green (Lakeith Stanfield) ist ganz unten angekommen: Inzwischen haust er in der Garage seines Onkels (Terry Crews), von dem er auch seine rostige Schrottkarre bekommen hat, die er in der Regel nur für eine Handvoll Cent-Münzen betankt und deren Scheibenwischer man manuell mit einer selbstgebastelten Seilvorrichtung betätigen muss. Aber dann ergattert Cassius sich einen Job in einem Callcenter, wo er mit seiner schwarzen Stimme allerdings kaum Verkäufe abschließt, bis er von seinem erfahreneren Kollegen Langston (Danny Glover) einen genialen Tipp erhält: Fortan nutzt Cassius am Telefon seine „weiße Stimme“ (David Cross), woraufhin nicht nur die Kunden in Scharen anbeißen, sondern er auch zum Power Caller befördert wird. Anschließend muss er nicht mehr bei seinen armen Ex-Kollegen hocken, sondern darf mit einem goldenen Fahrstuhl ganz nach oben in ein luxuriös eingerichtetes Stockwerk fahren, wo nicht länger Lexika, sondern Waffen und Sklavenarbeit übers Telefon an den Mann gebracht werden...


    Bisher hat der bekennende Aktivist Boots Riley, Mitglied der marxistischen US-Partei Progessive Labor Party, seinen Ärger über die Ungerechtigkeit und Ungleichheit als Rapper in seiner Musik verarbeitet. Und auch die Ideen und Aussagen von „Sorry To Bother You“ hätten leicht als Blaupause für ein neues Hip-Hop-Album herhalten können. Aber statt in Form von Songs, hat er seine Wut nun szenisch ausgearbeitet – und einen derart unkonventionellen Film daraus geformt, dass wir nicht nur darüber verwundert sind, dass „Sorry To Bother You“ in den USA in verhältnismäßig vielen Kinos angelaufen ist, sondern dort auch noch ein erstaunlich breites Publikum erreicht hat.

    Subtil geht Riley dabei jedenfalls nicht zur Sache, ganz im Gegenteil: Das Callcenter ist eine offensichtliche Metapher für die amerikanische Gesellschaft, wo es zwar die ganze Zeit heißt, dass einzig und allein die Leistung zählt, aber am Ende ist es dann doch nur die „weiße Stimme“, die Cassius nach oben bringt. Später, wenn er zu einem Power Caller aufgestiegen ist, wird er zu einer exklusiven Party des Sklavenarbeit wieder salonfähig machenden Firmengurus Steve Lift (Armie Hammer) eingeladen, wo er einen Rap aufführen soll. Schließlich ist er schwarz und jeder Schwarze kann rappen. Allerdings hat der Meisterverkäufer so gar kein Talent dafür, weshalb er einfach nur immer wieder „Nigger Shit“ ins Mikrofon brüllt – zur Begeisterung des Publikums, als hätte dieses nur darauf gewartet, endlich das N-Wort in den Mund nehmen zu dürfen.

    Im grotesk-surrealen Finale dreht „Sorry To Bother You“ dann völlig ab – solch verrückte Einfälle haben wir in einer Komödie aus der Traumfabrik Hollywood seit Ewigkeiten nicht gesehen. Aber auch was die Spielweisen seines Humors angeht, lässt sich Riley nicht an die Kette legen – da reihen sich tiefschwarze trockene Pointen an betont platte Gags wie den, dass Cassius beim Betreten des goldenen Aufzugs erst einmal den wohl längsten Zahlencode der Filmgeschichte eingeben muss, bevor er ins Power-Caller-Stockwerk fahren kann.

    Solch ein hemmungsloser Humormix hätte auch leicht nach hinten losgehen können. Aber der grandios aufgelegte Cast lässt sich voll auf den Wahnsinn seines Regisseurs ein und bringt die Pointen sicher nach Hause: Neben dem noch immer sträflich unterschätzten Lakeith Stanfield, der den Part auch nur bekommen hat, weil sein „Atlanta”-Co-Star Donald Glover aufgrund seiner Rolle in „Solo: A Star Wars Story” absagen musste, begeistern vor allem Tessa Thompson („Auslöschung”) als Cassius Performancekünstler-Freundin Detroit mit einer wahrhaft bizarren Vernissage sowie Armie Hammer („Call Me By Your Name”) als köstlich manischer Mark-Zuckerberg-Verschnitt.

    Auch vor den Medien macht Riley nicht Halt und stellt das amerikanische TV-Programm als niveaulose Gehirnwäsche bloß – ein treffsicherer, aber eigentlich ziemlich unspektakulärer Coladosen-Wurf bei einer Demonstration wird zum revolutionären Meme hochgejazzt, das fortan omnipräsent alle medialen Kanäle dominiert. Und spätestens im finalen Horrorfilm-Drittel erinnern die satirischen Seitenhiebe immer öfter an die zugleich offensichtlich-platten und doch bissig-treffenden Popkultur-Persiflagen in den „GTA“-Videospielen von Rockstar Games.

    Dass der Musiker Riley vorab noch über keine Erfahrung als Filmemacher verfügte, merkt man „Sorry To Bother You“ vor allem dann an, wenn der Regisseur sich an allen erdenklichen Stilmitteln ausprobiert: Vertigo-Effekt, Reißschwenk, Schnitt durch Bildabdeckung, Zeitraffer – bei seinem Debüt lässt Riley kein gestalterisches Werkzeug aus. Diese Verspieltheit wirkt zwar bisweilen etwas beliebig, aber passt trotzdem erstaunlich gut zur allgemeinen Überdrehtheit des Films. Und mitunter sind auch originelle inszenatorische Volltreffer dabei (mal ganz abgesehen von der genialen Idee, die „weißen Stimmen“ tatsächlich von weißen Schauspielern synchronisieren zu lassen): Wenn ein Callcenter-Mitarbeiter bei einem arglosen Kunden anruft, stürzt er mitsamt seinem Schreibtisch durch die Decke mitten in die Wohnung seines Gesprächspartners – die ultimative Auslöschung jeglicher Privatsphäre.

    Fazit: Einen Film wie „Sorry To Bother You” haben wir noch nicht gesehen! Die ebenso zynische wie skurrile und explosive Perversion des Amerikanischen Traums ist eine der bissigsten und lustigsten Satiren seit Jahren.
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