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    Cleo
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Cleo

    Auf den Spuren von Michel Gondry und Jean-Pierre Jeunet

    Von Michael Meyns

    Geht doch! Ein deutscher Film, der nicht verschlafen und behäbig daherkommt, der nicht im Saft seiner eigenen Befindlichkeit schmort, der visuell ungewöhnlich und originell erzählt. Gut, natürlich ist längst nicht alles schlecht im deutschen Kino, dennoch ist ein Film wie Erik Schmitts „Cleo“, Eröffnungsfilm der Berlinale-Sektion Generation Kplus 2019, eine ebenso ungewöhnliche wie willkommene Überraschung. Der überaus erfolgreiche Kurzfilm-Regisseur erzählt in seinem Langfilmdebüt nicht nur die berührende Geschichte einer jungen Frau, die endlich wieder ihr Herz öffnet, er tut dies auch auf eine unheimlich fantasievolle Weise, die an solche großen Vorbilder wie Michel Gondry („Vergiss mein nicht“) oder Jean-Pierre Jeunet („Delikatessen“) denken lässt.

    Cleos (Marleen Lohse) Herz ist eingemauert. Schon ihre Geburt am 9. November 1989 verlief unglücklich, ihre Mutter starb bei der Entbindung. So wuchs Cleo allein mit ihrem Vater Bernd (Fabian Busch) auf – und imaginären Berliner Freunden wie Albert Einstein, Max Planck oder Marlene Dietrich. Doch Cleos unbändige Fantasie und Abenteuerlust führte auch zu dem Unfall, bei dem der Vater starb, zumindest glaubt Cleo auch als Erwachsene immer noch, dass sie die Schuld daran trägt. Als Stadtführerin verdient sie ihr Geld, doch erst als der quirlige Paul (Jeremy Mockridge) mit einer Schatzkarte in ihr Leben tritt, ändert sich ihr Schicksal. Denn die Karte weist den Weg zum Schatz der legendären Brüder Sass, den wohl berühmtesten Berliner Ganoven der 20er Jahre. Und unter der Beute soll sich auch eine Uhr befinden, mit der Cleo die Zeit zurückdrehen will...

    Mit Kurzfilmen wie „Nashorn im Galopp“, „Telekommando“ oder „Berlin Metanoia“ hat sich der aus Mainz stammende Erik Schmitt in den vergangenen Jahren bereits einen Namen gemacht und Hunderte Preise auf Festivals in aller Welt gewonnen. Kein Wunder, sprühen die kurzen Stücke doch nur so vor visuellem Einfallsreichtum: Sie arbeiten mit Zeitraffer-Aufnahmen, Stop-Motion-Tricks, Perspektivverschiebungen und allen möglichen, aber vor allem handgemachten Stilmitteln, die man sich nur vorstellen kann. Dazu noch strahlende Menschen (auch in den Kurzfilmen schon oft von Marleen Lohse verkörpert) sowie eine zwischen Lebensfreude, Melancholie und Fantastik changierende Musik - und es war einfach nicht mehr zu übersehen, dass Schmitt Filme wie „Die fabelhafte Welt der Amélie“, „Science Of Sleep“ oder „Abgedreht“ gut studiert hat. Nicht die schlechtesten Vorbilder, die allerdings auch die Gefahren eines allzu verspielten Stils zeigen: Ist das Drehbuch mal nicht überzeugend, wirken die visuellen Spielereien schnell selbstzweckhaft und schlimmstenfalls sogar langweilig.

    Umso schöner also, dass Schmitt für sein Langfilmdebüt „Cleo“ zusammen mit Stefanie Ren ein Drehbuch geschrieben hat, das nicht nur auf visuelle Einfälle baut, sondern auf originelle Weise die ganz spezielle Magie Berlins heraufbeschwört. Tief in die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner taucht Cleo auf ihrer Schatzsuche ein, bewegt sich zwischen markanten Orten wie der Oberbaumbrücke und dem Teufelsberg, vor allem aber in der Fantasie von Cleo und Paul. Auf ihrer Schatzsuche, die lose dem Muster einer Schnitzeljagd folgt, treffen sie unter anderem auf die verhinderten Einbrecher Günni (Heiko Pinkowski) und Zille (Max Mauff), eine moderne Version der legendären Tänzerin Anita Berber, aber vor allem auch auf viele Gestalten der Berliner Geschichte.

    In körnigem Schwarz-Weiß sitzen da Max Planck (Peter Meinhardt) und Albert Einstein (Jean Pütz) auf der Bank und diskutieren über die Relativitätstheorie und die Möglichkeit von Zeitreisen. Marlene Dietrich (Regine Zimmermann) tröstet bei Liebeskummer, während die Gebrüder Sass (Ben Münchow und Max Befort) darauf hoffen, dass man sich ein bisschen mehr an sie erinnert. Denn das ist das Schöne an diesem Spiel mit den Geschichten und Mythen Berlins: Sie fügen sich ganz natürlich und nahtlos in die langsame Erkenntnis Cleos ein, dass sie die Vergangenheit annehmen muss, um in der Gegenwart glücklich sein zu können.

    Fazit: Ein kleines Film-Juwel aus Deutschland: Mit visuellem Einfallsreichtum und einer Story, die Berliner Geschichte und Gegenwart auf originelle Weise verbindet, gelingt Erik Schmitt ein wahrhaft bemerkenswertes Filmdebüt.

    Wir haben „Cleo“ im Rahmen der Berlinale 2019 gesehen, wo er in der Sektion Generations gezeigt wurde.

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