Horror-Hit mit Häschen
Von Christoph PetersenAngesichts der sprachlos machenden Sensationsergebnisse von „Backrooms“ und noch mehr „Obsession“, der an den weltweiten Kinokassen mehr als das 680-Fache seines 750.000-Dollar-Budgets eingespielt hat, drohen klassische Indie-Erfolgsgeschichten aktuell ein wenig unterzugehen. Aber genau solch eine ist „Hokum“, der nach einem Bieterwettstreit zwischen mehreren US-Studios schließlich bei Neon gelandet ist und allein in den USA das Dreieinhalbfache seiner Kosten von fünf Millionen Dollar wieder reinholen konnte.
Für den irischen Regisseur und Drehbuchautor Damian McCarthy ist das nach seinen Festival-Geheimtipps „Caveat – Die Warnung“ und „Oddity“ ein gewaltiger Sprung – wobei sich seine zwei zentralen Aushängeschilder, schaurige Sets und ein Horror-Hase mit verstörend großen Augen, auch in seiner bislang mit Abstand größten Produktion wiederfinden.
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Dabei beginnt „Hokum“ – vor allem, wenn man weiß, dass die Okkult-Mär eigentlich in Irland spielt – mit einer faustdicken Überraschung: Ein Konquistador (Austin Amelio) irrt mit einem kleinen Jungen (Ezra Carlisle) im Schlepptau durch die Wüste. Offenbar sucht er nach einem Schatz – und die Karte bewahrt er in einer Schnapsflasche auf. Aber als der Korken abbricht, sieht er keine andere Möglichkeit mehr, an das Dokument zu gelangen, als die Flasche am Schädel des Jungen zu zerschmettern. Ganz schön nihilistischer Stoff – der sich kurz darauf als der neueste Roman des Protagonisten Ohm Bauman (Adam Scott) erweist.
Der desillusionierte Bestsellerautor ist auch im echten Leben verdammt mies drauf – und fest entschlossen, sich in jenem irischen Hotel das Leben zu nehmen, in dem seine Eltern einst ihre Flitterwochen verbracht haben. Allerdings scheitert der Versuch, sich zu erhängen, am aufmerksamen Zimmermädchen Fiona (Florence Ordesh). Nach einigen Wochen im Krankenhaus will sich Ohm vor der Abreise noch bei seiner Retterin bedanken – dummerweise ist diese aber seit der Halloween-Party des Hotels spurlos verschwunden. Im Haus und im Wald wurde bereits alles abgesucht – nur in der seit vielen Jahren fest verrammelten Hochzeitssuite hat bislang noch niemand nachgesehen …
Wer die vorherigen Filme von Damian McCarthy gesehen hat, kann sicherlich schon erahnen, was für ein Kostüm das verschwundene Zimmermädchen bei der Halloween-Party getragen hat: Natürlich war sie als Häsin verkleidet! Bei „Caveat“ war der fies-verkohlte Hase ja sogar auf dem Poster abgebildet – und auch in „Oddity“ gab es zumindest ein Séancen-Cameo. Aber abgesehen von der fortgesetzten Aufarbeitung eines offenbar ganz persönlichen Plüsch-Traumas ist es vor allem das zweite Markenzeichen des Regisseurs, das in „Hokum“ wieder voll zum Tragen kommt: sein untrügliches Gespür für klaustrophobische Räume.
Sobald Ohm die verrammelte Hochzeitssuite betritt, kommt „Hokum“ ganz zu sich: Die Produktionsdesigner*innen haben mit dieser Mischung aus seit Jahren unangetastetem Hotelzimmer, Hexenkeller und Höllenschlund jedenfalls ganze Arbeit geleistet. Da stimmt tatsächlich jedes Detail – und Damian McCarthy nutzt noch die kleinsten Ecken und Winkel, um sein Publikum mit geschickt platzierten und nicht zu übereifrig dosierten Jump Scares wachzurütteln. Gerade im modernen Horror-Kino können solche oft rein mechanisch genutzten Billo-Schreckmomente ja rasch nerven – aber so wie in „Hokum“ lassen wir sie uns gerne gefallen.
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Bis zur nächtlich-heimlichen Hotel-Erkundung sind wir auch mit Adam Scott so langsam warmgeworden. Traditionell eher im Comedy-Fach („Parks & Recreation“) zu Hause, haben wir den „Severance“-Star in diesem Jahr auch schon als verzweifelten Vater eines vermissten Sohnes im Netflix-Serienmord-Thriller „Der Kinderflüsterer“ gesehen. In „Hokum“ startet er nun als traumageplagter Mega-Zyniker. Doch wenn er als überheblich-arroganter US-Autoren-Großkotz die skurrilen irischen Landbewohner*innen aufs Übelste beleidigt, nimmt man ihm die Rolle nicht ganz ab: Dafür strahlt sein melancholisch-verlorener Dackelblick trotz der bösen Spitzen einfach zu viel Charisma aus.
Zum Glück kommt er nach seinem Suizidversuch als weit weniger großes Arschloch aus dem Krankenhaus zurück – und so drückt man ihm nach der Begegnung mit einem Einsiedler (David Wilmot), der Fliegenpilz-Milch schlürft, beide Daumen, wenn er sich durch verschlossene Miniatur-Türen und alte Speiseaufzugsschächte kämpft. Schade nur, dass die Auflösung des Vermissten-Falls das Gros des Publikums eher nicht großartig überraschen wird – da hätte man auf das Stricken des Whodunit-Plots ruhig eine ähnliche Liebe und Sorgfalt wie auf das Entwerfen der Sets verwenden dürfen.
Fazit: Der großartig aussehende „Hokum“ verbindet Kriminal-Thriller und Trauma-Drama auf stimmige, wenn auch nicht sonderlich überraschende Weise mit irischem Folk-Horror. Dabei begeistern vor allem die atmosphärischen Klaustrophobie-Sets, die handgemachten Grusel-Effekte und die gar nicht platt eingestreuten Jump Scares – und der zumindest im ersten Drittel noch fehlbesetzte Adam Scott kriegt im weiteren Verlauf auch rechtzeitig noch die Kurve.
Wir haben „Hokum“ beim Fantasy Filmfest 2026 gesehen, wo er seine Deutschlandpremiere gefeiert hat.