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    Citizen Kane
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Citizen Kane
    Von Jürgen Armbruster
    „Die besten Filme aller Zeiten“. Jedes Fachmagazin, das etwas auf sich hält, publizierte bereits eine derartige Liste, oft mit völlig unterschiedlichen Ergebnissen, was keineswegs verwundert, denn Geschmack ist bekanntlich subjektiv. Doch ein Titel erscheint erstaunlich oft an der Spitze: „Citizen Kane“, das Hollywood-Debüt von Orson Welles, jener Welles der 1938 in seiner pseudo-dokumentarischen Umsetzung des Romans „Krieg der Welten“ in ein Hörspiel die Landung der außerirdischen Wesen so realistisch darstellte, dass die über Rundfunk ausgestrahlte Sendung Panik und Massenhysterie in weiten Teilen der Bevölkerung auslöste. Warum dieser Film von Kritikern noch heute so hoch eingeschätzt wird, brachte André Bazin in seinem biographischen Werk über Orson Welles auf den Punkt: „Ich glaube, man kann ohne Übertreibung sagen, dass alles, was seit 1940 im Film Bedeutung hat, entweder von „Citizen Kane“ oder von Jean Renoirs „La règle du jeu“ beeinflusst ist [...]"

    Bereits zu Beginn des Films wird der Zuschauer Zeuge des Todes von Charles Foster Kane (je nach Alter u.a. gespielt von Orson Welles persönlich), seines Zeichens Zeitungsmogul und einer der einflussreichsten Männer der Welt. Der Reporter Thomsen hat nun die Aufgabe, über Kanes Leben einen Kurzfilm zu drehen, doch neben den reinen Fakten fehlt noch der richtige Aufhänger, der aber in jenem mysteriösen Wort, das Kane kurz vor dem dahinscheiden auf dem Sterbebett sagte, gefunden wurde: „Rosebud“. Wer oder was ist „Rosebud“? Auf jene Frage gilt es für Thomsen, eine Antwort zu finden. Seine Recherchen führen ihn zu den Menschen, denen Kane nahe stand. Die Schilderungen widersprechen sich dabei jedoch teils. Für den einen war Kane ein selbstloser Idealist, für den anderen ein machtbesessener Egozentriker. So erfährt Thomsen Stück für Stück mehr über das Leben des Charles Foster Kane, jedoch ohne der Bedeutung des Wortes „Rosebud“ näher zu kommen. Am Ende des Films, und somit auch seiner persönlichen Odyssee, gibt Thomsen die Suche auf, da er zu der Erkenntnis gelangt, dass ein einzelnes Wort nicht das gesamte Leben eines Mannes beschreiben könne. Der Zuschauer weiß dann jedoch, was „Rosebud“ bedeutet, und dass sich Thomsen mit seiner These irrt. Eine der wohl beeindruckendsten Schlusswendungen der Filmgeschichte.

    Als Orson Welles 1940 nach Hollywood kam war er gerade 26 Jahre alt und wusste nur wenig vom Film, was die RKO Studios jedoch nicht daran hinderte, ihn unter Vertrag zu nehmen. Nach eigner Aussage lernte er alles, was er übers Filmen wisse, aus dem Kino selbst. Als Vorbereitung auf „Citizen Kane“ sah er sich einen Monat lang jeden Tage „Stagecoach“ von John Ford an. Dies tat er allerdings nicht alleine, sondern stets gemeinsam mit verschiedenen Technikern des Filmstudios, die ihm die verschiedenen Techniken erläuterten. Einer dieser Techniker war Kameramann Gregg Toland, der bereits 1939 für seine Arbeit an Fords „Wuthering Heights“ mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Ohne ihn wäre „Citizen Kane“ nicht möglich gewesen. Die Dankbarkeit von Welles gegenüber Toland wird auch dadurch deutlich, dass die beiden im Vorspann gemeinsam erwähnt werden.

    Bei „Citizen Kane“ wird häufig ein extremes Weitwinkelobjektiv benutzt. Es passt das Blickfeld der Kamera dem menschlichen Auge an und verzerrt sogleich die Perspektive. Dadurch entstehen Verzerrungen im Raume, beispielsweise wenn sich Kane im Bild in den Vordergrund schiebt. So erscheint er als gigantisch und scheint seine Umgebung förmlich zu erschlagen. Ein weiteres kameratechnisches Stilmittel ist die häufige Untersicht, eine Hommage Welles’ an die Perspektive des Publikums in einem klassischen Theater. Die aus diesen Stilmitteln resultierende Folge beschreibt erneut André Bazin sehr treffend: „Die Ausdehnung des Bildes in die Tiefe – in Verbindung mit fast ständiger Untersicht der Kamera – erzeugt den ganzen Film hindurch ein Gefühl von Spannung und Konflikt, als ob das Bild im nächsten Moment zerreißen würde.“

    Über den Schnitt des Films sagte Welles einmal: „Es gab nichts zu schneiden.“ Fast alle Szenen wurden mit einer Einstellung gedreht, wozu er auch von Toland ermuntert wurde. Im ganzen Film sind lediglich drei Großaufnahmen zu sehen, was den Zuschauer noch mehr in das Gesehene mit einbindet und ihn fast zu einem Teil des Ganzen, einem stillen Beobachter innerhalb des Films, macht. Einen wichtigen Anteil an der Wirkung der Bilder hat außerdem Bernard Herrmanns hervorragende Filmmusik, die auch für ihn das Hollywooddebüt war. Wenn möglich sollte man den Film im englischen Original genießen, denn nur in dieser Fassung ist Herrmanns Filmmusik im vollen Umfang enthalten. Die deutsche Fassung wurde komplett neu eingespielt, wobei auf einige Passagen der Musik leider komplett verzichtet wurde.

    Doch nicht nur die filmtechnische Umsetzung war in „Citzen Kane“ seiner Zeit weit voraus. Das eigentlich revolutionäre war die ständig wechselnde Erzählweise: Welles springt von einer Zeitebene in die andere, Vergangenheit und Gegenwart werden aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, wodurch ein komplexes Puzzle aus Rückblenden entsteht, das sich erst am Ende nach und nach zusammensetzt. Was sich aus heutiger Sicht keineswegs ungewöhnlich anhört, war für viele Zuschauer 1941 einfach zu gewagt. Ohne Welles' Pionierarbeit auf dem Gebiete des Suspense, wären Perlen der Neuzeit wie „Die üblichen Verdächtigen“ oder „Memento“ heute undenkbar.

    Leider blieb dem Film ein kommerzieller Erfolg verwehrt, wofür sich hauptsächlich der Zeitungsverleger Randolph Hearst verantwortlich zeichnete. Vermutlich ist auch der Mogul dafür verantwortlich, dass "Citizen Kane" nur einen Oscar für das beste Drehbuch abräumen konnte, obwohl der Film neun Mal nominiert war (Welles als Hauptdarsteller und Regisseur, als bester Film, Musik, Kamera, Ausstattung, Schnitt, Ton). Hearst fühlte sich durch die Handlung des Films offenbar persönlich angegriffen und verwendete seine Zeitungen, um eine Hetzkampagne gegen „Citizen Kane“ zu führen. Doch nach und nach wurde dieses Meisterwerk der Filmgeschichte wieder entdeckt und löste wie kaum ein anderer Film Diskussionen um verschiedene Deutungswege aus. Einige gehen sogar soweit, „Citizen Kane“ mit Hilfe der Schriften von Bertolt Brecht zu interpretieren. Ein weiteres Indiz für die wahre Größe dieses Films. Doch Vorsicht! Eines muss jedem, der jetzt vorhat den Film zu sehen, bewusst sein: Er ist über 60 Jahre alt, was sich leider an der Bildqualität bemerkbar macht. Wer sich jedoch auf diesen Mangel und den alten Schwarz-Weiß-Look einlässt, wird mit wahrhaft grandiosem Kino belohnt.
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