Die Filmbranche ist leicht berechenbar. Es scheint ein in Stein gemeißeltes Gesetz zu sein, dass ein kommerziell erfolgreiches Konzept immer und immer wieder fortgesetzt werden muss. Als vor mittlerweile knapp drei Jahren Bryan Singer seinen Blockbuster „X-Men“ ablieferte, war klar: Comicverfilmungen sind wieder „in“. Das Genre erlebte eine wahre Renaissance, die mit Sam Raimis „
Spider-Man" im vergangenen Sommer den bisherigen cineastischen Höhepunkt erreichte. Und es ist kein Ende in Sicht. 2003 wird eine wahre Flut von Superhelden über die Kinos hereinbrechen. „X-Men 2“, „The Hulk“ und „League of the Extraordinary Gentleman“ stehen bereits in den Startlöchern, doch den Anfang im Kampf um die Gunst der Zuschauer macht Mark Steven Johnsons Leinwandadaption des in den hiesigen Gefilden eher unbekannten Marvelcomics „Daredevil“.
Wie die meisten Superhelden aus dem Hause Marvel ist Daredevil eine Kreation des Comic-Großmeisters Stan Lee, der sich selbst mit der Erschaffung Spider-Mans unsterblich machte. Auch wenn der Name Daredevil in Europa meist nur fragende Blicke auslöst, ist er im Mutterland des Comics kein Unbekannter und erfreut sich großer Beliebtheit. Doch fangen wir bei Null an: Hinter Daredevil verbirgt sich kein Mann von einem anderen Planeten, keine Laune der Natur, sondern ein ganz gewöhnlicher Mensch mit dem Namen Matt Murdock (Ben Affleck). Nun, so völlig normal ist dieser Murdock dann doch nicht. Als Kind kam Matt bei einem Unfall mit radioaktivem Material in Kontakt, was zur völligen Erblindung führte, im Gegenzug jedoch sämtliche anderen Sinne aufs extremste schärfte. Sein Gehör entwickelte sich zu einer Art Sonar, mit dem er Dinge orten kann, sein verbesserter Tastsinn verleiht ihm ein phänomenales Gefühl für Gleichgewicht, Reaktion und Koordination und das Parfüm einer Frau erkennt er dank seiner feinen Nase auf eine Meile Entfernung. Übernatürliche Kräfte, die es ihm erlauben, seine Gegner meterweit durch die Gegend zu schleudern, besitzt er nicht. Dies macht Daredevil zum wahrscheinlich verletzlichsten aller Superhelden. Er kommt nach getaner Arbeit schon mal nach Hause, erbricht Blut, reißt sich selbst einen wackelnden Zahn heraus und schluckt Schmerztabletten. Nachts erweist sich sein Gehör als Fluch, denn Schlaf findet er nur in einem schalldichten Becken voller Wasser. Auch ansonsten ist Matt nicht der klassische Superheld, wie wir ihn uns vorstellen. Selbst wehrlosen Bösewichten gewährt er keinerlei Gnade und sollte er mit seiner Traumfrau alleine sein wollen, ignoriert er schon mal die verzweifelten Hilferufe, die nur er wahrnehmen kann. Einzig der darauf folgende Besuch beim Pfarrer zur Beichte zeugt von einem vorhandenen moralischen Wertesystem. Doch auch die Bitte um Absolution ist, wie Pater Everett (Derrick O’Conner) richtig erkennt, nicht das Flehen um Vergebung für seine Taten, sondern nach einer Erlaubnis für sein Handeln. Alles in allem ist Matt Murdock ein hochinteressanter Charakter, von dessen filmischer Umsetzung man vorab einiges erwarten durfte.
Die Story, durch die sich unser Held schlagen muss, steckt jedoch voller Klischees und bietet wenig Überraschungen. Als Kind verlor Matt sehr früh seinen Vater Jack (David Keith), weil sich der Profiboxer, der seinen Zenit schon längst überschritten hatte, nicht dem Willen der mächtigen Unterweltbosse beugte und daraufhin kurzerhand aus dem Weg geräumt wurde. Fortan strebt Matt auf seine ihm eigene Art und Weise nach Gerechtigkeit: Tagsüber verteidigt er als Anwalt mit seinem Partner Franklin Nelson (John Favreau) die Unschuldigen vor Gericht und nachts nimmt er das Recht selbst in die Hand. Doch als die bildschöne Millionärstochter Elektra Nachios (Jennifer Garner) in sein Leben tritt und sich die beiden Hals über Kopf ineinander verlieben, überschlagen sich die Ereignisse. Da Elektras Vater (Erick Avari) dem schleimigen Gangsterboss Kingpin (Michael Clarke Ducan) ein Dorn im Auge ist, setzt dieser den abgedrehten Profikiller Bullseye (Colin Farrell) auf ihn an. Matts Versuch, Elektras Vater zu retten, scheitert - doch schlimmer noch ist, dass sie ihn für den Mörder ihres geliebten Vaters hält. Was folgt, ist eine muntere Massenjagd quer durch die Hochhausschluchten des Big Apple. Elektra jagt Matt, Matt jagt Bullseye, Bullseye jagt Elektra, der Sensationsreporter Ben Urich (Joe Pantoliano) jagt sie alle und der Kingpin hat auch noch seine Finger im Spiel.
Wo Sam Raimi in „
Spider-Man" viel Zeit in die Charakterentwicklung investierte, kommt Mark Steven Johnson direkt zur Sache, womit selbstverständlich die zahlreichen Kampfeinlagen gemeint sind. Doch genau in dieser Tatsache liegt das Problem von „Daredevil“. Die Actioneinlagen sind alle tadellos in Szene gesetzt und durchweg fesselnd choreographiert, doch innovative Neuerungen sind nicht zu finden. Man hat eben alles schon einmal in ähnlicher Form gesehen. Sam Raimi hatte verstanden, dass einzig und allein mit einer Aneinanderreihung von Actionsequenzen kein Blumentopf zu gewinnen ist. Scheinbar hat sich diese Tatsache noch nicht bis zu Johnson herum gesprochen, was sehr schade ist, denn in „Daredevil“ steckt eine Menge ungenutztes Potenzial. Allen voran ist hier Colin Farrells Performance als Bullseye zu nennen. Der momentan heißeste Newcomer Hollywoods („
The Recruit", „
Minority Report", „
Das Tribunal") hatte bei den Dreharbeiten einen Heidenspaß, was sich in jedem seiner viel zu spärlich gesäten Auftritte deutlich erkennen lässt. Wenn man einen solch abgedrehten Charakter wie Bullseye mit einem Darsteller wie Farrell besetzt, muss man ihn, ähnlich wie es mit William Dafoe als Green Goblin gemacht wurde, mehr in die Geschichte einbeziehen. Gleiches gilt für die zauberhafte Jennifer Garner (der Autor dieser Zeilen gesteht, dass er ein großer Fan von A.L.I.A.S ist). Warum wird ihrer Liebe zu Matt nur ein äußerst geringer Spielraum zugestanden? Warum wird ihr Wunsch nach blutiger Rache allenfalls angedeutet? Jennifer Garner („
Catch Me If You Can") hätte zur besten Comic-Heldin seit Michelle Pfeiffers Interpretation der Catwoman werden können, doch leider wurde ihre Rolle von Johnson viel zu kurz angelegt.
Die Besetzung von Ben Affleck (ursprünglich war Vin Diesel vorgesehen) als Daredevil löst zwiespältige Gefühle aus. Natürlich gibt er im engen Lederoutfit eine gute Figur ab, natürlich ist sein Spiel solide und ohne größere Schwächen, doch irgendwie nimmt man ihm den blinden Anwalt nicht ab. Hier wäre ein frisches, unverbrauchtes Gesicht, wie es seinerzeit Hugh Jackman als Wolverine war, wünschenswert gewesen. Doch die Entscheidung für Ben Affleck („
Der Anschlag") wurde wohl kaum wegen seiner schauspielerischen Qualitäten und seines unverbrauchten Gesichts gefällt. Affleck ist derzeit in aller Munde und seine Besetzung allein sorgte für eine willkommene Gratispublicity.
Wie stellt man etwas, das auf visueller Ebene überhaupt nicht existiert, auf der Leinwand optisch um? Die Frage dürfte den Verantwortlichen wohl am meisten Kopfzerbrechen bereitet haben. Gemeint ist Daredevils „Sicht der Dinge“. Wie sieht ein Blinder? Eine heikle Angelegenheit. Es kann jedoch durchweg Entwarnung gegeben werden, denn die so genannte „Schattenwelt“ gehört zu den besten Effekten des Films und ist ein Erlebnis für sich. Man muss sie sich in etwa so vorstellen: Jeder Gegenstand reflektiert Schallwellen, welche von Daredevil gehört werden können und dadurch in seinem Kopf ein Bild der Umgebung entstehen lassen. Je lauter nun die Umgebungsgeräusche sind, desto mehr Wellen werden reflektiert und um so klarer wird das Bild, allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt, denn ist es in der Umgebung zu laut, sieht man den Wald buchstäblich vor lauter Bäumen nicht mehr. Absolut beeindruckend ist die Schattenwelt bei Regen, denn jeder einzelne Tropfen erzeugt seine eigene Welle. Dies hört sich komplizierter an als es ist, doch das Ergebnis auf der Leinwand ist über jeden Zweifel erhaben.
Für Comicfans ist „Daredevil“ natürlich ein Pflichtbesuch, doch auch alle anderen, die noch nicht genug von den Comicverfilmungen und auch nichts gegen einen krachenden Actionfilm einzuwenden haben, werden für ihr Eintrittsgeld durchaus solide unterhalten. „Daredevil“ ist gut gemachtes Popcorn-Kino ohne jeden Anspruch auf eine niveauvolle Handlung, nicht mehr, nicht weniger.