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    Die Zeit nach Mitternacht
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Die Zeit nach Mitternacht
    Von Jonas Reinartz
    Es gibt nicht allzu viele Begriffe, die zwielichtiger sind als der Ausdruck "Nebenwerk". Wer ihn verwendet, kann sowohl ausdrücken, dass das betreffende Werk solide oder sogar beachtlich ist, aber eben doch nicht so bedeutend wie die Glanzpunkte im Schaffen des jeweiligen Künstlers – oder aber aus Respekt vor einem großen Namen offensichtliche Schwächen verhüllen. "Afters Hours – Die Zeit nach Mitternacht" von Martin Scorsese ("Taxi Driver", "GoodFellas") aus dem Jahre 1985 ist jedoch ein Nebenwerk im besten Sinne des Wortes. Trotz oder vielmehr gerade aufgrund eines Minibudgets und äußerst kurzer Drehzeit gelang es Scorsese, seine alte, verloren geglaubte filmische Vitalität wiederzuerlangen. Unter seinen Bewunderern hat dieses Kleinod längst Kultstatus erreicht, allen anderen sei es als Geheimtipp wärmstens empfohlen.

    Paul Hackett (Griffin Dunne) langweilt sich in seinem eintönigen Leben als Programmierer. Nach einem langen Tag im Büro entflieht er der Einsamkeit in seiner Wohnung und begibt sich in ein Café. Dort kommt er wegen seiner Vorliebe für Henry Miller mit der quirligen Marcy (Patricia Arquette) ins Gespräch, die ihm erzählt, dass ihre Künstler-Freundin Kiki (Linda Fiorentino), mit der sie zusammen in einem Loft wohnt, ungewöhnliche Briefbeschwerer herstelle. Unter dem Vorwand, daran interessiert zu sein, erhält Paul eine Telefonnummer. Kaum wieder zu Hause, ruft er an und wird von der betrübt klingenden Marcy eingeladen, doch vorbeizukommen. Bereits die Taxifahrt dorthin erweist sich als abenteuerlich – der Fahrer rast in einem solchen Tempo, dass Pauls Geld aus dem Fenster flattert. Im Laufe des Abends entpuppt sich die Angebetete als hochgradig eigenartig. Sie erzählt diverse unglaubwürdige Geschichten, geht jedoch nicht darauf ein, woher sie die Brandverletzungen hat, die Paul an ihr entdeckt. Ihm wird es schließlich zu viel und er flüchtet. Dies ist jedoch erst der Auftakt zu einer wilden Nacht...

    Dass Joseph Minions Drehbuch die Arbeit eines Anfängers ist, merkt man ihm leicht an. Ein wenig zu deutlich sind etwa die Referenzen an Kafka, dessen Parabel "Vor dem Gesetz" in der Türsteher-Szene direkt zitiert wird und der unübersehbar Pate stand, für die Grundstruktur des Plots. So vergnüglich jene Anspielungen und die absurden Verwicklungen auch sind, die prinzipiell darauf basieren, dass alle Ereignisse und Personen miteinander verknüpft sind: Dieses Muster droht sich schnell abzunutzen. Daneben gelingt es Minion und Scorsese jedoch, aus den meisten ihrer Figuren mehr zu machen als pure Marionetten eines bizarren Szenarios – etwa wenn Paul die verletzliche Seite der scheinbar in den 1960ern stehen gebliebenen Kellnerin Julie entdeckt. Ohnehin durchziehen solche Wendungen den ganzen Film, und die Komik entwickelt sich mit Vorliebe aus im Grunde tragischen Momenten. Die Alptraumlogik ist dementsprechend gänzlich auf Freunde des schwarzen Humors zugeschnitten; ein weniger talentierten Regisseur hätte den Stoff jedoch leicht ruinieren können.

    Neben Scorseses Comeback markiert "Afters Hours" zudem seine erste Zusammenarbeit mit dem für seine Kreisfahrten berühmt gewordenen Kameramann Michael Ballhaus ("Die bitteren Tränen der Petra von Kant", "Bram Stoker's Dracula") – eine Verbindung, die man durchaus als "match made in heaven" bezeichnen könnte und die den Regisseur hier, genau wie der produktive Zwang, unter hohem Zeitdruck kreative Lösungen zu finden, sichtlich inspiriert hat. So teilen die beiden eine Vorliebe für äußerst dynamische Kamerabewegungen, die sie in "GoodFellas" stilprägend auf die Spitze treiben sollten. Ballhaus brilliert freilich auch hier, die Energie der Bilder scheint die Menschen, Gegenstände und Orte, die sich gegen Paul verschworen zu haben scheinen, regelrecht anzustecken. Mitten in diesem Szenario spielt Griffin Dunne in der Hauptrolle ebenso angenehm nuanciert wie auch die übrige Besetzung – und selbst die abstrusesten Vorgänge verfallen dadurch nie ins Klamaukhafte.

    Fazit: Es heißt, pro Jahrzehnt drehe Martin Scorsese einen Klassiker, etwa "Taxi Driver" für die 70er, "Raging Bull" für die 80er und "GoodFellas" für die 90er. "After Hours" bewegt sich nicht in derlei Dimensionen. Das muss er aber auch gar nicht, denn das Können des filmbesessenen Italoamerikaners adelt eine nicht bahnbrechende, aber sehr vergnügliche Odyssee durch das nächtliche Manhattan.
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