Mein FILMSTARTS
One Cut Of The Dead
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
One Cut Of The Dead

Glaubt dem Hype!

Von Lutz Granert
Gedreht mit einem Budget von umgerechnet gerade einmal 27.000 US-Dollar lief der japanische Zombiefilm „One Cut Of The Dead“ am 23. Juni 2018 in nur zwei Kinos in Tokyo an. Zuschauer, die als Zombie verkleidet ins Kino kamen, erhielten zudem einen Rabatt auf den Eintrittspreis, wodurch man sich zumindest ein klein wenig Aufmerksamkeit für den Ministart der Low-Budget-Produktion erhoffte. Und die hat der Film anschließend auch bekommen – und wie: „One Cut Of The Dead“ begeisterte Publikum und Kritiker so sehr, dass der Kinorelease über die folgenden Wochen immer weiter ausgeweitet wurde, bis der Film schließlich in mehr als 200 Kinos gleichzeitig lief und insgesamt mehr als 2 Millionen (!) Zuschauer vor die Leinwände lockte.

Der Hype weitete sich anschließend schnell in ganz Ostasien aus, bevor „One Cut Of The Dead“ schließlich auch hierzulande auf dem Fantasy Filmfest 2018 zum Publikumsfavoriten avancierte und in den USA nun sogar ein englischsprachiges Remake bekommen wird. Die Horrorkomödie von Independent-Filmemacher Shin'ichirô Ueda hat es ohne Marketinghilfe ganz allein durch ihren Witz, ihre Cleverness und ihre Originalität zum Welthit geschafft – und auch wir können in den allgemeinen Jubel nur einstimmen! Wobei im Fall von „One Cut Of The Dead“ ganz besonders gilt: Je weniger man vorab über das Konzept weiß, desto besser! Wer also mal wieder ein richtig lustiges, intelligentes, zugleich simples und geniales Komödienkonzept sehen will, der sollte jetzt besser nicht weiterlesen, sondern lieber ohne Vorwissen ins Kino gehen.

Regisseur Higurashi freut sich, dass seine Darsteller ordentlich Gas geben!


Der perfektionistische Regisseur Higurashi (Takayuki Hamatsu) dreht mit bescheidenen Mitteln einen Zombiefilm in einem abgelegenen Industriegebäude: Chinatsu (Yuzuki Akiyama) wird gerade von ihrem Freund Ko (Kazuaki Nagaya) angegriffen, der sich in einen Untoten verwandelt hat. Higurashi unterbricht den inzwischen 42. Take der Szene und verlässt nach einem Disput mit Chinatsu wegen ihrer mangelhaften schauspielerischen Qualitäten wutentbrannt das Set. Chinatsu, Ko und Make-Up-Artist Nao (Harumi Syuhama) verbringen gemeinsam die Drehpause, als sie herausfinden, dass das Industriegebäude früher für geheime Experimente des Militärs genutzt wurde. Und tatsächlich: Schon bald stolpert das erste Mitglied der Filmcrew, das sich tatsächlich in einen blutdürstigen Zombie verwandelt hat, auf die inzwischen nicht mehr so arglosen Schauspieler zu...

„One Cut Of The Dead“ funktioniert wie gesagt dann am besten, wenn man sich den Film möglichst unvorbereitet anschaut und nur das Notwendigste über den Aufbau weiß. Tatsächlich ist es aber praktisch unmöglich, eine Kritik zu „One Cut Of The Dead“ zu schreiben, ohne zumindest das Grundkonzept und damit die ganz wesentliche erste große Wendung des Films zu spoilern. Wer sich also den grandiosen Spaß nicht vorab verderben lassen möchte, sollte lieber nicht weiterlesen und stattdessen direkt zum Fazit springen:

Die ersten 37 Minuten von „One Cut Of The Dead“ sind ein kleiner Geniestreich für sich: Wir sehen den Überlebenskampf der Filmcrew, der dank der hysterischen Ausbrüche von Protagonistin Chinatsu, der Kunstbluttropfen auf der Kameralinse sowie erkennbar preisgünstiger Gore-Effekte zwar ziemlich albern, aber nichtsdestotrotz sehr unterhaltsam daherkommt, ohne einen einzigen Schnitt in einer einzigen Einstellung. Aber gerade, wenn man sich als unbedarfter Zuschauer darauf eingerichtet hat, nun die eineinhalbstündige Zombie-Komödien-Antwort auf One-Take-Filme wie „Birdman“ oder „Victoria“ vorgesetzt zu bekommen, rollt plötzlich der Abspann durchs Bild - das bisher Gesehene entpuppt sich als Film im Film und die Handlung springt um einige Wochen zurück.

Ganz große Komiker-Kunst


Die Zombie-Komödie „One Cut Of The Dead“, so erfährt das Publikum, ist in Wahrheit eine von einem Fernsehkanal in Auftrag gegebene Live-Show, die den eigentlich sehr erfahrenen Regisseur Higurashi (wieder Takayuki Hamatsu) an seine Grenzen führt: In der Vorbereitung auf den Dreh muss er sich nicht nur mit einem Kameramann mit Lebensmittelunverträglichkeiten, sondern auch mit einer Agentur herumschlagen, die nicht möchte, dass Darsteller angespuckt werden, obwohl das eigentlich im Drehbuch so vorgesehen ist. In diesem Mittelteil wandelt sich der Film zu einer amüsanten, mitunter wunderbar bissigen Mediensatire.

Augen zu und durch!


Aber richtig genial wird es im finalen Drittel, wenn die Live-Show, die wir zumindest in der Form, wie sie an das TV-Publikum ausgestrahlt wird, ja schon in der ersten halben Stunde gesehen haben, auf Sendung geht. Denn diesmal blicken wir hinter die Kulissen und erleben dort ein unfassbares Chaos mit: Die Pleiten und Pannen erstrecken sich dabei von einer fehlenden Axt bis hin zu einem volltrunkenen Darsteller, während Higurashi und seine aufopferungsvolle Crew alles tun, um den Dreh trotzdem noch irgendwie am Laufen zu halten (quasi die Trash-TV-Variante des urkomischen Broadway-Megahits „The Play That Goes Wrong“).

Das ist mitreißend und urkomisch – mit einem perfekten komödiantischen Timing, wie man es seit den Zeiten der großen Stummfilm-Komiker nur noch ganz selten erlebt hat. Dabei erkennt man dann auch, welche der vielen Eigenheiten, die man in der ersten halben Stunde noch voreilig hingenommen hat, weil es sich ja nur um eine Zombie-Trash-Komödie handelt, in Wahrheit mit dem „Dick und Doof“-artigen Hinter-den-Kulissen-Chaos zusammenhängen. Ein Hoch auf die kleinen und großen Zufälligkeiten des Filmemachens – unfassbar brillant und einfach nur köstlich.

Fazit: „One Cut Of The Dead“ ist eine regelrechte Wundertüte voll mit erfrischenden Einfällen und Ideen, die dem Genre buchstäblich neues Leben einhauchen. Der Hype um den aus dem Nichts kommenden Low-Budget-Megahit ist definitiv gerechtfertigt!

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
  • Die neuesten FILMSTARTS-Kritiken
  • Die besten Filme aller Zeiten: Usermeinung
  • Die besten Filme aller Zeiten: Pressemeinung

Kommentare

Kommentare anzeigen
Back to Top