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    Roland Rebers Todesrevue
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Roland Rebers Todesrevue

    Hereinspaziert! Hereinspaziert!

    Von Christoph Petersen
    1976 kündigte in Sidney Lumets „Network“ ein Nachrichtensprecher live im Fernsehen seinen Selbstmord in der nächsten Ausgabe an und löste damit in der Filmhandlung einen gewaltigen Medienhype aus. Das Ergebnis war eine schneidend präzise, wunderbar garstige Satire, die völlig verdient mit vier Oscars ausgezeichnet wurde. Wenn nun in „Roland Rebers Todesrevue“ mehr als 40 Jahre nach „Network“ ein maskierter YouTuber (Mira Gittner) nach allerlei fruchtlosen Versuchen nur im Selbstmord den angestrebten Ruhm findet, fühlt sich das hingegen gar nicht up to date, sondern im Gegenteil sogar eher altbacken an.

    Aber zum Glück handelt es sich beim neuen Film der unabhängigen Münchner Produktionsfirma wtp ja schon dem Titel nach um eine „Revue“. Und als solche besteht der Film eben aus jeder Menge (qualitativ sehr uneinheitlicher) Beiträge, wobei „Marienhof“-Klempner und Roland-Reber-Stammstar Wolfgang Seidenberg als Conférencier durch das bunte Programm führt: Als absurde Boulevardshow auf dem Produktionsniveau einer örtlichen Karnevalssitzung aufgemacht, in der auch singende Seniorinnen im rosafarbenen Bunny-Kostüm herumhoppeln, verschießen die Kreativen ihre medien- und technologieskeptischen Pfeile in alle denkbaren Richtungen, während sich „Roland Rebers Todesrevue“ im selben Moment als mal berührende, mal banale Mediation über das Altern (und das Sterben) entpuppt.

    Der Tod ist Teil der Show.


    Eine Single-Frau kurz vor der Vierzig, deren Social-Media-Abdruck erst einmal vor dem grölenden Publikum ausgebreitet wird, muss sich solange Kommentare eines schmierigen Schlagerbarden über ihre (zu) kleinen Brüste anhören, bis sie auf der Bühne zu heulen anfängt. Das ist natürlich böse gemeint, aber ist es wirklich so viel anders als real existierendes Fernsehen im Jahr 2019 in Deutschland? Jan Böhmermanns „Lass dich überwachen!“ trifft auf das Scripted-Reality-Nachmittagsprogramm der Privatsender? Andere Einfälle, wie etwa das sich in ein Gespräch über die Nachhaltigkeit von Liebe einmischende Smart Home, sind hingegen tatsächlich ziemlich amüsant.

    Ein Wirkungstreffer inmitten von Kalauern


    Aber es gibt sie eben auch hier, diese typischen wtp-Momente, in denen der boulevardeske Schabernack plötzlich ganz nah bei einem einschlägt und einen im besten Fall bis ins Mark hinein erschüttert (man erinnere sich nur an die KZ-Erinnerung der Gummisau in der philosophierenden SM-Groteske „24/7 – Passion Of Life“): Antje Mönning, die mit Regisseur Roland Reber und ihren Co-Stars Marina Anna Eich und Mira Gittner in einer Kommune zusammenlebt, hat ja schon damals einen Skandal provoziert (also keinen echten, aber einen bei BILD), als sie neben ihrer Nonnen-Rolle in der ZDF-Soap „Aus heiterem Himmel“ auch als „verlogene, geile Schlampe“ in dem wtp-Film „Engel mit schmutzigen Flügeln“ (noch immer einer der meistangesehenen Trailer in der Geschichte von FILMSTARTS) auftrat.

    Aber nun gab es eben wieder einen Skandal (und zwar wieder in der BILD), weil Möning wegen Exhibitionismus an einem Autobahnrastplatz von Polizisten aufgegriffen und anschließend angeklagt wurde. Inzwischen ist von der ganzen Angelegenheit zwar offiziell nur noch ein Ordnungsgeld übrig geblieben, aber in „Roland Rebers Todesrevue“ werden nun die Social-Media-Reaktionen auf das medial hochgekochte Ereignis verhandelt – und damit neben ein paar unterstützenden Kommentaren vor allem Fässer randgefüllt mit frauenverachtendem Menschenhass ausgeschüttet, dass einem inmitten der ansonsten diesmal eher zurückhaltend-pervertierten Kegelclub-Atmosphäre der Atem stockt. Wie eine Episode von Jimmy Kimmels „Mean Tweets“ auf Crack.

    Antje Mönning darf in einem Film von Roland Reber nicht fehlen.


    Ähnlich wechselhaft sieht es beim „Todes“-Teil der „Todesrevue“ aus. Immer wieder springt der Film in ein Altersheim und Eisi Gulp, der Papa aus den anhaltend erfolgreichen Eberhofer-Krimis („Leberkäsjunkie“ & Co.), schiebt Leichen im Kühlhaus umher. Wobei sich der Leichenschieber minutenlang über die modernen Zeiten aufregt, was sich aber vor allem darauf beschränkt, dass man heute nur noch die Abkürzung „led.“ verwendet und damit nur ein einzelnes Zeichen spart, statt wie in den guten alten Zeiten einfach „ledig“ auszuschreiben. Nun ja, muss (vielleicht) auch mal gesagt werden. Dann doch lieber die Dildos für den Weltfrieden, den drei Grazien beim Kaffeeklatsch einfordern – und gegen die finale Moral von der Geschicht‘ kann ja wohl eh niemand was haben: Rabimmel, rabammel, rabum!

    Fazit: Vom Harmlos-Kalauer bis zum Shit-Tsunami, vom hohlen Kalenderspruch bis zur erhellenden Lebensbeobachtung – auch „Roland Rebers Todesrevue“ ist, wie schon die meisten Filme des Regisseurs zuvor, eine bunte Wundertüte voller Widersprüche, Provokationen, Albernheiten, Plattitüden, prätentiösen wie genialen Momenten. Das ist ganz sicher nichts für jeden, wahrscheinlich ist es sogar nur was für wenige, aber trotzdem sollte eigentlich jeder zumindest einen der wtp-Filme mal gesehen haben.

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    Kommentare

    • Otacon5
      Wie sieht es denn diesmal mit expliziten Szenen aus? Die hatten ja bei Der Geschmack von Leben vorerst ihren Höhepunkt erreicht.
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