Okay, ich räume ein, es ist mehr das Thema an sich, das mich so emotional berührt, als der Film im eigentlichen Sinne. Wenngleich das Drama sichtlich bemüht ist, die Geschichte der jungen Waris – angelehnt an ihr autobiografisches Buch – bewegend und packend rüberzubringen, gelingt das Regisseurin Sherry Hormann nicht so richtig. Sie fokussiert sich auf den Teil der Geschichte, der in London spielt, ab dem Moment, an dem Waris auf Marilyn trifft. Ihre Vorgeschichte in Somalia wird nur relativ kurz in Rückblicken erzählt, was aber ausreicht, um die Situation zumindest in groben Zügen zu umreißen. Das macht wahrscheinlich Sinn, denn das ganze Buch wäre wohl zu umfangreich für einen Film.
Dennoch schleichen sich auch hier immer wieder einige Längen ein, die die Handlung ausbremsen. Aber letztlich steuert der Film auf diesen einen dramatischen Moment zu, in dem Waris von einer Reporterin gebeten wird, sie solle doch von dem Tag berichten, der ihr Leben veränderte. Und entgegen der Erwartung berichtet sie nicht von dem Tag, an dem sie in einem McDonald’s entdeckt wurde, sondern eben von jenem Tag, als bei ihr die Genitalien verstümmelt wurden. Das wird im Film natürlich nicht explizit gezeigt, es reicht aber, allein die Situation mit dem schreienden Kind zu sehen, dass es einem schlecht wird. Somit bilden diese letzten 20 Minuten des Films den eigentlichen dramaturgischen und emotionalen Höhepunkt des Films, der tatsächlich wirklich gut gelungen ist und zumindest bei mir ein sehr unangenehmes Gefühl hinterlässt. Und wenn ich mir dann noch überlege, dass . Ägypten (eines der beliebtesten Urlaubsländer von uns Deutschen) die höchste Rate an weiblichen Beschneidungen in ganz Afrika hat (92% !!!!!), dann dreht sich mir endgültig der Magen komplett um.
Der Weg dahin ist dann jedoch nicht ganz so packend. Der Film ist betont unterkühlt und emotionsarm gehalten. Gerade Waris (großartig gespielt von Liya Kebede) wirkt sehr verloren und verängstigt, auf emotionaler Distanz nicht nur gegenüber ihrer Umwelt, sondern auch gegenüber dem Zuschauer. Auch Timothy Spalding spielt sehr zurückhaltend, und selbst ihre flippige Mitbewohnerin Marilyn, gespielt von Sally Hawkins, bleibt auffällig blass. Das könnte vom Drehbuch so beabsichtigt sein, verhindert aber irgendwie auch, dass der Film im ersten Teil so richtig fesseln oder emotional tiefer berühren kann. Ich denke, dass das bewusst so arrangiert wurde, um zum einen Waris Distanz zwischen ihrer Person, ihrem inneren Erleben und der Welt zu zeigen, zum anderen aber auch, um das dramatische Finale vorzubereiten und schlichtweg nur straight auf das Thema aufmerksam zu machen und zu sensibilisieren. Wenn auch nur einer von zehn Leuten, die diesen Film gesehen haben, anschließend das Thema googelt und sich nur zwei Minuten damit befasst, ist das Ziel doch erreicht.
FAZIT: Bewegendes Biopic über eine unfassbar starke Frau, dem es im ersten Teil etwas an emotionaler Tiefe mangelt, dann aber am Schluss umso heftiger einschlägt. Unbedingt sehenswert!
.: Interessanterweise wird die männliche Beschneidung auch in unserer Kultur problemlos toleriert. Auch wenn die Praktiken natürlich nicht vergleichbar sind, so bleibt es doch auch eine komplett sinnlose Verstümmelung der Genitalien, in der Regel in einem Alter, in dem die Kinder nicht einwilligungsfähig sind. Waris Dirie selbst hat ihren Sohn im Alter von 1 Jahr beschneiden lassen.
Und auch wenn das vielleicht nicht hierher gehört, ich poste den Link trotzdem: /