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    Lincoln
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Lincoln
    Von Andreas Staben
    Bereits seit Ende der 90er Jahre war es eines der Herzensprojekte von Steven Spielberg einen Film über den 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu drehen. Als sein Wunsch nach vielen Verzögerungen (unter anderem fühlte sich der ursprünglich vorgesehene Hauptdarsteller Liam Neeson angeblich irgendwann zu alt für die Rolle und stieg aus) doch noch Wirklichkeit wurde, brachte der Regisseur sein historisches Politdrama „Lincoln" dennoch nicht sofort in die Kinos, sondern wartete bis nach der US-Präsidentschaftswahl am 6. November 2012. Damit wollte Spielberg nach eigener Auskunft vermeiden, dass er mit seinem Film zwischen die verhärteten Fronten des Kampfes um das Weiße Haus gerät. Nach der Premiere wurden dann auch prompt immer wieder Parallelen zwischen dem Leinwand-Lincoln und Wahlsieger Barack Obama gezogen, die beide in der zweiten Amtszeit in einem tief gespaltenen Land gegen die Parlamentsmehrheit um die Verwirklichung ihrer politischen Ziele kämpfen müssen. Aber während all das im Film brillant offengelegte Taktieren hinter den historischen Kulissen uns heute nur zu vertraut vorkommt, stilisiert Spielberg Abraham Lincoln zur Ikone, die erst durch Daniel Day-Lewis‘ meisterhaft kontrollierte Darstellung menschliche Züge bekommt: der Präsident als Superheld.

    Ende 1864: Seit mehr als drei Jahren tobt der amerikanische Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd. Der frisch wiedergewählte Präsident der Union, Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis), steht unter Druck, mit den Konföderierten über einen Frieden zu verhandeln. Er will die für den Norden günstige Lage jedoch nutzen, um noch vor Beendigung des Kriegszustands die Sklaverei in den Vereinigten Staaten per Verfassungszusatz endgültig abzuschaffen. Es bleiben ihm nur wenige Wochen Zeit, um die dafür nötige Parlamentsmehrheit zu erringen, dabei muss er sich nicht nur gegen die Demokraten durchsetzen, die die Sklaverei befürworten und im Repräsentantenhaus ein Stimmenplus besitzen, sondern auch gegen Widerstände bei der eigenen Partei, den Republikanern. Während einige erst das Kriegsende abwarten wollen, geht der Gesetzestext Radikalen wie Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones) nicht weit genug. Mit der Unterstützung seines Außenministers William Seward (David Strathairn) beginnt Lincoln hinter den Kulissen die Überzeugungsarbeit, wobei er auch vor unfeinen Methoden nicht zurückschreckt. Zugleich steht Lincoln vor der privaten Frage, ob er seine Position als Oberbefehlshaber ausnutzen soll, um seinem Sohn Robert (Joseph Gordon-Levitt) den Wunsch zu verwehren, in den Kriegsdienst einzutreten wie es seine Frau Mary (Sally Field) fordert...


    In früheren Drehbuchentwürfen zu „Lincoln", an denen unter anderem John Logan („Gladiator", „Hugo Cabret") mitarbeitete, ging es um die ganze Lebensspanne des Präsidenten, der das Land durch seine schwerste Krise mit Sezession und Bürgerkrieg führte. Diesen klassischen Biopic-Ansatz mit seiner kaum zu bändigenden Fülle von Ereignissen verwarfen Spielberg und sein endgültiger Drehbuchautor Tony Kushner („München", „Angels in America") schließlich und konzentrierten sich weitgehend auf wenige Monate und eine einzige entscheidende Etappe: den politischen Kampf um die Verabschiedung des 13. Verfassungszusatzes, mit dem die Sklaverei abgeschafft wurde. Dieser historische Meilenstein wird dabei nicht etwa zum Anlass eines feierlichen filmischen Gedenkens mit weihevollen Worten und versöhnlichen Visionen, sondern zur ungeschönten Illustration der Funktionsweise demokratischer Institutionen und spricht als solches durchaus auch ein nicht-amerikanisches, mit den spezifischen historischen Zusammenhängen weniger vertrautes Publikum an. Tony Kushner gewährt uns einen Blick in den Maschinenraum der Republik und macht die Politiker - allen voran den Titelhelden - zu wahren Künstlern der versierten Rede, der taktischen Finte und der manipulativen Winkelzüge, die alles tun, um ihre Ziele durchzusetzen.

    In „Lincoln" ist die Auseinandersetzung um eine so grundlegende Frage wie die Gleichheit der Menschen ein etwas abstrakter, in brillant geschliffenen Dialogen ausgetragener Wettstreit der Rhetoriker und der Mehrheitsbeschaffer. Sein häufig unterschätztes Drama „Amistad" machte Spielberg 1997 zu einem Meisterwerk, indem er die konkrete menschliche Erfahrung von Sklaverei mit komplexen juristischen und philosophischen Fragen verknüpfte. Was dort lebendig wurde und damit auch emotionale Resonanz bekam, ist hier oft nur Worthülse, mit dem historischen Für und Wider hält sich der Regisseur diesmal kaum auf – in „Lincoln" gibt es nur eine richtige Seite, die Wahrheit ist für den Protagonisten evident, ja logisch (er zitiert Euklid) und damit auch im Kontext des Films nicht von der Hand zu weisen. Und ein solcher unbestreitbar nobler Zweck wie die Abschaffung der Sklaverei heiligt schließlich auch die fragwürdigen Mittel - vom einfachen Kuhhandel bis zur subtilen Erpressung und zur Bestechung – da fehlt dann allerdings die dramatische Fallhöhe, denn so ist eben bei Kushner Politik. Die für Spielberg sonst typische visionäre Emphase, die noch in „Gefährten" für so ausdrucksstarke Höhepunkte sorgte, weicht in „Lincoln" entsprechend einer ungewohnten Zurückhaltung. Umso wirkungsvoller ist daher eine kurze Schlachtszene ganz am Anfang, in der das Chaos und der Schrecken des Bürgerkriegs effektvoll aufblitzen.

    Auch wenn „Lincoln" über weite Strecken ein kammerspielartiges und etwas didaktisches Polit-Lehrstück ist, das sich in schlecht beleuchteten Innenräumen abspielt, ist der Film dennoch durchweg spannend. Bei Spielberg sind selbst die Dialogszenen oft unglaublich dynamisch und wenn es am Ende zur alles entscheidenden Abstimmung im Repräsentantenhaus kommt, dann wird das Ganze trotz bekannten Ausgangs zum inszenatorischen Bravourstück, in dem fast jede Einstellung eine eigene Geschichte erzählt. Das ist auch der überaus beeindruckenden Besetzung zu verdanken, die hervorragend ausgesuchten Schauspieler bekommen hier reichlich Gelegenheit, sich mit Kushners hochglanzpolierten Worten zu profilieren. Von der stillen Beharrlichkeit David Strathairns („Good Night, and Good Luck") als Außenminister Seward über den polternden Spott von Lee Paces („The Fall") Fernando Wood, dem demokratischen Gegenspieler im Kongress, zu der amüsanten Nonchalance von James Spaders („Sex, Lügen und Video", „Crash") W.N. Bilbo, Lincolns Mann fürs Grobe – das hochklassige Ensemble sorgt für beste Unterhaltung. Nicht nur durch die relative Größe ihrer Rollen stechen die beiden Oscar-Preisträger Sally Field („Forrest Gump", „Norma Rae") als ebenso stolze wie besorgte Präsidentengattin Mary Todd Lincoln und Tommy Lee Jones („Auf der Flucht", „Men In Black") als Thaddeus Stevens noch einmal besonders heraus. Sie sind die wichtigsten Partner für Daniel Day-Lewis in der Titelrolle.

    In einem Streitgespräch zwischen dem großen Strategen Lincoln und dem Idealisten Stevens bringt Tony Kushner den Konflikt auf den Punkt, wenn er den pragmatischen Präsidenten sagen lässt, dass der von dem radikalen Abolitionisten beschworene moralische Kompass zwar den „wahren Norden" anzeige, jedoch nicht die Hindernisse auf dem Weg dorthin: Wer sich aber blindlings Richtung Norden aufmacht und dabei in einem Sumpf versinkt, der erreiche sein Ziel nicht. Stevens unterstützt Lincoln schließlich bei der Politik der kleinen Schritte und verleugnet dabei in einer der prägnantesten Szenen des Films sogar seine innersten Überzeugungen, um die Mehrheit zu sichern. Tommy Lee Jones gibt Stevens mit seiner handfest-zupackenden Art und seinem trockenen Humor eine einnehmende Bodenständigkeit. Der dient dem Publikum somit tatsächlich als moralischer Kompass und durch sein persönliches Drama (das erst am Ende in einer Art Überraschungswendung enthüllt wird und somit nicht zur vollen Entfaltung kommt) bekommt der Film auch ein menschliches Zentrum. Lincolns eigene private Seite verblasst dagegen trotz schöner kleiner Szenen mit dem jüngeren Sohn Tad (Gulliver McGrath) angesichts seiner immer wieder unterstrichenen Statur als Staatsmann, Oberbefehlshaber und Führungspersönlichkeit.

    In „Der junge Mr. Lincoln" verkörperte Henry Fonda 1939 einen amerikanischen Helden in Wartestellung. In John Fords Traumvision des Landes vor dem Krieg ist Lincoln noch nicht zum Mythos erstarrt, bei Steven Spielberg steht der „Große Emanzipator" dagegen kurz vor seinem Lebensende und wird immer wieder damit konfrontiert, dass er etwas Besonderes sei. Er werde vom Volk geliebt wie kein anderer, bekommt er zu hören, später bezeichnet man ihn gar als Halbgott. Wenn Lincoln vier jungen Soldaten begegnet, die seine berühmte Ansprache von Gettysburg auswendig aufsagen, trifft er gleich am Anfang auf seine eigene Legende und wird visuell zum Denkmal stilisiert, eine wahre Lichtgestalt, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Spielberg und sein Kameramann Janusz Kaminski („Schindlers Liste", „Der Soldat James Ryan") unterlaufen mit der nur selten so auffälligen, aber dennoch allgegenwärtigen Überhöhung ihres Helden in gewisser Seite ihre ansonsten geradezu nüchterne Darstellung der Mechanismen der Macht und mit Daniel Day-Lewis („Gangs of New York", „There Will Be Blood") haben sie dabei einen Schauspieler zur Verfügung, der sich auf überlebensgroße Figuren geradezu spezialisiert hat.

    Scheinbar mühelos schlägt uns Day-Lewis in perfekter Maske als charismatischer Führer, begnadeter Geschichtenerzähler und überlegener Taktiker in seinen Bann, dabei verzichtet er weitgehend auf Manierismen: Die Unaufdringlichkeit der Darstellung ist auffällig, ihre Natürlichkeit bewundernswert – gerade durch solche Paradoxe lässt sich der Mensch hinter dem Mythos erahnen. Von einem Charakterdrama shakespearescher Dimensionen wie es etwa Oliver Stone mit „Nixon" schuf, ist Spielbergs Lincoln trotz kleiner Anflüge von Kontrollverlust aber weit entfernt: Wenn der kleine Tad Augenzeuge des nicht direkt gezeigten Präsidentenmords durch John Wilkes Booth wird, der dem Politgeschachere der Haupthandlung als Epilog angehängt ist, verliert der entsetzte Junge seinen Vater, das ganze Land gewinnt aber spätestens in diesem Moment einen unsterblichen Helden.

    Fazit: Steven Spielbergs großartig gespielter „Lincoln" ist zugleich ein sprachlich ausgefeiltes Politdrama über die hohe Kunst der Mehrheitsbeschaffung und die Fortschreibung des Mythos vom großen Mann der Geschichte.
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