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    Rache auf Texanisch
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Rache auf Texanisch

    Eine Abrechnung mit dem True-Crime-Podcast-Genre (und noch einer Menge mehr)

    Von Christoph Petersen

    2014 hat die Journalistin Sarah Koenig in ihrem Podcast „Serial“ den Mord an der Highschool-Schülerin Hae Min Lee im Jahr 1999 neu aufgerollt. Allein in den ersten 24 Monaten konnte die erste Staffel mehr als 80 Millionen Abrufe für sich verbuchen. In der Folge wurde der wegen Mordes verurteilte Adnan Syed nicht nur wegen Zweifeln an den vorgelegten Beweisen vorzeitig aus der Haft entlassen, es brach auch eine regelrechte Goldgräberstimmung in der Podcast-Branche aus: Seitdem werden nahezu wöchentlich reale Verbrechen wieder in die Öffentlichkeit gezerrt, wo sie dann plötzlich noch einmal in einem ganz neuen Licht erscheinen – und das liegt nur zum Teil an neuen Fakten oder Perspektiven, sondern mitunter auch an einer geschickten Dramaturgie. Auf jeden Fall funktioniert die Masche derart gut, dass der Hype auch im Jahr 2023 ungebrochen anhält.

    Nachdem er bereits in seiner Anthologie-Serie „The Premise“ aktuelle Popkultur-Themen auf ebenso bissige wie komische Weise aufbereitet hat, knöpft sich der „The Office“-Star B.J. Novak in seinem Spielfilmdebüt als Autor und Regisseur nun den True-Crime-Trend vor. Obwohl satirisch angehaucht, ist „Rache auf Texanisch“ aber keine reine rabenschwarze Komödie – sondern zugleich auch noch ein spannender Neo-Noir, eine doppelbödige Reflexion über die Natur von Rache sowie eine ziemlich clevere Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als privilegierter Geschichtenerzähler. Da steckt einfach eine Menge drin, über das man sich Gedanken machen kann – auch abseits der Frage nach der Identität des Mörders beziehungsweise der Mörderin…

    Bruder Shaw (Boyd Holbrook) und Podcaster Ben (B.J. Noval) nehmen den Ort des Leichenfundes genauer unter die Lupe.

    Der New Yorker Radiojournalist Ben Manalowitz (Regisseur B.J. Novak selbst) ist ein ziemlich oberflächlicher Typ, was sich auch in seinem ausschließlich von Tinder-Dates geprägten Privatleben ausdrückt. Aber dann erhält er eines Nachts einen unerwarteten Anruf: Am anderen Ende der Leitung ist Ty Shaw (Boyd Holbrook), der aufgeregt davon erzählt, dass seine Schwester Abby (Lio Tipton) in irgendeiner hinterletzten Ecke von Texas ermordet worden sei. Ben solle doch bitte am Sonntag zur Beerdigung kommen, schließlich sei Abby ja seine Freundin gewesen. Es dauert ein wenig, bis Ben schnallt, dass er mit Abby vor Ewigkeiten mal einen One-Night-Stand hatte – und dass sie ihrer Familie daraufhin offenbar erzählt hat, dass sie ein Paar seien.

    Auf jeden Fall sieht Ben keine Möglichkeit, aus der Nummer herauszukommen – und reist pflichtbewusst in das texanische Kaff. Als Ty ihm eröffnet, dass er gemeinsam mit Ben die Schuldigen am Tod von Abby ausfindig machen wolle, um dann an ihnen Rache zu üben, beschließt der Journalist, Kapital aus der Sache zu schlagen: Er bietet seiner Chefin Eloise (Issa Rae) an, die Spurensuche zu einem Podcast zu verarbeiten – schließlich sei ein „totes weißes Mädchen“ ja „der Heilige Gral“ des Genres. Doch dann treten immer neue Fakten zutage, die ihn nicht nur daran zweifeln lassen, ob es sich überhaupt um einen Mord gehandelt hat – auch seine eigene Rolle als True-Crime-Podcaster beginnt Ben immer mehr zu hinterfragen…

    Die Crux mit den Vorurteilen

    In „Rache auf Texanisch“ kriegen alle Seiten ihr Fett weg. Während sich der Gast aus dem Big Apple direkt bei seinem ersten Rodeo-Besuch bis auf die Knochen blamiert, besteht der konkrete Berufswunsch der jüngeren Geschwister der Toten lediglich darin, „berühmt“ zu werden – da werden schon eine Menge Klischees über lebensuntüchtige Ostküsten-Intellektuelle ebenso wie über waffenschwingende „White Trash“-Familien gnadenlos durch den Kakao gezogen. Zugleich liefert B.J. Novak aber nicht einfach nur eine wirklich treffsichere Fish-Out-Of-Water-Komödie, sondern versucht stattdessen, die üblichen Red-State/Blue-State-Vorurteile zugleich konsequent zu unterlaufen: Wenn der so gebildet tuende Ben über das narrative Prinzip von „Tschechows Gewehr“ referiert, muss er zu seiner Überraschung feststellen, dass Abbys Goth-Schwester Paris (Isabella Amara) im Gegensatz zu ihm die Erzählungen des russischen Schriftstellers tatsächlich gelesen hat. Aber das wirkt wie eine bloße filmische Behauptung – schließlich hätte eine Teenagerin wie Paris von „Die Möwe“ & Co. im wahren Leben sehr, sehr sicher noch nie gehört.

    Doch genau diese Schwierigkeit, dass nicht nur das Vorurteil selbst, sondern längst auch dessen Auf-den-Kopf-Stellen zum Klischee geworden ist, spiegelt sich auch in der Entwicklung des Protagonisten wider: Wenn bei Ben die (Selbst-)Zweifel immer stärker werden, beschließt er irgendwann, die Perspektive seines Projekts zu ändern – und statt über den Mordfall von sich selbst zu erzählen, wie er als hohes Tier aus New York nach Texas gekommen ist, nur um dann zu erkennen, dass er in Wahrheit von nichts eine Ahnung hat und sich nur selbst auf Kosten der skurrilen Figuren seines Podcasts profilieren wollte. Das klingt im ersten Moment nach einer aufschlussreichen Offenbarung – ist aber natürlich ebenfalls ein totales Klischee (man denke nur an „Doc Hollywood“ mit Michael J. Fox): Ganz egal ob man nun mit guten oder schlechten Absichten eine Geschichte über das zerrissene Amerika erzählt – am Ende folgt fasst alles einem vorgefertigten Narrativ, aus dem es kaum noch ein Entkommen gibt.

    Ashton Kutcher spielt einen visionären Musik-Produzenten, wie man ihn in dieser (kulturellen) Einöde so ganz sicher nicht erwartet hätte.

    Aber B.J. Novak versucht es zumindest. Nicht nur über die titelgebende Rache, sondern auch über die Funktion von Verschwörungstheorien hat er tatsächlich einige Dinge zu erzählen, die durchaus tiefer vorstoßen, als man es von einer solchen Thriller-Satire erwartet hätte (da zahlt sich offensichtlich aus, dass der Autor und Regisseur über Jahre hinweg immer wieder nach Texas gefahren ist, um den Film vorzubereiten): Laut der Behörden ist eine Überdosis schuld an Abbys Tod und damit längst Alltag in dieser Gegend, spätestens seitdem speziell die Südstaaten von einer regelrechten Opioid-Epidemie überrollt werden. Sind also Tys Zweifel an der offiziellen Version und die daraus resultierenden Rachepläne nichts anderes als ein verzweifelter Versuch, mit dem eigenen Versagen als Bruder umzugehen?

    Zu diesen Themen gibt es in „Rache auf Texanisch“ eine ganze Reihe starker Ideen – und Twists! Um die Mörderjagd geht es hier zwar nur an zweiter Stelle – aber trotz der Skurrilität der Verdächtigen wie Ashton Kutcher als Musikproduzent mit Herz entwickelten die an „Chinatown“ & Co. erinnernden Ermittlungen im Neo-Noir-Stil einen abgründigen Drive. Das gilt vor allem immer dann, wenn das sehr reale Versagen der Behörden ins Zentrum gerückt wird (das mutet zwar absurd an, ist aber wahrscheinlich viel näher an der Realität, als man es sich eingestehen will). Noch einmal ganz besonders gelungen ist der Showdown: Die finale Konfrontation passt nämlich endgültig nicht mehr einfach so in eine der üblichen Schubladen, sondern lässt einen erst mal sprachlos zurück. Und die Moral von der Geschicht‘? Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten – und das ist auch gut so, denn einfache Antworten gab es zum Umgang mit diesem zerrissenen Land wahrlich schon genug…

    Fazit: „Rache auf Texanisch“ ist nicht nur eine doppelbödige Reaktion auf den anhaltenden True-Crime-Podcast-Hype, sondern als Neo-Noir-Satire auch noch spannend, lustig, clever und erstaunlich bissig.

     

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