Fürwahr, dies alberne Lustspiel ist ein Fiebertraum… Unterhaltsam, aber ein Fiebertraum!
Kaum ein Theaterstück, kaum eine Geschichte ist so bekannt, wie Shakespeares „Romeo und Julia“. Die tragische Liebesgeschichte hat die Welt bis heute geprägt und unzählige Male wurde diese Story auf Bühnen oder eben auf der Leinwand interpretiert. Eine der berühmtesten filmischen Interpretationen ist ohne Zweifel Baz Luhrmanns Werk von 1996. Dies war sein erster großer Durchbruch in Hollywood und machte ihn zu einem gefragten Regisseur. Seitdem sind jedoch viele Jahre vergangen. „Romeo + Julia“ ist mittlerweile 30 Jahre alt, das Originalstück sogar ganze 400 Jahre mehr. Ich persönlich habe sowohl zum Stück als auch zum Film eine nostalgische Verbindung, da ich selbst den Romeo in einer Theateraufführung spielte. Das hatte mein Leben damals verändert, da ich hierdurch zum Schauspiel gekommen bin. Doch je älter man wird, desto mehr fallen einem Dinge auf, die nicht gut gealtert sind. Das Originalstück selbst gilt zwar als Klassiker, ist aber eine recht frustrierende Geschichte voller Missverständnisse und toxischer Männlichkeit, in dem es mehr um Hass als um Liebe geht. Wie passend, dass Luhrmann diesen Stoff verfilmte. Seine Filme sind groß, pompös und schreien förmlich „Hey, ich bin große Kunst!“. Doch leider sind seine Werke eher anstrengend als unterhaltsam, auch wenn sich hier und da ein paar tolle Momente in den Filmen verstecken. „Romeo + Julia“ ist zumindest seine beste und stärkste Arbeit.
Di Story dürfte bekannt sein: Die Großmächte Montague und Capulet sind Erzfeinde und immer wieder bekriegen sich die Vettern dieser beiden großen Namen. In dem Streit entsteht eine Liebe zwischen dem Sohn Montagues und der Tochter Capulets, die aufgrund des gegenseitigen Vaterhasses nicht aufblühen darf…
Kurz vorweg: Ich werde etwas spoilern müssen (zumindest Shakespeares Original), aber wer bitte kennt nicht das Ende dieser Geschichte?
Während so viele Menschen die tragische Liebe zwischen Romeo und Julia feiern, muss man doch anerkennen, dass beide in der Theorie unfassbar blass sind. Sie schwärmen voneinander, sie sind besessen von dem jeweils anderen, doch wirkliche Liebe ist das nicht. Es ist eine Lust, aber wie so oft bei Luhrmann und auch Shakespeare, weiß keiner von ihnen, was wirkliche Liebe ist, zumindest nicht in dieser Geschichte. Das heißt nicht, dass das Ende der beiden nicht tragisch ist, immerhin kann sich eine wirkliche Liebe zwischen den jungen Liebenden nie wirklich entwickeln und niemand weiß, was aus beiden hätte werden können. Doch zum einen ist diese Tragödie das Resultat dümmster Ereignisse und Missverständnisse, zum anderen dominiert in „Romeo + Julia“ vor allem der Hass. Die Montagues hassen die Capulets (und umgekehrt), Julia hasst ihre Eltern und Mercutio hasst den Streit zwischen den beiden Familien. Vor allem sind es die Männer, die in ihrem blinden Hass bereit sind zu töten, ungeachtet der Konsequenzen. Die Geschichte ist aus heutiger Sicht wirklich sehr problematisch und vermittelt konservative, romantisierte und völlig abstruse Botschaften. Shakespeare wollte um jeden Preis sein tragisches Ende, auch wenn er dafür Logik und Moral opfern musste.
Das bedeutet nicht, dass die Story keine guten Qualitäten hat, vor allem die filmische Umsetzung von Luhrmann holt viel aus dem Stoff heraus. Der beste Aspekt ist für mich die visuelle Umsetzung: Das Setting in Miami und Mexiko (hier wurde tatsächlich gedreht) gibt dem Film einen verrucht, ästhetischen Look. Dazu die knalligen Farben der verschiedenen Häuser und vor allem der Wechsel von Schwertern zu Pistolen ist einfach großartig. Selbst der überbordende Einsatz von christlichen Symbolen, wie Engel, Kreuze und Kirchen, passt gut in das Konzept. All das wird unterstützt durch eine überzogene, theatralische und fast schon alberne Art des Spiels des ganzen Casts, inklusive der Original-Übersetzung. Der Film strotzt nur so vor Emotionen, jede Figur geht in die Vollen und lässt ihren Gefühlen freien Lauf. Das Ganze ist wie ein Trip, ein bunter, wilder und manchmal auch aggressiver Trip. Über all dem schwebt ein toller und bombastischer Soundtrack von Craig Armstrong, Nellee Hooper und Marius de Vries, gemischt mit guten und passenden Songs aus den 90ern. Die Musik ist für mich ein Highlight des Films!
Der Cast ist ebenfalls beeindruckend mit Leonardo DiCaprio und Claire Danes in den Hauptrollen. Beide machen ihre Sache sehr gut und hatten hier ihre ersten großen Rollen, die sie zu Stars machen sollten, besonders DiCaprio drehte ein Jahr später „Titanic“. Die spannendste Figur ist natürlich aber Mercutio, energetisch gespielt von Harrold Perrineau.
Viele gute Qualitäten, die aus dem Stoff viel Gutes rausholen und manche Szenen deutlich verbessern. Doch der Film leidet unter dem typischen Baz Luhrmann-Problem: Dem Schnitt. Jill Bilcock war hierfür verantwortlich und erhielt später für „Moulin Rouge“ (ebenfalls von Luhrmann gedreht) sogar den Oscar. In dieser Kategorie hatte die Academy leider oftmals kein gutes Händchen. Und Bilcock ist in meinen Augen auch keine gute Editorin, ganz im Gegenteil. Der aggressive und unfokussierte Schnitt ruiniert einige Szenen, besonders die Actionmomente sind eine Zumutung. Viele Ereignisse werden filmisch so katastrophal erzählt, dass ich selbst nach dem hundertsten Anschauen des Films nicht genau weiß, was in manchen Momenten passiert. Allein deswegen wirkt „Romeo + Julia“ wie ein wilder und unkontrollierter Fiebertraum. Das ist jedoch Luhrmanns Stil und wer dieses hektische, wahnwitzige Tempo mag, wird hier seinen Spaß haben. Immerhin ist es nicht ganz so schlimm, wie in seinen späteren Filmen (siehe „Moulin Rouge“).
Fazit: „Romeo + Julia“ ist in manchen Punkten eine wirklich atemberaubende Verfilmung des verstaubten Theaterstoffes. Visuell und musikalisch trumpft das Werk auf und bietet einen tollen Cast. Auf der anderen Seite ruiniert der katastrophale Schnitt viele Momente und der teils alberne Grundton hilft dabei nicht wirklich. Viele gute Ideen, die leider nicht zu Ende gedacht wurden und eine Geschichte, die leider sehr schlecht gealtert ist.