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    Chacun son cinéma – Jedem sein Kino
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Chacun son cinéma – Jedem sein Kino
    Von Christian Horn

    Jean-Pierre & Luc Dardenne, Chen Kaige, Aki Kaurismäki, Takeshi Kitano, Wong Kar-wai, Wim Wenders, Ken Loach, Jane Campion, Gus Van Sant, David Cronenberg, Roman Polanski, Zhang Yimou, Atom Egoyan und Alejandro González Inárritu sind nur einige der 33 Ausnahmeregisseure, die anlässlich des 60. Jubiläums der Filmfestspiele von Cannes im letzten Jahr engagiert worden sind, um in jeweils 3-minütigen Kurzfilmen das Kino zu preisen. Alle gedrehten Filme spielen in oder vor einem Kino, wobei die Bezeichnung „Kino“ hier weit gefasst ist: manchmal tut es auch ein weißes Laken als Leinwand. „Chacun Son Cinéma“ ist eine aufwendige Hymne an das Kino, eine Kurzfilmkompilation von Cineasten für Cineasten – schlicht und ergreifend: eine filmische Liebeserklärung an das Kino, die durchweg gut unterhält, den Zuschauer mit seiner schieren Masse an Kurzfilmen allerdings auch ein wenig erschlägt.

    Selbstverständlich sind die Stile der Filme und die Herangehensweisen der Regisseure keineswegs kohärent, wodurch sich ein Kaleidoskop des aktuellen Kinoschaffens herausschält. Verschiedene Handschriften und gegensätzliche Philosophien prallen aufeinander – heiter und zynisch, aufwändig und schlicht, schwarzweiß und in Farbe, verschiedene Sprachen und Ländern, verspielt und ernst, auf alt getrimmt und modern. Kurzum: im Dreiminuten-Takt wird der Betrachter mit inhaltlich und stilistisch divergierenden Entwürfen konfrontiert. Dabei gibt es keinen wirklichen Ausreißer nach unten, denn alle Segmente sind auf ihre eigene Art gelungen und vor allem handwerklich tadellos umgesetzt. Trotzdem gibt es – wie bei Kurzfilmkompilationen üblich – einige Filme, die länger haften bleiben, als andere.

    Die Beiträge von Takeshi Kitano, Lars von Trier und Alejandro González Inárritu sollen hier stellvertretend für die Masse an gelungenen Kurzfilmen ein wenig näher betrachtet werden: Der japanische Autorenfilmer Takeshi Kitano ( Hana-bi) liefert einen leisen, schnörkellosen Beitrag, in dem ein alter Mann alleine in einem Kinosaal sitzt (Titel: „Eines schönen Tages“). Die Filmrolle reißt gleich zu Beginn und fängt schließlich Feuer, der alte Herr raucht in den langen Unterbrechungen geduldig seine Zigaretten und verlässt erst am späten Abend den Kinosaal, der einsam inmitten einer landschaftlichen Idylle steht. Sein Fahrrad wurde gestohlen, aber das scheint ihm egal zu sein: denn eben war er im Kino. Die humorvolle, behutsame und atmosphärische Inszenierung macht diesen Kurzfilm, der nur eine kleine Geschichte, eine Randnotiz erzählt, zu einem wunderschönen Kinomärchen, das weit über seine drei Minuten hinaus nachwirkt.

    Weniger beschaulich ist Lars von Triers Dancer In The Dark, Dogville) leicht trashiger Beitrag „Erwerbstätigkeiten“. Von Trier selbst spielt einen Kinozuschauer, der von seinem Sitznachbarn – einem aufdringlichen Filmkritiker par excellence – ununterbrochen zugequasselt wird. Darauf hat von Trier sichtlich keine Lust, zudem er in Manderlay, seinem eigenen Film, sitzt. Der vom Film gelangweilte Sitznachbar erzählt, dass er neben seinem Job als Kritiker ein Geschäftsmann sei; „Ein erfolgreicher Geschäftsmann“„Ein sehr, sehr erfolgreicher Geschäftsmann“. Mit acht Autos, eins für jeden Wochentag; und in der Lederindustrie, da liege das große Geld. „Und was machen Sie?“, fragt er von Trier schließlich. „Ich töte!“, antwortet dieser trocken. Und schlägt der Nervensäge mit einem Hammer in bester Splattermanier den Schädel ein – eine Offenbarung für jeden, der mal neben einem ähnlich unangenehmen Störenfried im Kino gesessen hat.

    „Anna“, Alejandro González Inárritus (Amores Perros) Beitrag, handelt von dem Kinobesuch einer Blinden. Ihr männlicher Begleiter übersetzt den Film, und obwohl die Frau nichts sehen kann, wird sie von der Geschichte ergriffen und weint. In einer Sequenz zeigt Inárritu, wie die Frau den Kinosaal verlässt und auf die Straße geht. „War es ein Schwarzweißfilm?“, fragt sie draußen ihren Begleiter, der sie in den Arm nimmt. „Nein, in Farbe.“ Dieser Beitrag ist nicht nur auf eine unkitschige Art und Weise emotional, sondern reflektiert auch die grundlegende Eigenschaft des Films – dessen Audiovisualität, das Zusammenwirken von Bild und Ton. Genauso wie der blinden Anna wird dem Zuschauer der Blick auf die Leinwand verwehrt; und kurz vor dem Abspann läuft auch noch die Tonspur aus.

    Diese drei Segmente sind keineswegs die einzigen herausstechenden Beiträge. Beim Sehen von „Chacun Son Cinéma“ ist es nicht nur ungemein interessant, die verschiedenen Handschriften und Kino-Hommagen der durchweg talentierten Regisseure zu betrachten, es ist – auf der Negativseite – zugleich auch recht anstrengend. Alle 33 Segmente hintereinander weg zu gucken, ist knapp an der Grenze des Möglichen und wird den Filmen letztlich auch nicht gerecht. Aber zumindest auf DVD besteht ja nun auch gar kein Zwang, die Filme am Stück zu sehen. Wobei „Chacun Son Cinéma“, allein schon aus Prinzip, natürlich möglichst im Kino genossen werden sollte.

    Es gibt Motive, die in den Segmenten immer wieder auftauchen: auf einer Metaebene das Reflektieren des Filmischen, etwa durch eine leinwandfüllende Filmklappe, die Wong Kar-wais Beitrag beschließt, oder das erwähnte Abreißen der Tonspur bei Inárritu. Und natürlich, in nahezu jedem Beitrag, schlichtweg durch das Abfilmen einer Leinwand. Dann gibt es wiederholt ganz klassische Kinomotive zu sehen: küssende bis fummelnde Pärchen, das Reden über Filme, reißende Filmrollen und daraus resultierende Gespräche mit dem Filmvorführer (was in gewisser Hinsicht auch als ein Abgesang auf das alte, nicht digitale Kino verstanden werden kann), weinende Frauen und ähnliches – immer wieder anders, immer wieder interessant eingesetzt.

    Für Kinokenner hält die Zusammenstellung viele über die Leinwände flimmernde Klassiker bereit; ebenso Hommagen an dieselben in Form von Plakaten und den typischen Programmankündigungen in großen schwarzen Lettern über dem Kino. Francois Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ wird zum Beispiel in Walter Salles‘ Segment „8944 km entfernt von Cannes“ über dem Eingang eines südamerikanischen Kinos angekündigt – was ein schöner Seitenhieb ist, denn mit der Auszeichnung von Truffauts Debütfilm in Cannes wurde 1959 der Siegeszug der „Nouvelle Vague“ eingeleitet und wie Truffaut waren auch die anderen Nouvelle-Vague-Regisseure erklärte Cinephile, also Liebhaber des Kinos. Daher ist es nur schlüssig, dass „Chacun Son Cinéma“, diese Liebeserklärung an den Film, zum Jubiläum der Filmfestspiele von Cannes, dem Festival der „Nouvelle Vague“-Filmemacher, produziert worden ist.

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