„If only he could talk.“
Hollywood liebt Filme über Hollywood. Wenig überraschend, dass „The Artist“ 2012 bei den Oscars fünf Trophäen abräumte, darunter die Königsstatue für den „besten Film“. Imposant. Jedoch erntete der Film schnell viel Kritik für seine kitschige und zu simple Art. Der Film sei klassischer „Oscar Bait“-Stoff (Filme, die quasi nach Oscars angeln, weil sie bestimmte Kriterien erfüllen) und letzten Endes kein würdiger Vertreter der legendären Stummfilm-Ära. Schön und gut, doch was ist schlimm an einer simplen Geschichte, die eindrucksvoll erzählt wird? Was ist schlimm daran, wenn ein Film zwar kitschig ist, aber diesen clever und respektvoll in seine Inszenierung mit einbindet? Nicht nur das: „The Artist“ ist in meinen Augen gerade deswegen so großartig, weil er eben nicht nur ein klassischer Stummfilm ist, sondern auf einer faszinierenden Ebene das Medium kritisiert.
Allein die Tatsache, dass Regisseur Michel Hazanavicius es schaffte im Jahre 2011 einen Film in die Kinos zu bringen, der für das heutige Publikum völlig fremd wirken muss, ist beeindruckend. Diese Art der Filme, der Geschichtenerzählung ist alles andere als normal im 21. Jahrhundert, hat aber für viele sicherlich auch etwas Heimisches, Beruhigendes und Faszinierendes. Mir zumindest ging es so. Und ich kenne bisher nur wenig Stummfilme, dabei interessiert mich das Medium sehr. Durch „The Artist“ bin ich nun umso stärker interessiert an einer Welt, die so anders ist und doch so vertraut schient.
1927, Hollywood: Der berühmte Stummfilmschauspieler George Valentin liebt sein Leben als Star und seinen Hund Jack, der mit ihm durch dick und dünn geht. Bei den Dreharbeiten zu einem neuen Film trifft er auf die Statistin Peppy Miller, die ein paar Jahre später selbst zum Star wird… und zwar in der revolutionären Welt des Tonfilms. Valentins Produzent will ihn davon überzeugen, dass dies die Zukunft sei, doch George kann nur herzhaft drüber lachen und dreht eigenhändig seine Filme weiter. Doch die Resonanz des Publikums ist eindeutig: Der Tonfilm ist neu und spannend. Stummfilme verblassen langsam, wie auch Georges Karriere…
Natürlich braucht es nicht viel, um zu erkennen, dass „The Artist“ mit seiner Story nichts Neues probiert (zumindest auf den ersten Blick). Ein Liebespaar in Hollywood, eine absteigende Karriere, Trauer, Neid, all das, was so eine Story ausmacht ist hier enthalten. Doch einige meiner liebsten Filme erzählen eine bekannte Geschichte auf eine erfrischende und neue Art. „The Artist“ ist da keine Ausnahme. Nicht nur, dass für die meiste Zuschauer das Medium des Stummfilms etwas völlig Fremdes ist, auch die überzogene und charmante Art des Films ist sehr konträr zu den auf Realismus versessenen Kinofilmen der heutigen Zeit (gerad im Jahr 2011, in dem die Kinolandschaft stark von „The Dark Knight“ geprägt war). Doch so charmant das Ganze auch ist und mir persönlich ein Lächeln von Anfang bis Ende ins Gesicht gezaubert hat, Hazanavicius´ Film ist in einer Hinsicht sehr revolutionär: Es ist ein Stummfilm über das Ende des Stummfilms. Hier hab ich schon viele Parallelen zu „Singin´in the Rain“ gehört, aber hier ist es der Stummfilm selbst, der über sein Ableben berichtet. Ab und zu werden diese Regeln auch imposant gebrochen, so als ob der Tonfilm langsam, aber sicher die Oberhand gewinnt, doch die Message von „The Artist“ ist längst nicht so eindimensional, wie manch einer vermuten mag (will hier aber nicht spoilern).
Die Liebe zu diesem längst verschwunden Medium, ist an allen Ecken und Kanten spürbar. Die grandiose Kameraarbeit von Guillaume Schiffmann, die fabelhaften Tanzeinlagen, die Sets, die prächtigen Kostüme, alles kommt wunderbar zusammen. Auch die Verwendung von überzogen, künstlichen Requisiten oder Kostümen für die Filme, in denen George seine Hauptrollen spielt, tragen zum Charme des Films bei, wie auch der süße Hund Jack.
Ein weiterer wichtiger Punkt, ist die Musik von Ludovic Bource. Der grandiose Soundtrack ist nicht nur ein Liebesbrief an vergangene Komponisten, sondern entwickelt seinen eigenen Charakter, immerhin ist die Musik hier das wichtigste Element neben dem Bild. Wirklich hervorragend!
Die Schauspieler sind allesamt toll: Jean Dujardin als George passt perfekt in die Rolle des selbstverliebten Stars. Bérénice Bejo als Peppy Miller ist sehr süß und dann sind da noch einige Hollywoodgrößen, wie James Cromwell, Malcolm McDowell und besonders John Goodman, die ihren kleinen, aber sehr feinen Figuren Leben einhauchen.
Fazit: „The Artist“ ist ein wundervoller Film, der es schafft, mich in eine Zeit zurückzuversetzen, die ich selbst gar nicht erlebt habe. Ein Stummfilm, der nicht nur einfach eine bekannte Geschichte erzählt, sondern zeigt, warum das Medium selbst so wichtig war und immer noch ist. Hypnotisierend in seiner schwarz-weißen Pracht, in seiner überraschend stillen Präsentation und vor allem charmant in einer unaufgesetzten Art. Eine rührende Liebeserklärung an eine vergangene, aber wichtige Kunstform.