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    Und der Zukunft zugewandt
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Und der Zukunft zugewandt

    Das Leben der Unseren

    Von Michael Meyns
    Wenn es um Vergangenheitsbewältigung ging, lag der Fokus im deutschen Kino lange auf dem Dritten Reich, dem Holocaust, dem Zweiten Weltkrieg. Immer stärker kommt in den vergangenen Jahren mit der DDR jedoch auch die andere deutsche Diktatur des 20. Jahrhunderts in den Blick von Autoren und Regisseuren. Ein Film wie der international gefeierte „Das Leben der Anderen“ wurde wegen seines Blicks eines westsozialisierten Regisseurs wie Florian Henckel von Donnersmarck auch kritisch gesehen. Inzwischen drehen allerdings verstärkt auch ostsozialisierte Regisseure (wie zuletzt etwa Andreas Dresen mit dem vielfach preisgekrönten „Gundermann“) Filme, die durch ihren ambivalenten Blick auf den untergegangenen Staat überzeugen. Auch Bernd Böhlich stammt aus dem Osten, auch sein Film „Und der Zukunft zugewandt“ beschäftigt sich mit der Schwierigkeit, ein System unterstützen zu wollen und dafür die Missstände mit schlucken zu müssen. Doch im Gegensatz zu Dresen gelingt es Böhlich nur bedingt, seine auf historischen Ereignissen basierende Geschichte überzeugend und mit der nötigen Differenziertheit umzusetzen.

    1952 wird Antonia Berger (Alexandra Maria Lara) aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Jahrelang hatte sie im fernen Sibirien in einem sowjetischen Gulag eingesessen – und zwar nicht etwa, weil sie eine Nationalsozialistin, sondern obwohl sie Kommunisten war. Ihre elfjährige Tochter Lydia (Carlotta von Falkenhayn) ist durch die Strapazen in der sibirischen Kälte dem Tode nahe, doch in der neuen Heimat Fürstenberg beginnt für Mutter und Tochter ein neues, auf den ersten Blick besseres Leben. Der sozialistische Kreisleiter Silberstein (Stefan Kurt) sorgt dafür, dass Antonia einen Führungsposten im Haus der Kultur erhält, eine Wohnung wird zur Verfügung gestellt, im Krankenhaus wird Lydia dank der Behandlung mit Penicillin schnell wieder gesund. Dort lernt Antonia auch den Arzt Konrad (Robert Stadlober) kennen, der ihr bald den Hof macht. Doch ganz fühlt sich Antonia in der DDR nie heimisch, denn das Unrecht, das ihr das sowjetische Brudervolk zugefügt hat, muss der Staatsräson wegen verheimlicht werden …

    Antonia Berger glaubt trotz allem, was man ihr angetan hat, weiter an das Ideal eines sozialistischen Staates.


    Frauen wie Antonia Berger hat es tatsächlich gegeben, Frauen (und natürlich auch Männer), die aufgrund der Paranoia Stalins nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Feinde des Kommunismus ausgemacht und im fernen Sibirien weggesperrt wurden. Als sie dann Anfang der 50er Jahre nach Deutschland zurückkamen (in etwa zeitgleich mit den letzten entlassenen deutschen Wehrmachtssoldaten), wurden sie allerdings nicht etwa mit offenen Armen empfangen. In Bernd Böhlichs Film lautet der Schlüsselsatz: „Wahrheit ist das, was uns nützt!“ Gesprochen von einem Parteifunktionär, der Antonia und ihre Leidensgenossinnen zum Stillschweigen verpflichtet. Zu fragil sei der junge sozialistische Staat, um die Wahrheit zu ertragen, dass der große Bruder, die Sowjetunion, so einen Fehler begangen hat. Um das System, an das sie glaubt, zu schützen, lässt sich Antonia auf den Deal ein – denn ihr wir das Versprechen gegeben, dass die Wahrheit bald ausgesprochen werden darf.

    Ein Versprechen, dass gebrochen werden wird, eine Lüge, die Antonia schließlich zu der verhärmten, verbitterten Frau werden lässt, die man in einigen Vorblenden zum Tag des Mauerfalls sieht. Aus dem Nichts wird Antonia da von Konrad angerufen, der längst in den Westen geflohen ist, der im Gegensatz zu Antonia die Lügen des Systems nicht mehr hinnehmen wollte. Man ahnt in diesen Momenten, was Bernd Böhlich an dem Stoff und an einer Figur wie Antonia Berger interessiert hat: Eine Frau, die unbedingt an das System glauben wollte, die hoffte, dass es im Sozialismus bald ehrlicher zugehen wird und die darüber ihr Leben verschenkt hat.

    Rückfall in alte Zeiten


    Doch um diese epische Geschichte überzeugend zu erzählen, fehlt in „Und der Zukunft zugewandt“ der große Bogen. Allzu behäbig entwickelt Böhlich die Geschichte, bedient sich dabei zudem wenig überzeugender Klischeefiguren wie eines Nachbars, der vorgibt, progressiv zu sein, um sich dann – natürlich – als Stasi-Spitzel herauszustellen. Vor allem aber schafft es Böhlich nicht, Zwischentöne zu finden. Allzu schlicht ist sein Bild einer DDR, in der die Bonzen schmierig sind, die Ungerechtigkeit groß, das Leben grau in grau abläuft. Im Gegensatz zu differenzierten Filmen wie eben Dresens „Gundermann“, Annekatrin Hendels Dokumentation „Familie Brasch“ und selbst Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ bleibt Böhlichs „Und der Zukunft zugewandt“ allzu sehr in überholten Schwarz-Weiß-Mustern verhaftet, um dem Thema tatsächlich noch etwas Neues abzuringen.

    Fazit: Spätestens mit Andreas Dresens „Gundermann“ wurde ein neues Kapitel in der Auseinandersetzung des Kinos mit der DDR aufgeschlagen. Der altbackene „Und der Zukunft zugewandt“ fällt nun allerdings wieder in die überholt geglaubten Erzählmuster zurück.

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