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...und täglich grüßt das Murmeltier
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
...und täglich grüßt das Murmeltier
Von Andreas R. Becker
„Well, what if there is no tomorrow? There wasn't one today."

Draußen eisige Kälte, an den Rändern zugefrorene Fensterscheiben. 6:00 Uhr. „I got you babe" leiert aus dem Radiowecker. Natürlich, es ist Murmeltiertag – schon wieder. Denn der spröde Wettermann und Menschenfeind Phil Connors (Bill Murray, Ghostbusters, Lost In Translation), wird von seiner Redaktion ins verschlafene Nest Punxsutawney und seinen alljährlich wiederkehrenden, persönlichen Alptraum geschickt: Einem Fernsehbericht über ein wettervorhersagendes Nagetier. Doch dieses Mal kommt alles anders: Als Connors den Bericht hinter sich gebracht hat, lässt die Wiederholung des Lokalbrauchs nicht 364 Tage auf sich warten. Stattdessen erlebt der Fernseh-Giftzahn ein und denselben Tag immer und immer wieder hintereinander. Wenn morgen immer gestern ist, dann gibt es viel, viel Zeit zum Verlieben in seine bezaubernde Kollegin Rita (Andie MacDowell, „Sex, Lügen und Video", Short Cuts), Zeit zum Beobachten, Ausprobieren und Lernen: vor allem über sich selbst. Aus diesem Stoff schuf Harold Ramis, der mit Bill Murray in „Ghostbusters" noch selbst vor der Kamera stand, eine der unvergesslichen Hollywood-Komödien der 90er. Die wurde vor kurzem nicht nur in die „United States National Film Registry" aufgenommen, sondern hat längst ihren Weg in verschiedenste Stellen des englischen Sprachschatzes gefunden: Wer vom „Groundhog Day" spricht (wie z.B. Soldaten im Irak-Krieg), meint damit meist nicht mehr den eigentlichen nordamerikanischen Brauch am 2. Februar, sondern ein ironisches Synonym für Monotonie und die Wiederkehr des immer Gleichen.

Der eigentliche Brauch wird seit über 100 Jahren in vielen Städten der USA gefeiert, auch im tatsächlich existenten Schauplatz des Films mit seinem Punxsutawney Phil (auch wenn der Film größtenteils in Illinois gedreht wurde). Tritt das Murmeltier aus seinem Bau hervor und sieht seinen Schatten, bedeutet das: sechs weitere Wochen Winter. Der Brauch ist keltischen, also eigentlich europäischen Ursprungs und entspringt der Zeit des fünften Jahrhunderts, in dem die Kelten an übernatürliche Kräfte bestimmter Tiere glaubten. Beendeten diese ihren Winterschlaf zu früh und sahen ihren eigenen Schatten, bekamen sie einen Schreck und traten zurück in die Höhle für vier bis sechs weitere Wochen, besagte der Glaube. So auch der Bär oder das Murmeltier – von dem Bill Murray während der Dreharbeiten übrigens zwei Mal gebissen wurde.

Auch die Idee der ewigen Wiederkehr ist keine eigentlich Erfindung von Danny Rubin und Harold Ramis, die gemeinsam das Drehbuch verfassten. Schon Friedrich Nietzsche beschreibt 1882 in seinem Buch „Die fröhliche Wissenschaft" (aus dem auch der berühmte Satz „Gott ist tot" stammt) einen Mann, der ein und denselben Tag immer wieder erlebt. In seinem Roman mit dem Titel „Das seltsame Leben des Iwan Osokin" beschäftigt sich der russische Schriftsteller Pjotr Demjanowitsch Uspenski zwei Jahrzehnte später mit einem ähnlichen Thema. Danny Rubin selbst gab nur Interview mit einem Vampir als Inspiration an, weil es ihn mit der Frage beschäftigt habe, was es bedeute, ewig zu leben.

Ob oder welche der Vorlagen nun die Initialzündung gaben, erscheint letztlich irrelevant angesichts des in der filmischen Umsetzung in Bestform zu sehenden Bill Murrays. Auch wenn die Menschwerdung des Soziopathen schon in unzähligen Filmen Thema war und sein wird, treibt Murray sie hier zu unterhaltsamer Vollendung. Zu Beginn reißt der arrogante Chefzyniker vom Dienst noch einen trockenen Spruch nach dem anderen, natürlich auf Kosten aller ihn umgebenden Säugetiere, die von ihm vornehmlich in Kategorien von Unwürdigen, Hinterwäldlern und Minderbemittelten einsortiert werden. So ist es auch die Riege an Neben- und Kleinstrollen, die Phil auf seinem Weg durch Punxsutawney als Profilierungsfläche dienen und Vorlagen für bissige und pointierte Schlagabtausche liefern. Ob die unvergessliche, versicherungsvertretende Nervensäge Ned „BING!" Ryerson (Stephen Tobolowsky), Phils Pullunder tragender Kollege Larry (Chris Elliot), der an akuter Fernsehmacher-Profilneurose leidet, oder die liebenswürdig-trottelige Pensionsbesitzerin Mrs. Lancaster (Angela Paton): Jeder bekommt sein Fett weg. (Phil: „I don't suppose there's any chance of a espresso or cappuccino?" – Mrs. Lancaster: „Oh, I don't know..." – Phil: „... how to spell espresso or cappuccino.")

Hätte sich „Und täglich grüßt das Murmeltier" aber alleinig auf den Zynismus seiner Hauptfigur verlassen, wäre der Film mit dem ausnahmsweise ungleich charmanteren deutschen Verleihtitel wohl nur halb so gelungen. Hinzu gesellen sich einige faszinierende und erheiternde Antworten, die man erhalten kann, wenn man sich die Frage stellt: Was ist, wenn man sein Gedächtnis behält, aber es kein Morgen gibt? Keine Konsequenzen? Keine Geldnot? Keine Krankheit? Keinen Zeitmangel? Was ist, wenn man alles ausprobieren kann, was man schon immer wollte? Den Wandel der zugehörigen Gemütslagen spielt Murray so überzeugend, dass man sie dem Gefangenen der Zeit im Gesicht ablesen kann: Verwirrung, Ungläubigkeit, Freude, Verzweiflung, Panik, Ekstase, Apathie, Glückseligkeit, Frustration, Begeisterung, Aufgabe, Entschlossenheit und natürlich: Verliebtsein. Spielt Andie MacDowell an Murrays Seite doch eine sympathische und zuckerfeenhaft liebenswürdige Rita, für deren aussichtslose Herzeroberung dem vermeintlichen Ekel eine ganze Ewigkeit und doch nur ein einziger Tag zur Verfügung stehen.

In diesem Widerspruch versteckt sich unter allem Witz und Kitsch auch eine Botschaft. Im Sinne Hollywoods und negativistisch als ur-amerikanisch ausgelegt, könnte man diese als komprimierte Form des „self-improvement" lesen: Streng Dich mehr an, und alle werden Dich lieben. Vielleicht bietet sich aber auch eine versöhnlichere, religionsübergreifende Perspektive an: Sei kein Egoist, sondern lerne, sozial zu handeln. [1] Hilf anderen und Du wirst Dir selbst helfen. Es ist deshalb auch nicht weiter überraschend, dass der Film nicht nur als „romantische Liebeskomödie", sondern von Christen, Juden und Buddhisten auch als Lehrfilm rezipiert wird. [2] Und selbst ohne religiösen Einschlag bleibt immer noch ein Kern bestehen: Es gibt immer eine Chance, sich zu verändern. Es lohnt, sich auch mal den Spiegel vorhalten zu lassen und daraus zu lernen. Und wer auch mit diesem Kern nichts am Hut hat, kann sich einfach auch nur anderthalb Stunden hervorragend amüsieren und das Herz wärmen lassen – besonders, wenn eisige Kälte die Ränder der Fensterscheiben zufriert.

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[1] In einer frühen Version des Drehbuchs war ursprünglich auch eine Szene vorgesehen, in der eine von Phil verstoßene Ex-Liebhaberin ihn zur Strafe mit einem Fluch belegt, den er zunächst nicht brechen kann.

[2] Siehe hierzu: Buncombe, Andrew: „Is this the greatest story ever told?" In: The Independent (London), 02.02.2004. http://findarticles.com/p/articles/mi_qn4158/is_20040202/ai_n12766880
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