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    11:14 - Elevenfourteen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    11:14 - Elevenfourteen
    Von Deike Stagge
    Continuity ist für jeden Kinofilm extrem wichtig, denn Continuity heißt, dass alle Schnitte und Szenen reibungslos und fehlerfrei aneinander passen. Nur in absoluten Ausnahmefällen – meistens bei Kurzfilmen – wird nämlich ein Film dem inneren Zeitablauf nach abgedreht. Meist liegen zwischen den Szenen Tage oder Wochen, dann muss das selbe Set noch mal benutzt werden und alles genauso sein wie beim letzten Mal. Typische Continuityfehler sind im Raum veränderte Gegenstände oder Personen, veränderte Details in der Kleidung oder Actionhelden, die ihre Waffen in aufeinander folgenden Szenen zwei Mal laden. Ein eigens dafür angestellter Mitarbeiter prüft die Continuity des Films und steht für eventuelle Pannen gerade. Bei komplizierten Drehbüchern haben diese Mitarbeiter alle Hände voll zu tun. So auch in „11:14“, denn der Thriller macht durch seine Zeitsprünge die Arbeit des Continuity-Teams unheimlich nervenaufreibend.

    Eine verschlafene Kleinstadt in Kalifornien am späten Abend. Die Uhr springt auf 11:14 Uhr. Ein Autofahrer passiert eine Brücke und rammt einen Passanten, der quasi aus dem Nichts auftaucht. Eine andere Autofahrerin ruft nach einem kurzen Gespräch mit dem Unfallfahrer die Polizei. Damit nimmt das Unglück seinen Lauf. Denn als die Polizei am Unfallort auftaucht, sitzen im Streifenwagen bereits zwei andere Straftäter. Nach fünfzehn Minuten ist der Zuschauer schon relativ verwirrt: Wer sind alle diese Charaktere und warum hat man den Eindruck, dass hinter diesem simplen Anfang noch viel mehr steckt und die Schicksale der Leinwandfiguren auf die abstruseste Art und Weise miteinander verstrickt sind? Wer im Kinosessel durchhält, wird dafür belohnt. Denn an diesem Abend führen fünf verschiedene Wege zur Uhrzeit 11:14, die nacheinander in Zeitsprüngen erzählt werden und immer neue Verbindungen offenbaren. Auch wenn manchmal eine Figur aus einem anderen Handlungsstrang nur am Bildrand in einer einzigen Sequenz auftaucht, erhält man damit eine entscheidende Information über den Hergang des so schicksalsträchtigen Abends. Denn zufällige und kurzweilige Ereignisse bestimmen die Motivation der Charaktere. Intelligent verknüpft das Drehbuch die einzelnen Geschichten und lässt bis zum Schluss erstaunliche Spannung aufkommen, die spektakuläre Wendungen und Erklärungen bietet.

    Doch „11:14“ besticht nicht nur mit seiner scharfsinnig inszenierten Handlung. Der Thriller bedient sich eines ausgefallenen schwarzen Humors, der TV-Fans an die Serie „Picket Fences“ erinnern dürfte, und wird durch sein offenes Spiel mit der political correctness sehr unterhaltsam. Kein Wunder, dass so viele talentierte und teilweise hoch dekorierte Schauspieler sich um die Rollen rissen. Allen voran steht die zweifache Oscargewinnerin Hilary Swank („Million Dollar Baby“, „Boys Don´t Cry“), für die auf Anfrage extra die ursprünglich für einen männlichen Darsteller angelegte Rolle der Buzzy umgeschrieben wurde. Gerade diese Änderung hat sich gelohnt, denn Hilary Swank spielt die Tankstellenhilfe fantastisch und fesselt das Publikum vor allem in den Szenen mit ihrem Filmkumpel Shawn Hatosy („Gelegenheit macht Liebe“, „The Cooler“). Fitnessapostel Patrick Swayze („Dirty Dancing“, „Donnie Darko“) ließ seinen sportlichen Körper extra in einen 20 Kilogramm schweren Fatsuit verpacken, um den verdrossenen Vater von Rachel Leigh Cook („Eine wie keine“, „Get Carter“) glaubhaft darstellen zu können. Die Besetzung runden Tom Hanks' Spross Colin („Nix wie raus aus Orange County“), Barbara Hershey („Protrait of A Lady“, „Hannah und ihre Schwestern“) und Henry Thomas ab, den man wohl noch als kleinen Elliot in Spielbergs „E.T. - Der Außerirdische“ in Erinnerung hat.

    Die wahre Ausnahmeleistung liegt aber bei Regisseur und Drehbuchautor Greg Marcks. Er gab im Jahr 2003 mit „11:14“ sein Spielfilmdebüt, dass bei uns erst in diesem Jahr in die Kinos kommt. In den USA wanderte der sechs Millionen Dollar teure Film allerdings gleich direkt in die Videotheken. Marcks' Premiere ist eine außergewöhnliche Tatsache, denn man merkt der Umsetzung des Films die mangelnde praktische Erfahrung seines Regisseurs, der 2001 den Studentenoscar gewinnen konnte, überhaupt nicht an. Die komplizierte Erzählweise und der Ablauf der Continuity wirken in ihrer Zusammenfügung und dem Schnitt wie aus den Händen eines erfahrenen Profis. Vielleicht liegt es daran, dass Marcks auch selbst das Drehbuch verfasste und daher mit allen Wendungen vertraut war. Letztendlich kann es dem Zuschauer aber auch egal sein, Genrefans können sich auf außergewöhnlichen Sehspaß im Stil der Independent-Produktion „Go“ oder des Thrillers „Memento“ freuen, der mit einer ordentlichen Portion schwarzem Humor und einem großartig aufeinander abgestimmten Ensemble daherkommt. Wer sich auf die befremdlich wirkende erste Viertelstunde einlässt, kann danach eine spannende und intelligent inszenierte Achterbahnfahrt durch die kalifornische Abendstimmung genießen.
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