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All My Loving
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
All My Loving

Drei Geschichten aus dem Leben

Von Björn Becher
Als 2018 „Patrick Melrose“ Premiere feierte, sprach alle Welt vor allem über die sensationelle Leistung von Benedict Cumberbatch. Dabei ging fast ein wenig unter, wie phänomenal die fünf Episoden der Mini-Serie nicht nur gespielt, sondern auch inszeniert sind. Verantwortlich dafür zeichnet der deutsche Regisseur Edward Berger, der sich mit seiner Arbeit an der Serie „Deutschland 83“ zuvor schon international ins Gespräch brachte und so auch bereits einige Episoden von Ridley Scotts „The Terror“ in Szene setzte. Der nächste logische Schritt wäre da eigentlich die Regie eines großen Hollywoodfilms. Der ist, wenn man Branchenberichten glauben darf, unter dem Titel „Rio“ zwar auch schon mit Jake GyllenhaalMichelle Williams und Benedict Cumberbatch in Vorbereitung. Aber zuvor liefert Berger nun erst einmal das krasse Gegenteil einer typischen Produktion aus der Traumfabrik, nämlich das direkt aus dem Leben gegriffene, weitestgehend unaufgeregte und ruhig erzählte, aber gerade deswegen ungemein sehenswerte Drama „All My Loving“.

Lebemann Stefan (Lars Eidinger) verheimlicht seinem Umfeld, dass er aufgrund von Hörproblemen und Gleichgewichtsstörungen schon seit Monaten nicht mehr als Pilot arbeitet. Die Uniform zieht er nur noch an, um an Hotelbars One-Night-Stands aufzureißen. Doch dann macht ihm seine Tochter Vicky (Matilda Berger) Sorgen und er muss sich auch noch um den ebenso alten wie riesigen Hund seiner Schwester Julia (Nele Mueller-Stöfen) kümmern. Denn die macht mit ihrem Mann Christian (Godehard Giese) endlich mal wieder Urlaub. Aber der Italien-Trip nimmt eine Wende, als Julia über einen angefahrenen Straßenhund stolpert und sich alles plötzlich nur noch darum dreht, diesen wieder gesund zu pflegen. Tobias (Hans Löw), der kleine Bruder von Stefan und Julia, muss sich unterdessen um die Eltern kümmern. Eigentlich hätte der Dauer-Student als dreifacher Familienvater genug im eigenen Haushalt zu erledigen. Trotzdem fährt er in die alte Heimat, wo Vater Pit (Manfred Zapatka) den dringen nötigen Arztbesuch verweigert, den Pfleger vergrault und Mutter Ebba (Christine Schorn) sogar kurzerhand das komplette Badezimmer rausreißen lässt...

Eine Geschichte von drei Geschwistern“, heißt es zu Beginn von „All My Loving“. Aber was dann folgt, sind – eingerahmt von einem Prolog und einem Epilog – drei verschiedene Erzählungen. Nach der Auftaktszene, in der sich die drei Protagonisten kurz begegnen, folgen mit „Das wird schon wieder“, „Inglaterra, ein Traum“ und „Alles, was er anfasst“ nacheinander drei Episoden, in denen jeweils eins der Geschwister im Mittelpunkt steht. Trotzdem hat „All My Loving“ zu keinem Zeitpunkt das oft größte Problem vieler Episodenfilme: Bergers Drama ist kein Stückwerk mit starken und schwächeren Einzelgeschichten, die nur lose zusammenpassen und zwischen denen zwanghaft ein großer Bogen gespannt wird. „All My Loving“ erzählt trotz seiner Episodenstruktur eine (!) Geschichte wie aus einem Guss.

Einer der Gründe dafür ist die konsequente Verweigerung gegenüber jeder Art der Überdramatisierung. „All My Loving“ wirkt wie aus der Realität gegriffen. Wir erleben kurze Ausschnitte aus dem Leben der drei Hauptfiguren und ihrer jeweiligen Umgebung, ohne dass sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst. Nur der Epilog weicht davon ein wenig ab, denn er liefert doch noch eine erlösende Note nach, die den Geschichten vorher abging und die sie eigentlich auch gar nicht bräuchten. Denn bis dahin begeistert vor allem, wie Berger, der das Drehbuch wie schon beim 2014er Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „JACK“ auch diesmal wieder gemeinsam mit der Schauspielerin Nele Mueller-Stöfen geschrieben hat, einfach nur ganz genau und präzise beobachtet.

Die Geschwister reden viel, aber haben nicht immer auch viel sagen. Das eigentlich Wichtige wird oft nicht in den Dialogen, sondern in ihrer Rahmung ausgedrückt: Wenn etwa Pilot Stefan auf einer Poolparty von einer Bikini-Schönheit (Zsa Zsa Inci Bürkle) angeflirtet wird, drücken die dazugehörigen Bilder vor allem die Entfremdung von seiner eine Liege weiter liegenden Teenager-Tochter aus. Auch der Moment, wenn Christian nach anfänglichem Widerstand endgültig aufgibt und akzeptiert, dass nun ein Straßenhund im Zentrum seines Urlaubs stehen wird, ist nur, ohne dass einen der Film mit Nachdruck darauf hinlegen würde, im Gesicht von Schauspieler Godehard Giese abzulesen. Und auch wenn Stefan zufällig auf den Geburtstag einer 18-Jährigen (Lea van Acken) gerät, dort mitsäuft und sich ganz kurz wie ein Teil der Gruppe fühlt, führt Berger die Erkenntnis, dass er als doppelt so alter Student eben doch nicht dazugehört, ganz beiläufig herbei. Ganz stark beobachtet, aber wie beiläufig präsentiert. Eine ungemein angenehme Art des Erzählens.

Fazit: Bevor Edward Berger dem Ruf Hollywoods folgt, beschert er uns mit „All My Loving“ zunächst noch ein ebenso stark gespieltes wie herausragend beobachtendes Drama über drei Geschwister.

Wir haben „All My Loving“ im Rahmen der Berlinale 2019 gesehen, wo er in der Sektion Panorama gezeigt wurde.

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