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Darwins Alptraum
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Darwins Alptraum
Von Carsten Baumgardt
Betretenes langes Schweigen. Totenstille. Wer sich einmal so richtig den Abend versauen will, sollte ein Kinoticket für Hubert Saupers gesellschaftskritische Dokumentation „Darwins Albtraum“ lösen, um seine Laune auf den Nullpunkt zu fahren. Polemik beiseite. Eigentlich sind im Kino alle Geschichten erzählt. Alles, was noch kommt, kann höchstens clevere Variation sein. Für den Dokumentarfilm gilt dies nicht unbedingt. Engagierten Filmemachern wie Sauper ist es zu verdanken, dass es noch etwas Neues zu entdecken gibt. Er sorgt mit seiner bedrückend-brillanten Doku dafür, dass die westliche Welt die Augen nicht mehr länger vor existenziellen Problemen in Afrika verschließen kann - jedenfalls nicht ohne schlechtes Gewissen.

Die unglaubliche Geschichte, die der in Paris lebende Österreicher Hubert Sauper innerhalb von drei Jahren in einem Mini-Team lediglich mit einem Assistenten filmte, nimmt ihren Anfang irgendwann in den 60er Jahren. Zu dieser Zeit setzte ein Regierungsbeamter in einem Experiment ahnungslos ein paar Nilbarsche im Viktoriasee aus, obwohl diese Riesenfischart in dem zweitgrößten Südwassersee der Erde (68.800 km²) bis dahin nicht heimisch war. Die ökologischen Folgen waren katastrophal. Innerhalb von einigen Jahrzehnten fraßen die Barsche einen Großteil der anderen Fische auf. 400 Arten starben aus.

Der „Clou“ dabei: Das Filet des Edelfisches lässt sich teuer nach Europa verkaufen. Und so starten auf dem Flugplatz in Mwanza, Tansania, täglich Transportmaschinen mit 50 Tonnen Fischfilets in ihren dicken, stählernen Bäuchen. Doch von dem Exportboom profitieren nur wenige. Rund 10.000 Jobs wurden geschaffen, dafür aber 80.000 vernichtet. Die meisten einheimischen Fischer sind ohne Beschäftigung. Die Arbeitslosenquote beträgt 95 Prozent. Der Profit wandert gleich auf Schweizer Nummernkonten der Mächtigen und geht für die Abzahlung der Auslandsschulden drauf. Die krepierende Bevölkerung in Tansania hat davon nichts. In einem Klima aus Hungersnot, AIDS-Epidemien und bitterer Armut kämpfen die Menschen ums nackte Überleben, während die Nahrung, die sie retten würde, vor ihren Augen nach Europa ausgeflogen wird. Ein paradoxes, irrsinniges Schauspiel. Entarteter Kapitalismus. Nur der Stärkste überlebt. Darwins Albtraum eben.

Auf die Idee zu „Darwins Albtraum“ kam Sauper 1997 bei den Dreharbeiten zu seinem Film „Kisangani Diary“, als er auf dem Flugfeld in Mwanza mitbekam, dass nicht nur UN-Hilfsgüter eingeflogen, sondern auch Fischfilets außer Landes geschafft werden. Sauper gewann bei einigen Bieren und reichlich Wodka das Vertrauen der russischen und ukrainischen Piloten. Sie erzählten ihm unverblümt, dass sie aus Europa nicht nur humanitäre Güter, sondern vor allem Waffen transportieren. Bomben, Minen, Kalaschnikows, Munition... Nachschub für die Krisenherde. Frisch exportiert aus europäischen Waffenfabriken.

Dank dieser Verbindung zu den Piloten konnte sich Sauper während der Dreharbeiten ziemlich problemlos mit seinem Assistenten in der Szene bewegen. Nur der bürokratische Apparat machte den Filmern zu schaffen. Ein Großteil ihres Budgets ging für Bestechungsgelder drauf, weil ihre Ausrüstung immer wieder beschlagnahmt wurde. Business as usual in Afrika. Sauper begibt sich in den filmischen Nahkampf, geht ganz dicht ran ans Geschehen. Er beobachtet aber nur, dokumentiert die Fakten, ohne über die Handelnden zu richten. Denn das Paradoxe am Paradoxen: Das große Feindbild existiert nicht. UN und Regierung denken, das Richtige zu tun, obwohl dies offenkundig nicht der Fall ist. Die Fabrikbesitzer argumentieren, dass sie Menschen Arbeit verschaffen und die Piloten kämpfen selbst ums Überleben, stellen keine Fragen, was sie denn nun wirklich transportieren und warum. Das ändert aber trotzdem nichts an der Perversion dieses Systems.

Sauper erzählt nicht nur die Geschichte um den räuberischen und doch missbrauchten Nilbarsch, sondern auch die der Menschen rund um den Viktoriasee. Aus dem Hinterland kommen sie ans Gewässer auf der Suche nach Arbeit. Die Frauen versuchen ihr zweifelhaftes Glück als Prostituierte. Wie Eliza zum Beispiel. Um die größtmögliche Wirkung auf das Publikum zu erzielen, führt Sauper sie als eine der Hauptpersonen ein. Am Ende kommt heraus, dass sie von einem Australier ermordet wurde. Für 1.000 Dollar in die Schmiergeldkasse der Polizei war er einen Tag später wieder in der Heimat. Business as usual in Afrika. Anhand einzelner Personen wie dem Piloten Sergey oder dem Wachmann Dimond erklärt Sauper das faule System. Er zeigt Mechanismen auf. Das Prinzip von Ursache und Wirkung. Was, wie und warum schief geht. Lösungen präsentiert der Filmemacher nicht. Warum? Weil es keine einfachen Lösungen gibt.

Sein Anliegen hat Sauper dennoch durchgebracht. Der Österreicher sensibilisiert ein internationales Publikum für die Problematik in Afrika. Das Thema wird von Journalisten aufgenommen und weitergesponnen. Der Druck, diese Fehlstellung einer globalisierten Welt zu beheben, wächst. Die UNO kann die Augen nicht länger verschließen. Nicht vor diesen Nöten und auch nicht vor vielen weiteren. So sterben zum Beispiel täglich im Kongo mehr Menschen im Kugelhagel des Bürgerkrieges, als bei den Terroranschlägen des 11. September in den USA.

Beim Publikum erzielt Sauper mit seiner ruhigen, aber eindringlichen Art einen schweren Wirkungstreffer. Er macht seine Zuschauer zu Komplizen, erspart ihnen nichts. Wenn die Einheimischen sich die besten Stücke aus den Lastwagenladungen voller Nilbarschkadaver raussuchen, kommt dem Betrachter am nächsten Freitag sicher der Fisch wieder hoch. „Darwins Albtraum“ ist eine erschütternde Reise in das neue Herz der Finsternis. Ungeschönt, unbequem, aber bitter nötig. Damit dieses Business as usual im schwarzen Kontinent vielleicht irgendwann einmal ein Ende hat…
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