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5,0
Veröffentlicht am 27. August 2026
„Nil By Mouth“ ist der erste und nach wie vor auch einzige Film von Gary Oldman und man merkt ihm auch jederzeit an, dass es sich hier um ein echtes Herzensprojekt handelt. Oldman musste den größten Teil des Films selbst finanzieren, da er kein Studio und keinen Produzenten gefunden hat, der ein derartig finsteres und unschönes Drehbuch unterstützen wollte. Und auch an den Kinokassen spielte der Film nur einen Bruchteil seiner Produktionskosten wieder ein, Oldman hat damit am Ende eher Geld verloren als verdient. Wenn man den Film jetzt aber gesehen hat, kann man auch verstehen warum das so ist. Er ist wirklich extrem düster, nihilistisch, voller Schimpfwörter (er hält den 5. Platz bezüglich der Häufigkeit der Verwendung des Wortes „Fuck“) und ohne klare Identifikationsfiguren. Da braucht man schon ein ausgeprägtes Faible für solche abgründigen Sozialdramen, es ist ganz sicher kein Film für die breite Masse.
Für den Film gibt es keine deutsche Synchronisation, was erstmal aus den oben genannten Gründen nicht verwunderlich ist, aber auch durchaus Sinn macht. Die Szenerie lebt extrem stark von dem speziellen South East London Cockney-Slang, wodurch die Figuren erst ihre soziale Identität bekommen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man das in eine deutsche Synchronisation transportieren sollte. Immerhin gibt es auf der DVD deutsche Untertitel, was manchmal durchaus hilfreich ist.
Aber worum geht es eigentlich? „Nil By Mouth“ hat keine Handlung im engreen Sinne, wir begleiten eine Gruppe abgefuckter Menschen der Londoner Arbeiterklasse und bekommen unerwartet tiefe Einblicke in ihre Lebenswelt. Es gibt auch keine Musik, ebenso wird auf inszenatorische Spielereien verzichtet, die Handkamera bleibt immer direkt und sehr nah an den Figuren. Dadurch erreicht der Film eine erschreckende und geradezu schmerzhafte Intensität, wie ich es zuvor noch niemals erlebt habe. Ray Winstone liefert als Familienoberhaupt und unerbittlicher Patriarch eine furchtbare und zutiefst erschütternde Performance voller psychischer und physischer Bedrohung. Sein Schauspiel ist eine Urgewalt, er brettert derart gewaltsam durch den Film, dass man es wirklich mit der Angst bekommt.
Der Film zeigt ungeschönt den Alltag und das Leben in den Londoner sozialschwachen Vierteln, es gibt viel Gewalt, psychisch und auch körperlich, es wird unfassbar viel geflucht und geschimpft, der Film ist so radikal und schmerzhaft, dass man ihn kaum aushalten kann. Gary Oldman hat seine eigenen Kindheitserinnerungen zwischen häuslicher Gewalt und Sucht verarbeitet, vermiedet es dabei aber gekonnt, zu urteilen oder irgendwie einen moralischen Zeigefinger zu erheben. Seine Figuren sind kaputt, psychisch und physisch zerstört, der Film ist dunkel, finster, abgründig, perspektivlos und in jeder Beziehung nihilistisch. Die Inszenierung ist schlichtweg meisterhaft. Das ist aber ganz schön harter Tobak, den Film kann man wirklich nicht jedem empfehlen. „Nil By Mouth“ ist ehr ein Film, den man überlebt, als genießt.
Mit einer Texttafel am Ende widmet Oldman den Film seiner Mutter („For My Mother“), das ist als Dankeschön für ihre Widerstandsfähigkeit gemeint. Er zeigt in seinem Film, wie Frauen (speziell Valerie) selbst im Angesicht von exzessiver Gewalt doch noch einen Rest an Würde und Zusammenhalt bewahren können. Das ist ganz, ganz großes Kino, ich habe zuvor und danach keinen vergleichbaren Film gesehen. Aber man muss schon in der richtigen Stimmung sein, der Film braucht auch sicherlich ein paar Tage zum Sacken und Nachwirken. Absolut sehenswert!
.: Ich kannte den Begriff „nil by mouth“ vorher nicht, im Film wird das aber ganz gut erklärt und am Ende passt der Titel auch so perfekt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Am ehesten kann man den Ausdruck mit „nüchtern bleiben“ übersetzen, gemeint ist, dass man . im Vorfeld einer Operation nüchtern bleiben soll, also nichts essen und nichts trinken, eben „nichts durch den Mund“. Sprachlos.