Pascal Laugier macht es einem wirklich nicht leicht. Vier Jahre nach "Martyrs", dem unverdaulichen Brocken, der die Genreabgrenzungen einriß und die Neuvermessung des cineastischen Horizonts vornahm, legt er mit "The tall man" ein nicht minder schwer auszulotendes Werk vor. Das lässt sich bestens an der FILMSTARTS-Kritik festmachen, in welcher der Verfasser von einem "lupenreinen Mystery-Thriller" schreibt. Offenbar muss er einen anderen Film gesehen haben, denn mit Mystery hat das mal überhaupt nichts zu tun, geschweige denn mit Horror. All jenen, die ein zweites "Martyrs" erwarten, sei ausdrücklich abgeraten, es sei denn, sie wollen sich auf ein bitterböses sozialkritisches Drama einlassen. Insofern ist "The tall man" mit Shyamalan's "The village - das Dorf" vergleichbar. Falsche Genre-Klassifizierung impliziert Erwartungsenttäuschung beim Konsumenten. Auch thematisch sind sich die beiden Filme durchaus ähnlich, geht es doch vor allem um Lebensperspektiven und Umstände, diese zu verändern. Allerdings wählt Laugier eine Betrachtungsweise, die nicht intelligenter hätte ausfallen können. Nach einem Story-Twist, der seinesgleichen sucht, verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse zu einem diffusen Sinnfindungsspektakel. Intelligent deshalb, weil Laugier ohne jegliche moralische Wertung den Betrachter in die Pflicht nimmt und ihm - wie in einer anderen Rezension treffend formuliert - die letzte Frage direkt vor den Latz knallt. Beeindruckendes Finale eines atmosphärischen Films mit überzeugendem Cast und stimmigem Setting, der nachdenklich stimmt und zu Diskussionen anregt.