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    Sorry We Missed You
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Sorry We Missed You

    Frustriert vom Kapitalismus

    Von Carsten Baumgardt
    2014 kündigte der britische Regie-Veteran Ken Loach seinen Rücktritt aus dem Filmgeschäft an: „Jimmy’s Hall“ sollte sein letztes Werk sein. Doch es kam ganz anders: Zwei Jahre später drehte der Chronist der britischen Arbeiterschicht noch „Ich, Daniel Blake“ und gewann mit seiner bitteren Kritik am Sozialsystem Großbritanniens die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes, übrigens schon zum zweiten Mal nach „The Wind That Shakes The Barley“. Selbst mit 82 Jahren ist Loach als linksliberaler filmischer Aktivist noch immer voll in seinem Element. Mit „Sorry We Missed You“ kehrt er 2019 nicht nur in den Cannes-Wettbewerb an die Croisette zurück, sein erneut dringliches wie berührendes Sozialdrama über eine Familie der unteren Mittelschicht, die von ihren Arbeitgebern ausgebeutet und so an den Rand des finanziellen und menschlichen Ruin gebracht werden, spielt sogar im selben Stadtteil von Newcastle, wo Daniel Blake so bitter vor die Hunde ging (sogar einzelne Straßenecken erkennt man wieder). Der Familie Turner ergeht es nicht viel besser. Doch gerade mit seinem bösen Ende und der totalen Verzweiflung am System wirkt der ewige Humanismus Loachs aufgebraucht und der stete Optimismus weicht endgültig einem erschöpften Pessimismus. So wäre „Sorry We Missed You“ nun ein gelungenerer Abschluss der Filmografie des ewigen Kämpfers Loach als noch „Jimmy’s Hall“ vor einem halben Jahrzehnt.

    Weil der Arbeiter und Familienvater Ricky Turner (Kris Hitchen) Probleme hat, weitere Jobs auf dem Bau oder als Handwerker zu finden, will er nun als selbstständiger Paketfahrer in eine goldene Zukunft mit seiner Frau Abby (Debbie Honeywood) und seinen Kindern Seb (Rhys Stone) und Liza Jane (Katie Proctor) durchstarten. Er schießt einen Franchise-Vertrag bei dem Paketdienstleister PDF (Parcels Delivered Fast) ab – und muss dafür erst einmal schwer in Vorkasse gehen. Um die Raten für seinen neuangeschafften Lieferwagen bezahlen zu können, sind die Turners gezwungen, das Familienauto zu verkaufen, das die mobile Altenpflegerin Abby eigentlich für ihren Job braucht. Auch sonst ist das Paketausliefern wesentlich härter, als Ricky es sich jemals vorgestellt hat. Sein Boss Gavin Mahoney (Ross Brewster) übt im Depot einen brutalen Druck auf seine Fahrer aus. Ricky schuftet 14 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche – das wirkt sich auch auf das Familienleben aus. Der rebellische Teenagersohn Seb macht Probleme in der Schule und verkracht sich zunehmend mit seinem überarbeiteten Vater…

    Einer der wenigen glücklichen Momente: Ricky nimmt seine Tochter mit zur Arbeit.


    „Ich, Daniel Blake“ und „Sorry We Missed You“ sind sich sehr ähnlich, vielleicht sogar zu ähnlich. Loach und sein Stammdrehbuchautor Paul Laverty waren eben der Meinung, dass in diesem Themenkomplex noch mehr drinstecken würde. Und deswegen kann man den neuen Film auch als geistige Fortsetzung begreifen, selbst wenn die Figuren nicht miteinander verbunden sind. Dass „Sorry We Missed You“ trotz seiner Qualitäten letztlich aber nicht an „Ich, Daniel Blake“ heranreicht, liegt vor allem daran, dass sich das Drama diesmal ein Stück weit wie eine didaktische Versuchsanordnung anfühlt: Loach und Laverty haben sich die beiden wohl prekärsten Berufsstände der britischen Gesellschaft herausgesucht: Während Daniel Blake noch von den Mühlen des Sozialsystem zermahlen wurde, wird Familienvater Turner als auf dem Papier selbstständiger, aber tatsächlich an der Grenze zur Leibeigenschaft abhängiger Paketfahrer aufs brutalste von seinem Auftraggeber ausgebeutet. Dazu präsentieren die Macher die Familie auch noch als Verlierer der Finanzkrise von 2008, die ihren Traum vom eigenen Haus zerplatzen und sie mit Schulden zurückließ, um das Anklagepaket komplett zu machen.

    Der permanente Druck ruiniert auch das Familienleben: Während Vater Ricky auf einen Nervenzusammenbruch zusteuert, spielt der pubertierende Sohn Ricky völlig verrückt. Und mit Mutter Abby hat sich Loach als Altenpflegerin ein weiteres krasses Beispiel von Ausbeutung ausgesucht. Sie arbeitet mit einem sogenannten Zero-Hour-Vertrag – heißt: Sie wird nur für die Zeit bezahlt, in der sie tatsächlich Klienten betreut – und selbst dann nur für das absolute Minimum. Alles was sie darüber hinaus aus reiner Menschlichkeit tut, geht ebenso auf ihre eigenen Kosten wie die Anfahrt. Allen Widrigkeiten zum Trotz begegnet Abby den hilfsbedürftigen Menschen mit einer ehrlichen menschlichen Wärme. Es ist zutiefst berührend, wie sie sich nicht kleinkriegen lässt und ihre Würde ebenso wie die ihrer Patienten bravourös verteidigt.

    Manchester Vs. Newcastle


    Diese Souveränität geht Ricky hingegen zunehmend verloren. Seine neue Arbeit als Paketfahrer wird auf der Leinwand bis ins kleinste Detail seziert. So wird der immense Druck, der die Fahrer zur Zeitersparnis in Flaschen pinkeln lässt, fast schon körperlich spürbar. Und so flucht Ricky viel, sehr viel, eigentlich permanent, obwohl er ein durch und durch guter Kerl ist. Manchmal lässt Loach dabei auch ein wenig Humor zu, etwa als Manchester-United-Fan Ricky an einer Haustür in einen Streit mit einem Newcastle-Anhänger gerät und sich beide gegenseitig mit Erfolgsergebnissen der eigenen Mannschaft demütigen. Und so fühlt sich „Sorry We Missed You“, in trist-grauen Bildern trostlos gefilmt, absolut authentisch an. Auch weil die herausragenden Darsteller Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone und Liza Jane die Formelhaftigkeit der Konstellation schnell vergessen lassen und dem Film Sympathie und Menschlichkeit verleihen.

    Emotional läuft „Sorry We Missed You“ zumindest in den ersten zwei Dritteln noch nicht auf Hochtouren, gefällt stattdessen in seinen feinen Beobachtungen des Arbeitsalltags und des sich langsam verändernden Familiengefüges. Im Schlussakt schaltet Loach dann aber abrupt in den Panikmodus und lässt seine Story bis zum Exzess und der Demütigung der Hauptfigur eskalieren. So böse hat man den Briten noch nie gesehen. Subtilität war sowieso noch nie seine Stärke, aber hier feuert Loach eine berechenbare Breitseite gegen die sowieso schon am öffentlichen Prager stehende Paketindustrie ab. Mit dem modernen Sklaventreiber Gavin Mahoney (superb gespielt von Ross Brewster) als Rickys Depotboss bekommen die Ausbeuter auch ein menschliches Gesicht. Menschlichkeit sucht man in der schönen neuen Arbeitswelt aber trotzdem vergebens.

    Fazit: Ken Loachs bewegend-bitteres Sozialdrama „Sorry We Missed You“ ist die totale Kapitulation des linken Filmemachers vor dem Turbo-Kapitalismus. Etwas mehr Subtilität und weniger Formelhaftigkeit hätte seiner frustriert-bitteren Anklage des modernen Arbeitssystem aber womöglich sogar noch mehr Wucht verliehen.

    Wir haben „Sorry We Missed You“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.

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